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Nein, ich fürchte mich nicht!
Josefine, 72, traute ihren Augen nicht. In ihrer Abwesenheit hatten EinbrecherInnen ihr Haus verwüstet.

Die Woche bei meinem Enkelsohn war sehr anregend gewesen. Trotzdem freute ich mich wieder auf mein Zuhause. „Komisch, im Windfang steht das Fenster offen“, dachte ich, als ich durch den Garten auf mein Haus zuging. „Vielleicht hat es der Wind aufgedrückt?“ Ohne weiter zu überlegen, stellte ich meinen Koffer ab und sperrte auf. Dann war mir alles klar. Mit einem Brecheisen war der Türstock meiner Wohnungstüre aufgestemmt worden.

Wahllos lagen Bücher, Zeitschriften und CDs, in großer Eile aus den Regalen geschleudert, auf dem Boden. Die Spur der Verwüstung zog sich vom Esszimmer durch das Wohnzimmer bis in mein Schlafzimmer. Dort bot sich mir das Bild des totalen Chaos. Schwarze Fußabdrücke auf dem weißen Leintuch. Jemand musste durch mein Bett getrampelt sein. Die Kästen standen offen. Meine Kleider waren herausgefetzt. Meine Unterwäsche durchwühlt. Der Inhalt meiner liebevoll sortierten Fotoschachteln auf dem Boden verstreut. Alte Briefe durchstöbert.

Im ersten Stock hatten die EinbrecherInnen die alte Bauernkredenz, ein Erbstück meiner Eltern, gewaltsam aufgebrochen und die Schmuckkassette und die Dose mit den Goldmünzen gefunden. Verdammt noch mal, wer hatte es gewagt, in meine Privatsphäre einzudringen, sie zu verwüsten und mich dann noch zu bestehlen? Ich hätte vor Zorn heulen können. „Warum machen Menschen so etwas?“, schrie ich laut durch das leere Haus. Meine Nachbarin hatte zwar das offene Fenster bemerkt. In der Meinung, ich sei schon wieder von der Reise zurück, hatte sie nicht darauf reagiert.

Leben ist lebensgefährlich. Ich rate allen, sich nciht einschüchtern zu lassen.

Seit Jahren lebe ich alleine in meinem unscheinbaren Heim, meinem ehemaligen Elternhaus. Nie hatte ich mich darin ängstlich oder unsicher gefühlt. Doch in der ersten Zeit nach dem Einbruch war ich schwer irritiert, durch das gewaltsame Eindringen persönlich schwer verletzt. Das angebotene Gästezimmer bei der Nachbarin wollte ich aber nicht beziehen. „Reg dich nicht auf“, redete ich mir gut zu. Lass dich nicht von Unbekannten einschüchtern. Was ist das schon im Vergleich zu den wirklich heftigen Schicksalsschlägen, die ich in meinem Leben schon gemeistert habe: der schwere Unfall einer Tochter vor Jahren und der plötzliche Herztod meines Mannes.

Wütend macht mich der Einbruch aber nach wie vor, wenn ich daran denke. Auch auf mich selbst. Jedes Jahr wollte ich meinen Töchtern mit „warmer Hand“ eines meiner Schmuckstücke schenken. Wegen meiner Rheumahände kann ich keine Ringe mehr tragen. Nun sind sie weg. Der Ring, den Vater mir zum 21. Geburtstag überreicht hat. Die Brosche, das Armband und die Perlenkette, die ich zur Geburt der Kinder von meinem Mann bekommen habe. Nicht zu ersetzende Erinnerungsstücke. Ein Freund fragte mich vor Kurzem, was ich aus dem Erlebnis gelernt habe? Nun, ich habe mir fest vorgenommen, materielle Dinge zunehmend loszulassen und das Verschenken nicht von einem auf das andere Jahr zu verschieben.

Wirklich froh bin ich, dass ich nicht daheim war, als bei mir eingebrochen wurde. Dass ich beim Aufräumen meinen Pass gefunden habe, hat mich in meiner Identität bestärkt. Sicherheit gibt mir der Pfefferspray auf meinem Nachtkasterl.


Erschienen in „Welt der Frau“ 5/2013 – von Michaela Herzog