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Ottakring in Körper und Geist

Der Roman setzt mit Katjas Gespräch mit ihrem Vater ein: Kaum meldet sich der Vater, hat Katja das brennende Gefühl, sich sofort um ihn sorgen zu müssen. Allein dieses Gespräch eröffnet uns LeserInnen Einblicke in Katjas Kindheit. Am Tag der Matura hat Katja ihre Eltern und den Gemeindebau verlassen, jetzt, nach dem Anruf des Vaters fährt sie hinaus nach Ottakring. Der Vater macht sich inzwischen frisch, trinkt von seinem Wein und will seiner Tochter gleich von seiner Diagnose erzählen. An die hat ja niemand geglaubt, das, obwohl er, der Franz, doch mit 50 in Frühpension gehen konnte: Klar, er hat Krebs. Die Killerzellen wüten bereits in ihm. Er hat exzessiv gelebt, dafür gibt’s Krebs, das hätte er, der Franz doch wissen müssen.

Doch Franz ist sein ganzes Leben lang schlecht informiert gewesen. Er hatte die falsche Zeitung gelesen, klein im Format, begrenzt im Inhalt. Seinen Bezirk hat er nur verlassen, wenn er musste. Ottakring. Hier wurde er geboren, hier geht er mit seinem Hund Gassi, hier wird er sterben.

Katja erkennt die vom Leben Gezeichneten, ihren Vater Franz und die vielen anderen Menschen im Wirtshaus: Lebenslang Schnitzel und dazu mehr Wein als Weib und Gesang, schließlich haben sich ihre Eltern ja auf einer Praterwiese kennengelernt. Und ihre Mama Helli, ach die, die hat sie sogar vor dem Krankenhaus auf dem Gehsteig entbunden und ist sowieso jeden Tag in der Arbeit. So war es, Papa war in Katjas Kindheit viel im Vegas und die Mama arbeiten: Franz wollte immer dabei sein, beliebt, bekannt, ein Held. Dessen Vater war wie er selbst alkoholkrank, ein Wrack war aus diesem Mann geworden, der nach dem Krieg nur mehr Schnaps soff. Franz fand ihn schließlich auf dem Boden liegend in der dreckigen Wohnung: Er lüftet erst, nachdem der Leichnam abtransportiert wurde.

Wenn dein Hund Sinatra heißt, dann liebst du eben das Rat Pack, wie toll diese Jungs die Whiskeygläser in den Händen halten, wirklich lässig! Krankheit, Angstzustände, die Kündigung: Franz verlor schon vor langer Zeit die Orientierung, während Helli in der Manner-Fabrik schuftete und Katja sich in der Schule mit dem Mannerschnitten-Bruch sehr beliebt machen konnte. Aber auch das hilft nicht, an den Wochenenden suchen Helli und Katja nach Franz und ziehen von Gasthaus zu Gasthaus in Ottakring.

Endlich kommt Katja an, die erwachsene Tochter kocht Essen für ihren verwirrten Vater, es schmeckt ihm, auch das Gläschen Wein zum Essen genießt er. Dann beginnt er zu röcheln.

 

 

Was Sie versäumen, wenn Sie das Buch nicht lesen: Gemeindebau, Ottakring, Saufengehen, Lügen, Träumen, ein Spaziergang durch die ganz großen Träume, Ängstlichkeit und die Erklärung ihrer Ursachen, Alkoholkrankheit über die Generationen, Ehrlichkeit. Eine atemlos erzählte Geschichte, die sich nur manchmal ausrasten will. Clubs, Beisel, das Vegas und so viele unglückliche Momente, dass man selbst gern einen Schluck mittrinken würde. Pure Menschlichkeit.

 

Die Autorin arbeitet und lebt in Wien; studierte Kostümbild und später Theaterwissenschaften, arbeitete u. a. als Regieassistentin bei Film- und Fernsehproduktionen. Sie hat mehrere Kinderbücher und Romane verfasst und kann sich über zahlreiche Nominierungen bei renommierten Literaturpreisen, u. a. Glauser-Preis, freuen.

 

Amaryllis Sommerer.

Wie das Leben geht.

Roman.

Wien: Picus 2016.

Christina Repolust

wurde 1958 in Lienz/Osttirol geboren. Sie schloss das Studium der Germanistik und Publizistik in Salzburg ab. Seit 1992 ist sie Leiterin des Referats für Bibliotheken und Leseförderung der Erzdiözese Salzburg und unterrichtet nebenbei Deutsch als Fremdsprache. Zudem leitet sie Literaturkreise und Schreibwerkstätten für Groß und Klein. Ihre Leidenschaft zu Büchern drückt die promovierte Germanistin so aus: „Ich habe mir lesend die Welt erobert, ich habe dabei verstanden, dass nicht immer alles so bleiben muss wie es ist. So habe ich in Romanen vom großen Scheitern gelesen, von großen, mittleren und kleinen Lieben und so meine Liebe zu Außenseitern und Schelmen entwickelt.“

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