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Noch zwei Minuten, bis der Zug einfährt.

Johanna, die Hauptfigur des Romans, scheint am besten beim Warten auf ihre vielen Züge nachdenken zu können. Sie umsorgt ihre Familie, also Vater und Bruder Stefan, kümmert sich um Julia, ihre Nachbarin und deren kleine Tochter Lila und dann noch um Herrn Glantz. Ernst ist nach China gefahren, der Ernst, den sie vor fünfzehn Jahren in der Schule kennengelernt hat. Damals ist sie mit ihm zu seinen Eltern mit heimgegangen, hat Spaghetti gegessen und gehört, dass Ernst „adaptiert“, wie er und „adoptiert“, wie es seine Eltern sagen, ist. Von den Bäuchen hat die kleine Johanna damals schon gehört gehabt, was sie nicht versteht, ist die Eile, mit der sie ihre Mutter bei Sybille und Johannes, den Adoptiveltern von Ernst, damals abgeholt hat. Die Mutter ist schnell erregt, dann rennt sie im Kreis und macht den Kakao für ihre Kinder zu süß.

Johanna braucht da Abstand, erzählt von ihrer Diplomarbeit und sehr versteckt und das noch einmal sehr sehr versteckt, so zwischen den Zeilen, von ihrer Hochbegabung. Doch jetzt kümmert sie sich um die anderen, die Mutter lässt sie werkeln und schickt zu Weihnachten eine Karte mit einem Lama drauf, sie will den dementen Ehemann nicht verstören, doch der sitzt gebückt am Küchentisch, gerade so, als könne ihn nichts mehr stören.

Glantz hatte sie, Johanna, zu seiner Alleinerbin eingesetzt, da er keine lebenden Verwandten mehr hatte. Seine einzige Bedingung war, dass Johanna sich um Gloria kümmerte, die nun, an Johannas Stelle aufgeregt, auf ihrem Schoß saß. Die Worte des Testaments zogen an Johanna vorbei, Zahlen in sechsstelliger Höhe, und sie fühlte eine große innere Ruhe, größer als im Tempel. Sie hatte den durchscheinenden Stoff von Glantz’ Anzug vor Augen und all dir anderen Anzüge, die er sich sein Leben lang nicht gekauft hatte. Das also war vor vierzehn Tagen gewesen. Und dann kam Gestern.

 

 

Was Sie versäumen, wenn Sie den Roman nicht lesen: Wissen über Bienen, über China. Das Gefühl, das einen umarmt, wenn man das Elternhaus ausräumt, auch wenn der Vater nicht der echte und der Bruder nur mehr der halbe ist. Irrsinn, wohl dosiert. Glück, Kindheitsglück und Nachdenken über einen, der nach China reiste, um dort seine echte Mutter zu finden. Wortspiele, Wortwitz und Wortgefechte im Selbstgespräch sind die prägenden sprachlichen Strukturen dieses faszinierenden Romans.

 

Die Autorin,1987 in Niederösterreich geboren, hat mit ihrem Jugendroman „Chucks“ den Anerkennungspreis des Landes Niederösterreich und, was noch viel mehr zählt, die ungeteilte Aufmerksamkeit der LeserInnen erhalten. Für den vorliegenden Text wurde sie mit dem Publikumspreis beim Bachmann-Wettbewerb – den Tagen der deutschsprachigen Literatur – in Klagenfurt ausgezeichnet. Sie erzählt wie in „Chucks“ unaufgeregt, lakonisch und serviert einem dabei ziemlich ernste Alltagsdramen, verziert mit Pfirsichspalten, die es nie auf einen Kuchen schaffen werden.

 

 

Cornelia Travnicek:

Junge hunde.

Roman.

Deutsche Verlagsanstalt 2015.

Christina Repolust

wurde 1958 in Lienz/Osttirol geboren. Sie schloss das Studium der Germanistik und Publizistik in Salzburg ab. Seit 1992 ist sie Leiterin des Referats für Bibliotheken und Leseförderung der Erzdiözese Salzburg und unterrichtet nebenbei Deutsch als Fremdsprache. Zudem leitet sie Literaturkreise und Schreibwerkstätten für Groß und Klein. Ihre Leidenschaft zu Büchern drückt die promovierte Germanistin so aus: „Ich habe mir lesend die Welt erobert, ich habe dabei verstanden, dass nicht immer alles so bleiben muss wie es ist. So habe ich in Romanen vom großen Scheitern gelesen, von großen, mittleren und kleinen Lieben und so meine Liebe zu Außenseitern und Schelmen entwickelt.“

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