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Nachbarinnen: Glücksfall  und Grenzfall
Die Menschen von nebenan sind die nächsten und daher auch die ersten, die helfen können, Freude bereiten oder auch Unfrieden stiften. Wer gute NachbarInnen hat, darf sich glücklich schätzen. Überlegungen zu einem heiklen Phänomen.

Der liebe Gott sieht alles, aber deine Nachbarin sieht noch mehr.“ Mit einem herzlichen Lachen berichten Karin Tieber (50) und Elke Zangl (46) aus Haus im Enns­tal von den guten nachbarschaftlichen Erfahrungen, die sie in mehr als einem Jahrzehnt gemacht haben. In dieser Zeit ist ihre Siedlung „Haus-West“ mit herrlichem Blick auf den schneebedeckten Hauser Kaibling stark gewachsen und parallel dazu die Gemeinschaft der Frauen. Etliche von ihnen gehen regelmäßig gemeinsam walken, jausnen, teilen Freuden und Sorgen. Tieber, Geschäftsfrau und Mutter zweier erwachsener Söhne, ist die treibende Kraft hinter vielen Aktivitäten: „Wenn keine etwas tut, schläft alles ein.“

Nachbarschaft ist allgegenwärtig. Sie ist Quelle gegenseitiger Unterstützung und zugleich oft Humus für Zwietracht, die Generationen überdauern kann. Ob auf abgelegenen Gehöften, wo Äcker unterschiedlicher EigentümerInnen aneinandergrenzen; ob in Dörfern, wo Familiengeschichten wie offene Bücher sind; und erst recht in Städten, wo die Menschen zwar anonym nebeneinander wohnen, mitunter aber viel durch Fenster spähen und durch dünne Wände hören.

Ich weiß, es ist immer jemand für mich da.

Elke Zangl

Haus im Ennstal

Julia Zangl, 20, und Michael Tieber, 25, wuchsen in der selben Siedlung auf. Seit vier Jahren sind sie ein Paar.

Ja, es gibt sie, die Streitereien über Lärm, üble Gerüche und Grenzsteine, und es mag sein, dass diese Streite zunehmen. Wie wir mit unseren NachbarInnen umgehen und ob wir unser Umfeld positiv erleben, hängt jedoch zu einem guten Teil von uns selber ab. Davon ist auch Karin Tieber überzeugt. „Das Schlimmste für mich wäre, wenn ich bei der Haustüre hinausgehe und nicht gesehen werden will. Oder wenn ich mir denke: ‚Ach, jetzt muss ich wieder mit der da drüben reden.‘“ Sie selber hat Freude daran, Leute zusammenzubringen. Und wenn jemand etwas braucht, die Haustiere während des Urlaubs gefüttert, die Sträucher gemeinsam geschnitten werden sollen, tut man sich unter Bekannten beim Zupacken leichter.

Nachbarschaft ist selten frei gewählt und berührt uns auf besondere, oft ambivalente Weise. Schlagzeilen über vereinsamte Menschen, deren Tod wochenlang nicht einmal die BewohnerInnen nebenan mitbekommen haben, und Berichte über bösartige Übergriffe können suggerieren, dass es mit dem rechten Maß an Aufmerksamkeit, Toleranz und Respekt unter NachbarInnen bergab geht. Schilderungen über „seltsame Leute“, die nicht grüßen wollen, stattdessen ständig meckern, lauschen und kontrollieren, wecken den Eindruck, man stünde als „anständiger Mensch“ alleine da.

Gute Nachbarinnen und Nachbarn sind ein echter Schatz.

