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Die kleine Frau mit den stämmigen Waden, die eine Tanzklasse für sich allein war.

Es war eines von diesen raren Festen, die ohne jede Anstrengung in Heiterkeit und Schwerelosigkeit dahinziehen. Eine Band spielte. Rasch und umstandslos füllte sich die Tanzfläche und blieb für viele Stunden voller tanzender Menschen. Der Nachmittag war sommerlich warm gewesen. Die Dämmerung kam, dann die Nacht. Sie war frisch und klar. Am Himmel über den Tanzenden wurden langsam die Sterne sichtbar. Kaum jemand dachte daran, die Terrasse, auf der man tanzte, aß und plauderte, zu verlassen, um ins Haus zu gehen. Auch die Frierenden wickelten sich bis zum Bauch in Decken und blieben. Die Musiker – ein bunt zusammengewürfelter Haufen junger Männer – spielten einen mitreißenden Gypsy-Swing. Das Tanzen war ein Vergnügen wie lange nicht mehr.

Eine Gruppe von vier, fünf Frauen und jungen Mädchen stand am Rand der Tanzfläche. Sie waren später gekommen. Man spürte ihre Befangenheit. Die Umgebung war für sie ungewohnt und neu. Nicht aber die Musik. Sie stießen sich an, schauten sich um, flüsterten miteinander, lachten kurz auf. Irgendwann gaben sie sich einen Ruck. Gemeinsam schoben sie sich vorsichtig und höflich in das hopsende, springende, klatschende und singende Gewirr der Tanzenden hinein und fingen an, sich zur Musik zu bewegen.

Eine von ihnen war eine ältere Frau. Klein, untersetzt, mit stämmigen Waden. Sie trug einen geraden, grauen Rock und einen hochgeschlossenen Kurzarmpullover in einem Pastellton. Formell, eher streng, wenig Bewegungsfreiheit. Aber nicht für sie. Sie machte kleine Schritte und sparsame Bewegungen, tanzte eher auf der Stelle als durch den Raum, und es dauerte nicht mehr als ein paar Minuten, bis die gesamte Tanzfläche mit all ihren TänzerInnen begann, sich nach ihr auszurichten – so als bewegte sich ein Schwarm um ein magnetisches Zentrum. Sie schien als Ganzes zu Musik zu werden. Ihr Körper übernahm jeden Rhythmuswechsel mit traumwandlerischer Sicherheit, machte die fantasievollsten, kleinsten Bewegungen, viele davon nicht mehr als Andeutungen, aber jede einzelne so vollkommen schön und anmutig, dass ich nicht aufhören konnte, sie anzuschauen. Ich starrte sie an diesem Abend mindestens zwei Stunden lang unverwandt an. Ich wollte, dass sie immer so weitertanzt, und ich war sicher nicht die Einzige. Erst war ich überrascht von der unvergleichlichen Anmut ihres so wenig grazilen Körpers. Dann gefesselt, wie sie allen anderen TänzerInnen Sicherheit gab, weil sie selbst so sicher war, und wie rasch sie zum Zentrum wurde, ohne es im Geringsten darauf anzulegen oder auch nur zu bemerken. Und schließlich war ich einfach nur gebannt von ihrer tänzerischen Fantasie und dem puren, leisen Vergnügen auf ihrem Gesicht. Sie war ein Mensch in seinem ureigensten Element, mühelos, selbstverständlich, wie zusammengewachsen mit der Musik. Auf kleinstmöglichem Raum entfaltete sie ohne große Gesten die größtmögliche tänzerische Schönheit. Wer sich an ihr orientierte, wurde selbst sofort zum besseren Tänzer.
Später erzählte sie der Gastgeberin, das Fest sei das allererste gewesen, zu dem sie, die anderen Frauen und ihre Familien in den zwölf Jahren eingeladen gewesen seien, in denen sie schon in dem oberösterreichischen Dorf wohnten, in das es sie aus ihrer rumänischen Heimat verschlagen hatte. Aber das ist eine ganz andere Geschichte.


Erschienen in „Welt der Frau“ 5/2013 – von Julia Kospach