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Nonne hilft Dirne
„Solwodi“ ist ein Menschenrechtsverein, der Zwangsprostituierten beim Aufbau eines neuen Lebens hilft. In Wien helfen Ordensschwestern jungen Frauen und schenken ihnen ein Dach über dem Kopf, Selbstvertrauen und Geborgenheit.

Irgendwo in einer Wiener Gartenwohnung. Sieben junge Frauen aus Ungarn, Bulgarien, Russland und Nigeria leben hier in einer WG. Die Jüngste ist 23, die Älteste 30. Jede hat ihr eigenes kleines Zimmer. Acht Quadratmeter ist es groß. Kasten, Schreibtisch, Bett – das war’s. Mit bunten Pölstern, rosa Kuscheldecken, Teddys und Plüschtieren versuchen die Bewohnerinnen, die unpersönliche Übergangsbleibe ein wenig heimeliger zu gestalten. Naive Geborgenheit wie im Mädchenpensionat. Nur sind Gloria, Favour, Juliana, Erzsebet, Svetlana, Katalin und Georgina* keine Kinder mehr, sondern haben selbst schon welche.

Tagsüber fahren die jungen Frauen ihre Babys im Buggy spazieren, ungeschminkt, in Jeans und Turnschuhen, die Haare zu einem Pferdeschwanz gebunden. Dann bringen sie die älteren Kinder in den Hort, bewirtschaften den Garten, sitzen im Deutschkurs, erledigen Behördenwege oder gehen auf Jobsuche. Abends schauen sie in Jogginghosen TV-Sitcoms, rauchen auf dem Balkon und kochen in der Gemeinscha sküche Nationalgerichte wie Borschtsch, Kutteleintopf und Egussi-Soup. Aber manchmal, wenn das mit dem Verdrängen nicht ganz so gut klappt, Flashbacks ihre neue, heile Welt bedrohen und die Nerven reißen, haben sie mit einem Schlag nur noch gegenseitige Verachtung füreinander übrig: „Fuck you, du verfluchte Drecksschlampe!“

„Verfluchte Schlampen“ waren sie alle; sieben von geschätzten 10.000 Prostituierten, die es insgesamt in Österreich gibt. Allein in Wien sind es 6.000, 85 Prozent sind Ausländerinnen. Die meisten scha en illegal an. Seit die Einreisebestimmungen innerhalb Europas gelockert wurden, haben MenschenhändlerInnen leichtes Spiel, eingekauftes „Frischfleisch“ einzuschleusen und zu vermarkten. Prinzipiell gilt: je jünger und leichtgläubiger, desto profitträchtiger! Viele der Frauen sind Analphabetinnen, haben keinen Schulabschluss. Mit der Perspektive, hierzulande als Kellnerin, Putzfrau oder Hilfskra arbeiten zu können – zwar schwarz, aber immerhin „anständig“ bezahlt –, werden sie geködert und lassen sich mit gefälschten Papieren freiwillig auf die Reise ein. Bis die Frauen misstrauisch werden, ist es längst zu spät.

WIE DEN AUSSTIEG SCHAFFEN

Auf abgelegenen Parkplätzen wird „die Ware“ gegen ein paar Hundert Euro ZuhälterInnen übergeben. Wer sich gegen die ZubringerInnen wehrt, wird dauergeilen „Freunden“ ausgehändigt, tagelang „zugeritten“, geschlagen und mit Morddrohungen gefügig gemacht. Ein Ausbruch aus dem Rotlichtmilieu und der Abhängigkeit der ZuhälterInnen ist schier unmöglich. Manchmal allerdings gelingt es StreetworkerInnen, einzelne Frauen am Straßenstrich aufzuklauben und sie – zum Beispiel – zu „Solwodi“ zu bringen, einer von Ordensfrauen ins Leben gerufenen Organisation der Solidarität für Frauen in Not (siehe Kasten).

„Wir kümmern uns darum, dass Opfer von Frauenhandel in einer anonymen Schutzwohnung Unterschlupf finden. Niemand Fremder darf hier herein. Nur so können wir gewährleisten, dass die Frauen vor Zuhältern und Freiern sicher sind“, erklärt Schwester Patricia Erber. Seit etwas mehr als einem Jahr ist die Salvatorianerin die Vorsitzende der österreichischen Anlaufstelle des Vereins und leistet als Psychotherapeutin selbst Krisenintervention. „Solwodi international“ wurde hingegen schon 1985 von Schwester Lea Ackermann in Kenia gegründet.

Eines Tages fällt der Satz: Schatz, ich hab Schulden. Kannst du einem Bekannten, der auf dich scharf ist, einen Liebesdienst erweisen? Eh nur einmal. Er würde sehr gut zahlen.

Schwester Anna über die Masche der „Loverboys“ von Prostituierten.

Ziel der Ordensfrauen ist es nicht, die Prostituierten zu missionieren, sondern ihr Leben zu stabilisieren. „Wir klären für sie rechtliche Fragen und helfen ihnen dabei, einen Job und eine Wohnung zu finden. Aber vor allem geben wir ihnen einen geregelten Alltag, stärken ihr Selbstwertgefühl, unterstützen sie beim Entwickeln neuer Perspektiven und ermutigen sie zu selbstbestimmten Entscheidungen“, erläutert Franziskanerschwester Anna Mayrhofer. Die Niederösterreicherin leitet die Schutzwohnung in Wien. Den Ausstieg schaffen in der Regel diejenigen Frauen leichter, die zumindest eine halbwegs intakte Kindheit erlebten, sagt sie. „Meist sind sie über unglückliche Bekanntschaften mit Loverboys abgerutscht, die die Mädchen verliebt in sie machen. Eines Tages fällt dann der Satz: ‚Schatz, ich hab Schulden. Kannst du mir helfen und einem Bekannten, der auf dich scharf ist, einen Liebesdienst erweisen. Eh nur einmal. Er würde sehr gut dafür zahlen …‘“

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85% der geschätzten 10.000 Prostituierten in Österreich sind Ausländerinnen. Viele sind Analphabetinnen, haben keinen Schulabschluss.

Den Vertrauensbruch und tiefen Fall würden die Frauen zwar als viel erschütternder und katastrophaler empfinden als jene, die schon aus dysfunktionalen Familienstrukturen kommen. Aber dafür entwickelten sie mehr Kraft , um sich wieder aus dem Schlamassel zu ziehen, weiß Schwester Anna. Schon bei „Solwodi Deutschland“ analysierte sie Hunderte Schicksale. „Eines haben alle diese Frauen gemein: Sie sehnen sich so sehr nach Liebe, Familie und Sicherheit, dass sie dafür alles in Kauf nehmen.“ Viele Frauen, speziell aus Russland oder Osteuropa, hätten ihren Lebenssinn darauf ausgerichtet, früh zu heiraten und ein Nest zu bauen. Ausbildung und Beruf für Frauen seien in ihren Kulturkreisen bislang nicht gefragt. Einem Mann zu gefallen und vorauseilend zu gehorchen gilt als „Ticket in ein besseres Leben“. Von Beginn an werden die Mädchen klein gehalten. Ihre verspielten Zimmer in der WG spiegeln diesen Seelenzustand wider.

„Sie sind extrem schutz-und anlehnungsbedürftig, auf der Suche nach Geborgenheit. Sie haben nie gelernt, Verantwortung zu übernehmen und für sich einzustehen. Stattdessen verstricken sie sich von einer Abhängigkeit in die nächste. Aufgrund von völlig devotem Beziehungsverhalten ziehen sie automatisch Männer an, die sie mies behandeln und erniedrigen“, so Mayrhofer.