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Man erwartet ein Kind und hat Erwartungen an die Zeit danach. Mit einem Kind beginnt ein neues Leben.

Man hat lesen und schreiben gelernt, den Satz des Pythagoras und die Deklination lateinischer Verben. Aber man hat nicht gelernt, wie das ist mit einem Kind.
Man hat sich auf die Geburt vorbereitet, Atemtechniken geübt und Strampler sortiert, aber dann sind da so viele offene Fragen. Was mache ich nur mit diesem kleinen Wesen, wenn es schreit, und vor allem: Was mache ich, wenn es nicht schreit.

WaitingWaiting„Vertraue auf die weibliche Intuition“, sagt die Stillberaterin. Nur, wo nimmt man sie her, die Intuition? Irgendwann hat man einmal ein Maturazeugnis bekommen und einen Magisterbescheid, man hat die Bewilligung, ein Auto zu fahren und einen Dienstvertrag. Weibliche Intuition hat man dafür nicht gebraucht, sondern etliche Schul- und Studienjahre, Fahrstunden und Bewerbungsschreiben. Und jetzt möge sie bitte kommen, die Intuition.

Wenn das Kind weint und man gibt ihm die Brust oder die Flasche und man wiegt es hin und her, bis es ruhig wird: Ist das Intuition? Oder Versuch und Irrtum? Und irgendwann die Erfahrung? Schließlich weiß auch der Vater, dass das Kind müde ist, wenn es die Augen reibt, oder hungrig, wenn es schmatzt. Oder ist das männliche Intuition?
Spätestens dann, wenn man vom Krankenhaus heimkommt, mit diesem winzigen Bündel im Arm, wird man sich bewusst, dass nichts mehr so ist, wie es einmal war und dass man ganz am Anfang steht. Wie ein Schulanfänger.
Eine der ersten Lektionen, die man lernt, ist, dass man nicht mehr selbstbestimmt ist. Man kann nicht mehr unter die Dusche oder ins Kino, wenn man gerade das Bedürfnis oder Lust darauf hat. Weil man nicht mehr alleine ist, nicht einmal auf dem Klo.

Man lernt auch, was wirklicher Luxus ist. Nicht die Prada-Handtasche und die Manolos, sondern einfach mal ein paar Stunden für sich. Die Zeitschrift „Brigitte Mom“ hat Mütter über ihre ersten Stunden ohne Baby befragt. Was sie gemacht haben? Sie haben geschlafen, gegessen und eingekauft. Nichts Besonderes? Und ob! Allerdings gibt es da noch diese widersprüchlichen Gefühle: Man freut sich auf ein paar freie Stunden – und dann schweifen die Gedanken immer wieder Waitingzum Kind, und plötzlich überkommt einen die Sehnsucht, seine Nase in die wohlriechende Babyhaut zu vergraben.

Irgendwann beginnt man wieder zu arbeiten. Und dann stellt man fest, dass es zwei Universen gibt, die Arbeitswelt und die Babywelt. Die eine, wo es darum geht, effizient zu sein, schnell und besser als die anderen. Und dann ist da noch die Parallelwelt, wo ganz andere Tugenden gefragt sind: Geduld etwa oder sich zurücknehmen zu können. Warten zu können oder einfach nur da zu sein. Und während ein Arbeitstag im Nu verfliegt, kann ein Tag mit Kind, wenn es Durchfall hat oder Fieber, wahnsinnig lang sein. Und am Abend gibt es keinen Text, der fertig ist und auch keine fertige Bilanz.

Man ist überhaupt nie fertig. Man hat den ganzen Tag Legotürme gebaut und Spielsachen aufgeräumt, Apfelsaft aufgewischt und Tomatensoße vom Hochstuhl gekratzt, hundert Dinge verboten und zweihundertmal „Nein!“ gehört. Und was sieht man davon? Vermutlich nur einen Haufen schmutziger Wäsche.

Aber es gibt auch solche Tage, wo man gemeinsam über die Wiese kullert und Schmetterlinge bestaunt, wo man die Geschichten vorliest, die man als Kind geliebt hat, wo man gemeinsam Pippi Langstrumpf schaut und über jedes neue Wort entzückt ist, das sich aus diesem kleinen Mund formt.

Manchmal wird man sich selbst ein wenig wiedererkennen in dem Kind – und manchmal wird es ganz fremde Seiten zeigen. Und manchmal wird man vielleicht auch jene Sätze sagen, die man selbst als Kind gehört hat und die man eigentlich nie sagen wollte.
Oft ist es anstrengend, zu erziehen, konsequent zu sein und Grenzen zu setzen. Man wäre so gerne perfekt, aber es läuft nicht immer alles so. Sehr oft kommt es anders, als man denkt. Ja, das Leben verläuft nicht linear – und eines mit Kind schon gar nicht. Ein grippaler Infekt bricht ausgerechnet dann aus, wenn man auf Urlaub fahren möchte, und eine Autofahrt dauert doppelt so lange als geplant, weil die Windel voll und das Kind pitschnass ist, weil es sich mit Saft übergossen hat. Vermutlich ist man mit zwei Achterl Wein konzentrierter unterwegs als mit quengelndem Kind.

Bei allem ist die wohl schwierigste Lektion das Loslassenlernen. Der erste Kurzurlaub ohne Kind, der erste Kindergartentag, der erste Urlaub ohne Eltern. Irgendwann wird das Kind kein Kind mehr sein. Wenn es das Nest verlässt, dann wird man sich wieder wie ein Schulanfänger fühlen. Und man wird nicht mehr wissen, wie das ohne Kind eigentlich ist.

Zur Fotokünstlerin

In ihrer Fotoserie „Waiting“ beschäftigte sich die russische Fotokünstlerin Jana Romanova (28) zwei Jahre lang intensiv mit den teils freudigen und teils angsterfüllten Erwartungen in der Zeit der Schwangerschaft. Sie fotografierte zuerst Freunde und später auch fremde Paare in den frühen Morgenstunden, schlafend oder als sie gerade am Aufwachen waren. Das Ergebnis sind 40 Fotografien, angelehnt an die 40 Wochen der Schwangerschaft, von denen „Welt der Frau“ hier einige zeigt. Derzeit sind Fotografien der Künstlerin auch in Wien zu sehen: In der Gruppenausstellung „Me, Myself & I“ in der Galerie Anzenberger, Absberggasse 27, 1100 Wien (ehemalige Ankerbrotfabrik), bis 31. Jänner 2013. Die Künstlerin Jana Romanova wird durch die Galerie Anzenberger vertreten. Ihre Bilder können als Fine Art Prints erworben werden.

 


Erschienen in „Welt der Frau“ 12/2012 – von Julia Langeneder