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Neues von etablierten Autorinnen

Tee mit Mick Jagger

Die jüdisch-australische Bestsellerautorin Lily Brett schreibt tollkühne, tragikomische Bücher, in denen sich das Grauen der Vergangenheit mit Selbstentblößung paart.

Da ist sie wieder, diese unverwechselbare Lily-Brett-Mischung: der Erzählton, der ständig auf dem Hochseil zwischen Komödie und Tragödie entlangbalanciert. Die Szenen, in denen die Ironie unversehens in den Abgrund kippt. Die völlige Selbstentblößung, die vor nichts haltmacht und auch noch die Türen in die intimsten Räume sperrangelweit aufreißt. Und dann sind da natürlich Lily Bretts Heldinnen: Mit voller Absicht lässt Lily Brett ihnen keinen einzigen Rückzugsort, an den ihnen der Blick der LeserIn nicht folgen könnte. Das ist auch deswegen so halsbrecherisch, weil alle Bücher der australisch-jüdischen Autorin im Letzten sie selbst zur Hauptfigur haben.
Auch Lily Bretts neuer Roman „Lola Bensky“ ist stark autobiografisch. Wie Lily Brett ist Lola Bensky die Tochter zweier polnischer Holocaust-Überlebender und emigrierte als Zweijährige mit ihren Eltern nach Australien. Wie Lily Brett ist sie in ihrer Jugend eine bekannte Pop-Journalistin, wie diese heiratet sie in zweiter Ehe einen australischen Maler, mit dem sie seit Langem in New York lebt. Ist es im neuen Roman Lola oder Lily, die zu dick ist und sich von Diät zu Diät quält? Ist es ihre Mutter oder Lolas, die vor allem in der Erinnerung an ihre im KZ ermordeten Verwandten lebt und nachts schreiend aufwacht? Ist es Lola oder Lily, die als blutjunge Pop-Journalistin mit Jimi Hendrix über Lockenwickler plaudert, mit Mick Jagger Tee trinkt, Cher ihre falsche Wimpern borgt und sich mit Janis Joplin über Übergewicht austauscht?
Auch in ihren bisherigen Erfolgsbüchern „Einfach so“ oder „Zu sehen“, mit denen Lily Brett Ende der 1990er-Jahre zur Bestsellerautorin wurde, waren die Parallelen zwischen der Autorin und ihren Heldinnen so vielfältig, dass es schwerfiel, sie auseinanderzuhalten. Ihr Stil ist eine wilde, hypnotische Mischung aus Selbstentlarvung und Schmerzaufarbeitung, Alltagssorgen und Tratsch, Holocaust und Pop-Karussell der wilden Sechzigerjahre. Lily Brett will nicht dazu beitragen, dieses Knäuel zu entwirren: „Ein Teil davon bin ich, ein Teil ist, was ich wünschte zu sein, ein Teil ist, was ich mir vorstelle, das ich sein könnte, und ein Teil ist, was ich – Gott sei Dank – nicht bin.“ Ihr neuer Roman ist vor allem eins: Eine Hochschaubahnfahrt durch das Seelenleben einer Frau, die viel mit ihrer Erfinderin gemeinsam hat. Außerdem ist es ein Zeugenbericht, der live von der Geburtsstunde der Popkultur berichtet – denn Lily Brett/Lola Bensky hat alle Großen des Pop getroffen, als sie noch jung waren und am Anfang ihrer oft so selbstzerstörerischen Karrieren standen. Damals war es noch leicht, sie in echte Gespräche zu verwickeln. Und Lolas Interviewthemen sind alles andere als leichte Kost – denn immer wieder verfällt sie auf die Themen, die sie selber quälen: Mit den verlorenen Helden des Pop passt das gut zusammen.

Lily Brett: Lola Bensky. Suhrkamp Verlag, Euro 20,50

Vater, Mutter, Kind – und Freunde

Neue Glossen von Christine Nöstlinger zum weiten Feld der Familien-, Beziehungs- und Freundschaftsführung.

Ein weiterer Band mit kurzen, prägnanten Kolumnen und Glossen aus der Feder der großen Christine Nöstlinger – sein Titel: „Liebe macht blind – manche bleiben es“. Es sind kleine, feine Betrachtungen des zwischenmenschlichen Agierens, aufgeschrieben in unprätentiöser Unverblümtheit, die ihre Komik daraus zieht, dass man sich selbst wiedererkennt, im Guten wie im weniger Guten, und dass man herzhaft lachen, sich mitärgern, mitseufzen und -ereifern darf. Nur dass eben das, was jeder kennt, kaum jemand auch so aufschreiben kann wie Nöstlinger – oft spöttisch, immer selbstironisch, sprachverspielt, engagiert und bei aller Beobachtungs- und Urteilsschärfe zutiefst menschenfreundlich, besonders gegenüber jungen Menschen. Auf den ersten Blick könnte man viele ihrer Beziehungsszenen für banal halten, aber sie sind eher universell und von der Autorin bis zur Glasklarheit gefiltert. Da geht es um Väter von mangelnder Entschlusskraft und Mütter, die bei den Kindern anderer immer am besten wissen, was gut und richtig wäre, bei den eigenen aber blind wie Grottenolme sind. Da geht es um die schwierige Frage der familiären Urlaubszielfindung, um den richtigen Umgang mit liebeskranken Teenagern, um Gäste, die mit Kerzenwachs spielen und solche, die angeblich keine Umstände machen wollen. Hinter all dem steckt das große, humorgetränkte Nachdenken darüber, wie schwierig alles werden kann, wenn es um die Menschen geht, die uns am nächsten sind. Sogar die Frage, auf wie viel Grad die Heizung eingestellt wird, kann da zu jahrelangen Grabenkämpfen führen. Vielleicht ist man gut beraten, ganz grundsätzlich einen Ratschlag zu beherzigen, den Nöstlinger im Zusammenhang mit pubertierenden Töchtern und deren Schulabbruchsdrohungen gibt: Gelassenheit. Denn nur von den wenigsten Alltagsfamiliendingen geht die Welt unter.

Christine Nöstlinger: Liebe macht blind – manche bleiben es. Residenz Verlag, Euro 21,90

Kurzrezensionen

L. Kennedy: Das blaue Buch. Hanser Verlag, Euro 22,60
Eine Frau, zwei Männer – einer ihre große, verrückte Liebe, der zweite der, mit dem sie ihr Leben in geregelte Bahnen führen will. Eine Liebesgeschichte voller falscher Fährten, von der schottischen Meisterin des Unsentimentalen.

Anne Tyler: Abschied für Anfänger. Kein & Aber Verlag, Euro 20,50
Anne Tyler, Jahrgang 1941, eine der Großen der US-Literatur, erzählt die Geschichte von Aaron und Dorothy. Dorothys Unfalltod stürzt Aaron in tiefes Elend. Doch Dorothy kehrt von den Toten zurück – mit Dorothys Hilfe lernt er, Abschied zu nehmen.