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Müssen wir Weltbürgerinnen werden?

Spätestens seit die Flüchtlinge in großer Zahl nach Europa kommen, wird uns klar, dass die Globalisierung auch die Menschen erfasst. Wie können wir darauf reagieren?

Man sollte mit Superlativen immer vorsichtig sein. Aber was wir derzeit erleben, verdient wohl den Titel „Umbruch“. Wir werden danach in einer anderen Welt als bisher leben. Sie wird die Anmutung eines Dorfes haben. Das hat Folgen. Was ist passiert? Als die Flüchtlinge kamen, wunderten wir uns, dass die meisten von ihnen ein Handy, ja sogar ein Smartphone besitzen. Es ist ihr wichtigstes Gut geworden, die Verbindung zu den Angehörigen daheim, die Auskunftei über alles, was es über die Fremde, in die sie gerade kommen, zu wissen gibt. Mittels sozialer Medien ist es möglich, sich jederzeit mit fast jedem Menschen an fast jedem Ort der Welt in Echtzeit in Verbindung zu setzen. Wir überwinden mühelos Distanzen. Selbst das Reisen ist zur Kleinigkeit geworden. Stieg man früher mit Herzklopfen in den Nachtzug nach Paris, checkt man heute ohne größeres Nachdenken für den Flug in eine beliebige chinesische Provinz ein. Das Smartphone und die sozialen Medien verändern unser Bewusstsein. Wir werden vernetzte Menschen und wir denken global.

Exakt das machen auch jene, die nun zu uns kommen, weil in ihrer Heimat die Lebensgrundlagen zerstört sind. Es ist absehbar, dass in Syrien und anderen Ländern des Nahen und Mittleren Ostens so schnell kein Friede sein wird. Wer nach langem Warten in trostlosen Lagern sein Leben vorüberziehen sieht, überlegt sich, wie er das ändern kann. Würden wir das nicht auch tun? Diese Menschen wollen den Nachteil, im falschen Land zur falschen Zeit geboren worden zu sein, nicht mehr hinnehmen. Sie wollen das, was man Lebensrecht nennt, einlösen. Wir haben im Westen die universalen Menschenrechte sozusagen erfunden. Recht auf körperliche Unversehrtheit, Recht auf Bildung, Recht auf Gesundheit, das sind nur ein paar Werte, die wir für uns in Anspruch nehmen. Und nun kommen die Menschen aus anderen Teilen der Welt und stellen die Gültigkeit dieser Werte auf den Prüfstand.

Wir erleben unmittelbar, dass in dieser Welt alles mit allem zusammenhängt, wenn die Menschen aus anderen Weltgegenden vor unserer Tür stehen. Dass unser Wohlstand auf einem enormen Energiebedarf aufgebaut ist und die fossilen Brennstoffe noch immer Grund für Kriege sind, bekommt ein Gesicht. Ohne den Ölkrieg im Irak gäbe es vermutlich den Syrien-Krieg in dieser Form nicht. Dass die Europäische Union ihre Lebensmittelexporte nach Afrika hoch subventioniert und die lokalen Bauern am Markt mit ihren Preisen nicht mehr mithalten können, manifestiert sich in Menschen, die über das Meer kommen. 

Waren zirkulieren seit Jahrzehnten rund um den Globus. Konzerne agieren international. Nun tun es auch Menschen. Und diese Entwicklung wird nicht umzukehren sein. Die alte Welt, das kleine Österreich kommt als „Insel der Seligen“ nicht mehr zurück. Das ist der schwerste Teil der Übung: anzuerkennen, dass sich vieles verändert. Ihr folgt der nicht minder anspruchsvolle Part, daraus Schlussfolgerungen zu ziehen. Mittelfristig, und da rede ich von den nächsten Jahrzehnten, werden wir unsere Identität weiterentwickeln müssen. Wir haben gelernt, Österreicherinnen und Österreicher zu sein. Wir stecken noch in den Kinderschuhen, was es heißt, Bürgerinnen und Bürger der Europäischen Union zu sein. Aber das Ziel heißt: Weltbürgerinnen und Weltbürger zu werden. Wenn wir unsere eigenen Prinzipien ernst nehmen, dass Menschenrechte unteilbar sind, dass die Chancen auf ein gutes Leben zwar ungerecht verteilt sind, dass das aber noch lange kein Grund ist, sie anderen abzusprechen, werden wir unser Leben nicht mehr ohne das der anderen denken können. Der Eine-Welt-Kreis, in dem wir bisher unter uns waren, um anderswo Gutes zu tun, wird neu besetzt. Die, für die wir uns bisher engagiert haben, werden im Kreis sitzen. Diese Vorstellung ist für viele befremdlich oder sogar beängstigend. Wir brauchen Lehrerinnen und Lehrer, um die neue Identität zu lernen. Ich empfehle, sich bei der nächsten Generation die Trainerinnen und Trainer zu suchen. Viele Junge bewegen sich selbstverständlich in der Welt, studieren irgendwo, Reisen lange und haben am eigenen Leib erfahren, was der Spruch „Jeder ist irgendwo Fremder“ bedeutet. 

Weltbürgerin und Weltbürger zu werden, ist ein notwendiger Schritt, um in Umbruchszeiten nicht in Gewalt das Heil zu suchen. Wir können mehr. Wir können uns, Smartphone sei Dank, mit allen Menschen verständigen, wir müssen nun noch die Sprache lernen, die uns das auch in einem tieferen Sinn möglich macht.

Menschenrechte mit Folgen

  • Ein Großteil der Staaten dieser Welt hat die UN-Menschenrechtscharta unterschrieben. Aber die Umsetzung blieb den Staaten selbst überlassen.
  • Heute suchen Menschen aus vielen Ländern der Welt auf eigene Faust jene Länder auf, die besser als ihre Heimat ihre Menschenrechte umsetzen. Man nennt sie Flüchtlinge und MigrantInnen.
  • Das stellt vor allem Europa, das sowohl bei Menschenrechten als auch beim Wohlstand einen massiven Vorsprung hat, auf eine enorme Probe. Die europäischen Institutionen sind noch zu wenig ausgebaut, um damit richtig umzugehen. Die internationalen Organisationen müssen dringend weiterentwickelt werden.

Was ist Ihre Meinung dazu? Schreiben Sie uns! meinemeinung@welt-der-frau.at

Erschienen in „Welt der Frau“ 03/16 – von Christine Haiden

Illustration: www.margit-krammer.at