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Neiden Frauen einander den Erfolg?

Zu den gut gepflegten Vorurteilen gehört, dass Frauen am meisten von Frauen behindert werden. Keine gönne der anderen den Erfolg. Stimmt das?

Am ärgsten sind die anderen Frauen, wenn ich eine von ihnen befördere“, sagte mir kürzlich ein Mann. Er steht an der Spitze eines großen Unternehmens und er versucht, mehr Frauen in Führungspositionen zu bringen. Erst kürzlich hat er eine für einen leitenden Posten im Finanzbereich nominiert. Da musste er sich, erzählte er, einige hämische Bemerkungen anderer Frauen anhören. Ob die überhaupt geeignet sei? Dass die doch menschlich nicht gerade ein Lichtblick sei und in der Vergangenheit nur durch verbissenen Ehrgeiz aufgefallen sei. „Warum sind Frauen da nicht solidarischer?“, meinte er kopfschüttelnd. Die Klage von den „neidigen“ Frauen ist nicht neu. Auch erfolgreiche Frauen fühlen sich von anderen oft wenig unterstützt. Kaum halte eine den Kopf etwas höher hinaus, sagen sie, müsse sie schon mit gehässigen Kommentaren anderer Frauen rechnen.

Wie alle Pauschalurteile ist auch das von den missgünstigen Frauen schwer zu entkräften. Gehen wir dennoch den Spuren eines Stereotyps nach. Der Neid ist ein Kind des Vergleichs. Wer sich selbst klein fühlt, sieht sich im Spiegel der anderen auch schnell benachteiligt. Wer noch dazu die eigenen Stärken nicht kennt, labt sich zumindest an den Schwächen der anderen. „Neid muss man sich verdienen“, sagt ein Sprichwort. Das ist wohl nicht ganz falsch. Erfolgreich wird selten, wer auf Erfolg wartet, schon eher, wer etwas tut, was ihm oder ihr Freude macht, dessen oder deren Energie fließt und etwas hervorbringt, was auch andere als nützlich empfinden. 

Zugegeben: Frauen haben eine andere Erfolgsgeschichte als Männer. Über Jahrhunderte war Frauen auch in unserem Kulturkreis eine Rolle im Heim und beim Herd zugewiesen. Erfolg bestand darin, entsprechend hübsch zu sein, um geheiratet zu werden, ausreichend Nachwuchs auf die Welt zu bringen und sich die Versorgung durch den Ehemann nicht durch Aufmüpfigkeit zu verscherzen. Dieses Prachtexemplar galt es gegen die Begehrlichkeiten anderer zu verteidigen. Da war der Weg zum Neid vermutlich nicht weit. Neid, dass es die andere mit ihrem Versorger besser erwischt hat, dass die Kinder besser geraten und die finanziellen Möglichkeiten üppiger ausgefallen waren. Diese Zeiten sind im Wesentlichen vorbei. Frauen wissen, dass sie auf eigenen Beinen stehen können. Sucht der Neid sich nun neue Wege? 

Es gibt immer mehr beruflich erfolgreiche Frauen. Noch vor 20 Jahren mussten sich viele, die es an die Spitze geschafft hatten, auch von ihresgleichen fragen lassen, ob es dazu der Bettgeschichten mit hochrangigen Männern bedurfte. Das ist heute vorbei. Also sollten jene, die das Vorurteil vom Neid der Frauen aufeinander pflegen, vielleicht genauer unterscheiden, worauf der Neid sich denn bezieht. Auf den Rang? Auf das Gehalt? Auf die Gestaltungsmöglichkeiten? Selten neidet man Menschen an der Spitze das Arbeitspensum oder die Verantwortung. Schon eher den Schein, der suggeriert, dass ganz oben das Leben einfach leichter ist. Manchmal neiden Frauen den anderen aber auch die Gunst der mächtigen Männer, die bei der Förderung und Beförderung noch immer wichtig sind. Vor allem, wenn die Spitzenplätze nach wie vor überwiegend von ihnen besetzt sind. Ob da ganz alte Muster in den Frauen noch unbewusst ihr „Unwesen“ treiben?

Neid auf Frauen in Führungspositionen ist, würde ich behaupten, ganz normal. Und zwar von Männern und Frauen. Wenn etwas knapp ist, so auch die Plätze an der Spitze, hätten das auch andere gerne. Man könnte daher auch ganz emotionslos zurückfragen: „Warum sollten Frauen anderen Frauen den Erfolg nicht neiden? Tun das nicht auch Männer bei Männern?“ 

Tatsächlich sind Frauen in vielen Bereichen sehr unterstützend für andere. Gerade im Bereich der Kinderbetreuung oder der Pflege Angehöriger ginge ohne die weibliche Solidarität gar nichts. Im beruflichen Bereich ist das vermutlich noch etwas anders. Langsam, aber sicher bilden sich tragfähige Netzwerke für Frauen. Das minimiert den Neid insofern, als solche Netzwerke einander auf Basis der Gegenseitigkeit helfen. Ganz bestimmt ist aber das beste Mittel, um dem in sich aufkeimenden Neid die Luft auszulassen, eine Minute der Besinnung. Hätte ich den Job überhaupt gewollt? Entspräche er meinen Fähigkeiten und dem, womit ich mein Leben zubringen möchte? Welcher Mangel verbirgt sich hinter meinem Neid? Wirklich unterstützten kann man andere vermutlich nur, wenn man sich seiner selbst sicher ist. Aber das gilt ohnehin für Männer und Frauen.

Frauen in Führungspositionen

  • Noch immer sind deutlich weniger Frauen als Männer in Führungspositionen zu finden. Das gilt nicht nur für die Spitzenjobs, sondern auf allen Ebenen.
  • Mit Förderprogrammen versuchen viele Unternehmen, den Anteil von Frauen zu erhöhen, die mit leitenden Aufgaben betraut werden. Eine der Maßnahmen ist, Netzwerke von und für Frauen zu bilden. Dadurch soll die wechselseitige Unterstützung durch Austausch von Know-how und Empfehlung gesichert werden.
  • Nach wie vor trauen Frauen sich Aufgaben in der ersten Reihe weniger zu oder sehen ein Problem, das mit einem erfüllenden Privatleben zu verbinden. Erfolgreiche Förderprogramme für Frauen nehmen auch Rücksicht auf die speziellen Einstellungen von Frauen, die häufig durch Erziehung oder Frauengeschichte bedingt sind.

Erschienen in „Welt der Frau“ 05/15 – von Christine Haiden

Illustration: www.margit-krammer.at