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Muss man alles loslassen?
„Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde“, heißt es in einem Gedicht von Hermann Hesse. Derzeit florieren Lebensweisheiten, die zu Gelassenheit raten und dazu, sich nicht ans Bestehende zu klammern. Das ist schon richtig. Aber Vorsicht: Manchmal sollten wir auch festhalten.

Wenn man einmal darauf achtet, hört und liest man es überall: Wir sollen uns nicht an Vergangenes klammern, nicht an Besitz oder alte Lebenskonzepte. Loslassen sollen wir und uns neu erfinden, auch Geliebtes aufgeben können und Verluste akzeptieren. Nur wenn Altes geht, kann Neues entstehen, lautet die Weisheit. Abschied tue weh, aber Festhalten werde noch mehr schmerzen und blockieren, denn wir könnten den Gang der Dinge nicht ändern, nur uns selbst. Lass sie also fahren die Wünsche, die dich hemmen, und das Begehren, das sich nicht erfüllen wird.

Diese Ratschläge, die man oft liest, auch in „Welt der Frau“, sind gut und richtig. Sie haben eine lange Vorgeschichte, in den antiken Lehren der Stoa zum Beispiel, in den östlichen Weisheiten und zum Teil auch in der Bibel. Aber ehrlich gesagt: Wenn der sanfte Sermon vom Loslassen zu gehäuft auftritt, dann regt er mich furchtbar auf.

„Ich muss noch mal bei Meister Eckhart nachlesen“, dachte ich neulich. Der Mystiker lebte im 13. Jahrhundert und war ein Champion des Loslassens. „Du sollst dich deines eigenen Willens entäußern“, predigte er immer wieder, und man solle so komplett gar nichts mehr wollen, dass man auch an Gott nicht mehr denkt. „Wir müssen Gottes quitt werden“ ist ein berühmter Satz von ihm.

Als ich die Traktate wieder las, wusste ich auch, warum mir gerade er, der Meister Eckhart, eingefallen war: Er ist nämlich so radikal in seiner Auffassung vom „Ent-Selbsten“, dass allen gegenwärtigen PredigerInnen des Loslassens die Spucke wegbleiben würde. Für Meister Eckhart wären sie immer noch die „EselInnen“, die den eigentlichen Sinn der göttlichen Wahrheit nicht erfassen. Nach Eckhart sollen wir eben nicht nur alles aufgeben, sondern selbst zu einem Nichts werden, uns vollständig auflösen.

Man mag dazu stehen, wie man will, aber genau die Unbedingtheit dieser Haltung entlarvt, was eigentlich suspekt ist an den weichen Lehren des Loslassens von heute: Sie beziehen sich meist aufs persönliche Glück, gehen zu glatt auf und passen auch ziemlich gut in den Zeitgeist. Immer flexibel sollen wir sein und uns anpassen, uns wandeln, uns selbst verwirklichen, uns gut um uns selber kümmern und produktiv bleiben. Daran ist vieles richtig, gerade für die eigene Lebensführung. Es nutzt ja nicht, sich an Schmerz, Trauer zu binden, an vergangenes Glück oder das eigene Opfersein. Die Loslassen-Weisheit argumentiert oft auch mit dem Gang der Natur, alles stirbt, um wieder neu zu entstehen, der Gang ist zyklisch.

Aber ist das schon alles? Sicher, wir leben als Natur und müssen uns permanent von etwas trennen. Aber wollten wir nicht auch mehr sein als das? In dem radikalen Meister Eckhart brennt ein leidenschaftliches Feuer. Das Loslassen hat bei ihm keinen nur lebenspraktischen Hintergrund, etwa der Vermeidung von Übel oder der guten Lebensführung. Das alles interessiert ihn nicht. Ihn interessiert das Ewige. Und genau das ist es doch: Es gibt Dinge, Wünsche und Ideale, die wir nicht loslassen dürfen, weil sie größer sind als wir selbst. Ohne das Festhalten an etwas, was uns wert ist oder was wir für wert erachten – auch wenn wir wissen, dass es uns genommen wird – gibt es keine Leidenschaft, keine Liebe, keinen Glauben, keine politische Idee, keine Geschichte.

Mit einer zu seicht gedachten Lehre vom Loslassen, so scheint mir, landen wir allenfalls in einem esoterisch verquarkten Diesseits. Dabei weisen selbst die ganz irdischen Wünsche über sich hinaus. Hinter jedem Hadern mit Krankheit steht die Utopie der Unversehrtheit, hinter jedem Liebeskummer die Sehnsucht nach geglückter Verschmelzung, hinter jeder Habgier die Idee einer ganzen Fülle, hinter jedem Neid der Wunsch nach Gerechtigkeit. Sich von schmerzhaften Leidenschaften zu befreien ist an bestimmten Punkten notwendig, doch als generelle Haltung macht es die Welt auch flach und beraubt sie der Utopie.

Auch ich habe in „Welt der Frau“ schon über das Gute Leben als Loslassen geschrieben. Hier muss ich hinzufügen: Es ist zugleich ein gutes Recht, manchmal auch eine Pflicht, festhalten zu wollen. Das Sichbinden gehört zum Menschsein, und im Trotz gegen die praktische Vernunft, auch gegen die Weisheit und gegen die Endlichkeit, liegt ein Teil unserer Freiheit und Lebendigkeit. Dem können wir folgen, auch wenn es schmerzt und ganz sicher nichts nützt. Loslassen müssen wir früh genug.

Wenn schon loslassen, dann richtig:

  • „Den gerechten Menschen ist es so ernst mit der Gerechtigkeit, dass, wenn Gott nicht gerecht wäre, sie nicht die Bohne auf Gott achten würden“, schreibt Meister Eckhart in einer Predigt.
  • In der „unio mystica“, die Eckhart vorschwebt, ist der Unterschied zwischen Gott und Mensch aufgehoben. In dieser Einheit gibt es daher auch keinen Gott mehr. – Einige von Meister Eckharts Lehrsätzen gingen so weit, dass Papst Johannes XXII. sie im Jahr 1329 als häretisch verurteilte.
  • Im Unterschied zu den stoischen Lehren geht es Meister Eckhart nicht um das Gute Leben, sondern um das, was jenseits der Welt und jenseits des Zyklus von Werden und Vergehen liegt.

 

Erschienen in „Welt der Frau“ – von Andrea Roedig

Illustration: www.margit-krammer.at