Der Eindruck bleibt – zumindest so lange, bis Hochwasser, Sturm oder ein Wasserrohrbruch im Mehrparteienhaus das Wohnumfeld verwüsten und in der Sekunde ein jeder und eine jede hilfsbereit zur Stelle ist. Oder bis die Nachbarin dem alten Vater ein Stück seines Lieblingskuchens bringt, uns eine andere auf ihre Gartenbank einlädt und uns bei der Lösung einer schwierigen Aufgabe hilft. Laut Freiwilligenbericht werden in Österreich jede Woche fast sieben Millionen Stunden Nachbarschaftshilfe geleistet. Besonders hoch ist die Anteilnahme, wenn sich eine Region im Ausnahmezustand befindet. Schätzungen zufolge werden 75 Prozent aller Betroffenen von Naturkatastrophen weltweit von Menschen gerettet, die in unmittelbarer Nähe leben.

Schon 700 v. Chr. schrieb der griechische Dichter Hesiod: „Lade den, der dir Freund ist, zum Mahl, unterlass es beim Feind; lade aber vor allem den, der dir nahe wohnt.“ In diesem Satz verbergen sich Solidarität und Eigeninteresse zugleich: Denn nur Menschen in deiner Nähe können in der Not rechtzeitig zur Stelle sein.

KITT DER GESELLSCHAFT
Einmal hatten Wiener Nachbarn von Tieber, die meist am Wochenende und in den Ferien in der Siedlung sind, im Winter ein Fenster offen gelassen – was nicht unbemerkt blieb. Eine Frau, die einen Reserveschlüssel für genau solche Fälle parat hat, rief die Familie an und schloss sorgfältig zu.

Haus im Ennstal

Seit mehr als einem Jahrzehnt pflegen Elke Zangl (li.) und Karin Tieber lebendige Nachbarschaft: mit regelmäßigen Treffen, Gassenfesten und gemeinsamen Ausflügen.

Unter dem Motto „Geteiltes Leid ist halbes Leid“ landeten Karin Tieber und eine ihrer Nachbarinnen sogar einmal im selben Spitalzimmer: Beide hatten bei der Gartenarbeit immer wieder über Kreuzschmerzen geklagt, bis sie sich zu einem gemeinsamen Arztbesuch aufrafften. Die Frauen wurden am selben Tag an den Bandscheiben operiert.

NachbarInnen sind der Kitt unserer Gesellschaft und tun uns im besten Fall sogar körperlich und seelisch gut. „Studien belegen, dass sozialer Rückhalt unser Selbstvertrauen stärkt. Wir sehen, dass wir das eigene Leben beeinflussen können, dass wir selbstwirksam sind. Untersuchungen zeigen, dass Menschen, die in gesunden sozialen Beziehungen und Nachbarschaften eingebettet leben, weniger belastet und gesünder sind. Das geht so weit, dass sogar Spitalsaufenthalte bei Menschen, die viel Zuwendung von ihrem Umfeld bekommen, kürzer sein können“, bekräftigt die Psychologin Gerlinde Rohrauer-Näf vom Fonds Gesundes Österreich (FGÖ).

BLICK ÜBER DEN GARTENZAUN
Lebendige Nachbarschaft braucht Orte der Begegnung. Die können wohlorganisiert oder spontan entstehen. Am Gartenzaun beisammenzustehen, miteinander zu plaudern, in der Küche beim Kaffee zu landen ist das eine. Tieber und ihre Mitstreiterinnen von „Haus-West“ gehen weiter. Jedes Jahr organisieren sie ein Gassenfest, das sogar der Bürgermeister nicht auslässt. Wöchentlich kommen vier, fünf Frauen, die „Rumkugel-Kaschthasen“, zum Kartenspiel zusammen. Jedes Mal wandert etwas Bargeld in einen Topf, das ist der Grundstock für mehrtägige Ausflüge etwa nach Südtirol und Mallorca. In Amsterdam waren auch die Ehemänner mit dabei.

