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Nur ein Sommermärchen?

Wir freuen uns! Die österreichischen Fußballerinnen waren bei der Europameisterschaft Weltklasse. Und wir fragen uns: „Sind wir mit der Euphorie nicht reichlich spät dran?“

Wollen wir nicht gleich motzen, sondern zuerst einmal unsere Begeisterung ausleben. Waren das tolle Spiele und ein fulminanter Teamgeist, den Österreichs Frauen in den Niederlanden gezeigt haben! Wir waren richtig stolz auf sie. Die Fußballerinnen haben sogar die eingefleischten Fans des runden Leders geknackt. Viel lebendiger, ehrlicher und begeisternder als der hoch dotierte männliche Starfußball sei das.

Gut, das Lob wird gerne angenommen. Immerhin haben die Frauen bei ihrer Europameisterschaft mehr erreicht als die Mannen rund um Trainer Koller ein Jahr zuvor. So, und jetzt darf man auch kritisch sein. Wären die Heldinnen des rot-weiß-roten „Sommermärchens“, als die sie in den Medien sofort tituliert wurden, im selben Maß beachtet worden, wenn Alaba und Co. nicht gerade in einem Formtief dümpelten? Ein Märchen ist eine unwahrscheinliche Geschichte. Unwahrscheinlich war, dass Österreichs Frauen es so weit schaffen würden. Außer zwei Vereinen hat kein österreichischer Fußballklub in der ersten Bundesliga eine Frauenmannschaft. Der Großteil des österreichischen Frauenkaders besteht aus Legionärinnen von deutschen Vereinen. Dort ist man in Sachen Frauenfußball schon bedeutend weiter. Man muss dort nicht mehr diskutieren, ob Frauen überhaupt Fußball spielen sollten. Man kann auch ohne Probleme Unterschiede zwischen Frauen- und Männerfußball zulassen. Was bei den Männern aggressiver und schneller wirkt, ist nicht nur von Mutter Natur mitgegebene Kraft, es kann auch mit den Trainingsbedingungen zu tun haben. Wer mit einer Millionengage abgesichert ist und im Verein die allerbesten Bedingungen hat, tut auch gut daran, spektakulärer zu spielen. 

Österreich hat die Entwicklung im Frauenfußball lange verschlafen. Mädchen, die eine Kickerinnengruppe gründen wollten, hatten nicht nur mit blöden Bemerkungen, sondern auch mit Schikanen wie fehlenden Sportplätzen und Trainingszeiten zu kämpfen. Der Österreichische Fußballverband hat erst knapp vor der Jahrtausendwende erkannt, dass man nicht mit einer sexistischen Einstellung in die 2000er-Jahre gehen sollte. „Das Wunder von St. Pölten“ titelte eine deutsche Zeitung zum Erfolg der Österreicherinnen in den Niederlanden. Mit der professionellen Ausbildung heimischer Fußballerinnen hat man erst 2011 systematisch begonnen, und es spricht Bände, dass das ausgerechnet in der fußballerisch relativ bedeutungslosen niederösterreichischen Landeshauptstadt geschah. Das zeigt, welchen Wert man den Nachwuchsfrauen beigemessen hat.

Immerhin, man hat begonnen, und das ist dem Präsidenten des Österreichischen Fußballverbandes hoch anzurechnen; er hat sicher deswegen einige blöde Witze zum Thema gehört. Wie auch der nun so erfolgreiche Trainer nach der ersten Runde bei der Europameisterschaft in heimischen Medien als der „Frauenfußballversteher“ vorgestellt wurde. Immer ein bisschen Spott, weil Frauen am Ball halt doch nur die zweite Wahl sind. Es ist ermüdend, dass sich dieses Klischee, Frauen wollten den Männern alles nachmachen, um es dann doch nicht so gut wie diese zu können, in Österreich nicht ausrotten lässt.

Aber zurück zu den Märchen. Die enden in der Regel bei einem „Und wenn sie nicht gestorben sind …“. Die Bewährungsprobe für den Frauenfußball kommt erst. Wie wird der Fußballverband es managen, dass die großen Vereine auch Frauen spielen lassen? Wer wird sich als Sponsor finden? Werden die Medien genauso regelmäßig über Frauen wie Männer am Ball berichten? Wie viel Geld wird es von öffentlicher Hand geben? Wird es im Sportunterricht selbstverständlich werden, dass Mädchen wie Burschen Richtung Tor stürmen? Wann wird es führende Funktionärinnen im Fußballverband geben? Das Thema wäre übrigens ein guter Ansatzpunkt dafür, zu verstehen, was unter anderem mit „Gender“ gemeint ist. Wenn zwei das Gleiche tun, die einen aber darin wesentlich mehr gefördert werden als die anderen, sollte man fragen, ob das etwas mit gelernten Geschlechterrollen zu tun hat. Kann man das mit Ja beantworten, sollte die nächste Frage die nach den Änderungsmöglichkeiten sein. Ob das in Österreich nun tatsächlich konsequent verfolgt wird, ist noch offen. Beim nächsten großen Bewerb, der Weltmeisterschaft im Frauenfußball, wieder auf ein Sommermärchen zu hoffen, ist so verwegen, wie zweimal im Leben auf einen Prinzen zu treffen.

Christine Haiden hat sich in diesem Sommer wie viele mit den österreichischen Fußballerinnen über deren Erfolge gefreut.

Frauenfußball in Österreich

  • Österreich war in Sachen Frauen am Ball einst Avant­garde. 1924 wurde der erste reine Frauenfußballverein ­„Diana“ in Wien gegründet.
  • 1936 gab es eine eigene Frauenliga mit zehn Vereinen. Nach dem Krieg zeigte der Österreichische Fußballverband keine Ambitionen, an diese Tradition anzuschließen. Erst in den 1970er-Jahren wurde eine Frauenliga zugelassen.
  • Heute haben nur Sturm Graz und SKN St. Pölten ­eigene Frauenteams. In einem ­„Kompetenzzentrum“ trai­nieren seit 2011 die Nachwuchsspielerinnen. Die Erfolge der U-17- und U-19-Teams sind beachtlich, werden medial aber wenig beachtet. Die erfolgreichste Tors­chützin des ­Nationalteams, Nina ­Burger, hat übrigens bei ihren ­Länderspielen bereits mehr Tore erzielt als der ­legendäre Toni Polster.

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Erschienen in „Welt der Frau“ 09/17

Illustration: www.margit-krammer.at