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Nur Clemens war anders
Margaretes Sohn war ein fröhliches und begabtes kind. Wann ist er verloren gegangen, bevor er verschwand?

Mama, heuer kann ich zu Weihnachten nicht zu euch kommen, ich habe hohes Fieber.“ Beim Auflegen überlegte ich: Hoffentlich bleibt er auch wirklich im Bett. Er hatte sich so elend angehört. Seine Weihnachtsgeschenke verstaute ich im Schrank. Einen Pyjama und etwas Unterwäsche. Das weiß ich, als ob es gestern gewesen wäre.

Während der Weihnachtstage blieben alle meine Telefonnachrichten unbeantwortet. Ebenso die Briefe. Clemens war unerreichbar. Tagelang. Wochenlang. Bis die Ungewissheit nach Monaten durch eine Karte unterbrochen wurde. „Melde mich.“ In seiner Wohnung gab es bereits einen Nachmieter. Von ihm erfuhr ich, dass mein Sohn für ein Jahr mit dem Rad Richtung Süden aufgebrochen war. „Clemens wird sich melden“, redeten wir uns, meine drei Kinder und ich, gut zu. Tatsächlich musste er nach einem Jahr zurückgekommen sein. Das erfuhr ich aus den Bankauszügen, die mir der Nachmieter weitergeschickt hatte. Doch wohin er dann ging, weiß bis heute keiner von uns.

Wann hört die Verantwortung für das Leben eines erwachsenen Kindes auf?

Clemens war anders als wir. Jedes Studium, das er begonnen hatte, brach er wieder ab. „Dann mach doch etwas anderes. Wie und wovon willst du leben?“ Er wollte niemandem zur Last fallen. Auch uns nicht. Mit Gelegenheitsjobs finanzierte er sein bescheidenes Leben. Meine Sorge war, dass er völlig absacken würde. Gitarre und Fahrrad bedeuteten seine Freiheit. Täglich übte er stundenlang auf seinem Lieblingsinstrument. Jedes Wochenende war er allein auf Radtour. Eine Freundin erwähnte mein Sohn nie. Zunehmend wortkarger und unzugänglicher wurde er damals. Seinen besten Freund wies er mit den Worten „Geh aus meinem Leben, du störst mich“ aus der Wohnung.

Dabei war Clemens so ein lebendiges Kind. Sehr begabt in der Schule und daheim der Spaßvogel am Mittagstisch. Über seine Sprüche zerkugelten sich die älteren Geschwister jedes Mal vor Lachen.

Wann begann es, dass ich ihm nicht mehr nahekommen konnte? Mitten in der Nacht tauchte er einmal auf. Ich sah ihn am Küchentisch sitzen und schluchzen, dass es ihn schüttelte, die Hände vor dem Gesicht. „Mama, du weißt nicht, wie schlecht es mir geht.“ Ich versuchte, ihn in meine Arme zu nehmen. Alle unsere Gespräche waren geprägt von seiner Hilflosigkeit und Aggression. Einmal wies ich ihm sogar die Tür. „So wie du dich aufführst, will ich nicht, dass du dableibst.“ Wann hört die Verantwortung für das Leben eines erwachsenen Kindes auf?

Jetzt sind sechs Jahre vergangen. Bis heute gibt es kein Lebenszeichen von Clemens. Mein jüngster Sohn wäre heute 30 Jahre alt geworden. Alle unsere Nachforschungen sind im Sand verlaufen. Irgendwann habe ich zu akzeptieren begonnen, dass er seinen Lebensweg ohne uns geht – aus welchen Gründen auch immer. Diese Distanz ist meine Strategie, zu überleben. Über meine Traurigkeit rede ich mit niemandem. Unser Familienleben hat sich in einer Warteschleife eingependelt, zwischen Wut und Schmerz, Resignation und Entfremdung. Doch in meinem Innersten bin ich bis heute sicher, dass er am Leben ist.


Erschienen in „Welt der Frau“ 78/2012 – von Michaela Herzog