AUS DEM VOLLEN SCHÖPFEN
Das Wichtigste bei allen Nachbarschaftsaktivitäten sei, „ungezwungen zu bleiben“, sagt Elke Zangl. „Du bist zu nichts verpflichtet, kannst aus dem Vollen schöpfen und alles geben. Nicht schlecht reden, die anderen leben lassen. Ich weiß, dann ist immer jemand für mich da.“ – „Mit Tratscherei macht man den größten Fehler“, setzt Tieber nach. Ihr Gefühl sage ihr, sie könne ihren Nachbarinnen vertrauen. Das sei wichtig. Denn „es geht nicht immer alles nur glatt im Leben“.

Positive nachbarschaftliche Beziehungen schaffen laut einer Studie des Kuratoriums für Verkehrssicherheit ein Gefühl von Sicherheit und tragen zur Prävention von Einbrüchen bei. Im Nachbarhaus hin und wieder das Licht einzuschalten und die Postkästen zu räumen, während die BewohnerInnen im Urlaub sind, könne Diebe fernhalten.

Hinschauen und Hinhören ist vor allem dann höchst angesagt, wenn nebenan der Familienzwist in häusliche Gewalt ausartet. Frauen und Kinder zu schützen – auch dazu braucht es aufmerksame NachbarInnen.

Als Zangls Tochter Julia im Teenageralter einmal mit einer Freundin allein zu Hause war, rief sie Karin Tieber spät am Abend um Hilfe. Ein junger Mann, der sich einen üblen Scherz erlauben wollte, hatte die beiden Mädchen fast zu Tode erschreckt. Tieber eilte im Schlafrock zu den Nachbarkindern und schlug „den Lausbuben“ lautstark in die Flucht. Mittlerweile sind Julia Zangl (20) und Tiebers Sohn Michael (25) seit vier Jahren ein Paar. „Ich möchte herumfahren, viel sehen“, sagt Julia, die als Immobilienfachfrau arbeitet. „Aber hier wohnen möchte ich immer!“

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Nachbarschaftliche Beziehungen geben ein Gefühl von Sicherheit und Heimat.

UNTERSCHIEDLICHE LEBENSPHASEN
Die bundesweite Kompetenzstelle für Gesundheitsförderung FGÖ setzt mit ihrer Initiative „Auf gesunde Nachbarschaft“ den Fokus auf

benachteiligte Bevölkerungsgruppen – auf Menschen mit wenig Einkommen, ältere Leute, AlleinerzieherInnen, MigrantInnen – und unterstützt Personen, die sich für gelungene Nachbarschaft noch mehr engagieren und weiterbilden wollen.

Denn „die Bedeutung von Nachbarschaft verändert sich je nach Lebensphase. Wenn man tagsüber viel außer Haus ist, spielt sie keine so große Rolle. Anders ist es, wenn man von zu Hause aus arbeitet, eine Phase der Arbeitslosigkeit hat, in Pension ist, Betreuungspflichten nachgeht“, sagt die Psychologin Rohrauer-Näf.

„Mit Gottes Hilfe geht alles leichter“, erzählt Maria Nimmerfall (Jahrgang 1929). Seit ihrer Geburt lebt sie in einem Dorf in Oberösterreich. Sie erlebte Jahrzehnte „mit Höhen und Tiefen“, aber sie ist getragen vom Respekt der Menschen im Dorf voreinander und echter Anteilnahme füreinander.

Als ihre Schwester durch eine schwere Krankheit bettlägerig wurde, kam ein Nachbar drei Jahre lang bis zu ihrem Tod mehrmals pro Tag zu den beiden Frauen und half, die Kranke aus dem Bett heraus- und wieder hineinzuheben. „Ich habe Menschen, die mich mögen. Darum bin ich nicht allein“, sagt Nimmerfall. Die lebendige Gemeinschaft mit den Frauen um sie herum ist ihr wichtig: „Jede hat einen Platz im Plan Gottes. Einsam ist nur, wer sich abkapselt.“

Unser Wohnraum ist ureigenes Terrain, eine Schutzhülle, in der wir uns wohlfühlen sollen. Um das zu erhalten, müssen wir sie wohl immer wieder im richtigen Maß für unsere Nächsten öffnen.