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Im Zeitalter der Superlative ist auch eine späte Vaterschaft gut für eine Sensation. Bleibt nur die Frage, was es für Vater, Kind und Familie bedeutet, statt der Enkel (noch einmal) eigenen Nachwuchs großzuziehen.

Konzentriert räumt Matteo die Zündhölzer, die er zuvor ausgeschüttet hat, zurück in die kleine Schachtel. Francesco sitzt mit ihm am Küchentisch und hilft mit. Geduldig zeigt er dem aufgeweckten Eineinhalbjährigen, was er mit den Zündhölzern machen darf und was nicht. Francesco ist 71. Mit 70 ist er zum dritten Mal Vater geworden. Seine beiden Töchter sind erwachsen, sein Enkel Adrien ist vier ? also ein paar Jahre älter als sein jüngster Sohn Matteo. »Erst jetzt bekomme ich mit, was es heißt, ein Kleinkind großzuziehen, wie viel Energie es braucht. Mit meinen Töchtern habe ich nie so viel Zeit verbracht. Als sie klein waren, stand ich mitten im Berufsleben, meine Mutter und meine Schwestern haben einen großen Teil der Betreuung übernommen.«
Francesco mag so etwas wie ein »Spitzenreiter« sein ? ein Ausnahmefall ist er mit seiner späten Vaterschaft nicht. Im Gegenteil, späte Väter können sich darüber freuen, voll im Trend zu liegen ? und nicht nur das: Sie befinden sich auch in prominenter Gesellschaft.

Francesco Tarlato, 71 Jahre, mit Sohn Matteo, 20 Monate.

»Für mich ist jeder Tag, den ich mit Matteo verbringen kann, an dem ich sehe, wie er wächst und sich entwickelt, wunderbar ? und wirklich ein Wunder. Ich habe mich immer schon auf die Gegenwart konzentriert und mir keine großen Sorgen um die Zukunft gemacht. Es gibt ohnehin keine Garantien im Leben. Ich genieße einfach die schönen Momente mit meiner Familie. Allerdings bin ich bei Matteo wesentlich ängstlicher, als ich es bei meinen inzwischen erwachsenen Töchtern war ? das liegt aber eher daran, dass er viel temperamentvoller ist, und nicht an meinem Alter.«

 

FÜR UND WIDER.

Mit 60 wurde Niki Lauda ? schlagzeilentauglich ? Vater von Zwillingen, Wolfgang Ambros mit jugendlichen 58. Rod Stewart bekam mit 66 sein achtes Kind, die deutschen TV-Legenden Fritz Wepper und Ulrich Wickert wollten es mit 70 noch einmal wissen. In den Medien wird derart später Kindersegen durchwegs emotional und kontroversiell diskutiert, und in diversen Internetforen finden sich dazu nicht gerade zimperliche Kommentare, wie zum Beispiel: »Die Herren können ihre Potenz unter Beweis stellen, und der Nachwuchs steht im Alter von zehn oder 20 auf dem Friedhof und pflanzt Blumen auf dem Grab.« Der Journalist Uly Foerster, der selbst mit knapp 60 Vater geworden ist, hält Aussagen wie diesen auf seinem Weblog »Age Watch« entgegen: »Alte Väter, die der ,rush hour of life? entkommen sind, können das, was von den so dringend herbeigesehnten neuen Vätern verlangt wird: Sie nehmen sich Zeit fürs Kind, sie sind fürsorglich, sie konzentrieren sich auf ihre Familie, und sie bringen für die Erziehung Wissen und Lebenserfahrung mit.«

ALTE VÄTER ? GEDULDIGE VÄTER?

Diesem Argument kann Luis Fidlschuster etwas abgewinnen. Er war 51, als Sohn Filip auf die Welt kam, seine Frau Susanne Reithofer 42. »Wir haben beide beruflich einiges erreicht, unsere Existenz war gesichert, der Lebensstandard hoch. Aus emotionalen Gründen haben wir uns dafür entschieden, ein Kind zu bekommen. Nun arbeiten wir jeweils 25 Stunden, können uns diese optimal einteilen und haben ausreichend Zeit für unseren Sohn. Das Kind läuft nicht einfach nebenbei, und wir haben keinen permanenten Stress wie viele jüngere Eltern. Für uns ist es eindeutig leichter, geduldig zu sein, zum Beispiel wenn Filip am Abend quengelig ist und viel Aufmerksamkeit braucht«, so der selbstständige Berater für Regionalentwicklung. Die deutsche Studie »Facetten der Vaterschaft« bestätigt diese Einschätzung. Während bei jüngeren Vätern starke berufliche Anforderungen auf die hohen Ansprüche der Kleinkindphase treffen, seien spätere Väter von den damit einhergehenden Rollenkonflikten weitgehend entlastet, dadurch besser imstande, sich in ihrer Vaterrolle zu engagieren und sie mit größerer Reife und emotionaler Stabilität auszufüllen.

Luis Fidlschuster, 52 Jahre, mit Sohn Filip, 16 Monate.

»Es ist kein Zufall, dass wir erst spät Eltern geworden sind. Meine Frau und ich haben beide einen anspruchsvollen Beruf, der uns wichtig ist. Hätten wir früher ein Kind bekommen, hätten wir es nicht so betreuen können, wie wir es uns vorstellen. Nachdem wir uns beide beruflich etabliert haben, können wir nun Kinderbetreuung und Arbeitsleben optimal vereinbaren ? ganz ohne Stress. Mit 30 wäre das noch nicht gegangen. Und durch Filips Geburt hat sich unser Lebensschwerpunkt eindeutig verlagert.

DIE VATERROLLE ÄNDERT SICH.

»Ich war neugierig, was bei Larissa anders sein würde als bei meinen älteren drei Kindern«, erzählt Erhard Reichsthaler, Designer und Coach. Im Gegensatz zu Luis Fidlschuster, den man als »last minute dad« bezeichnen könnte, ist Larissas Vater ein sogenannter »start-over dad«, also einer, der noch einmal von vorn beginnt. Zwischen der Ankunft seiner jüngsten Tochter und der Geburt seiner ältesten liegen drei Jahrzehnte. »Ich war damals in einer völlig anderen Lebenssituation als jetzt, war gleichzeitig Hausmann, Firmengründer und Häuslbauer. Vor allem aber hat sich meine Einstellung geändert, welche Rolle ich als Vater habe. Ich sehe mich heute viel mehr als Mentor und als jemand, der die Stärken des Kindes fördert, anstatt es zu gesellschaftlichen Normen hinerziehen zu wollen.« Sowohl Erhard Reichsthaler als auch seine Lebensgefährtin Varani Kusstatscher, 37 Jahre, sind beruflich viel unterwegs. Bei der Kinderbetreuung wechseln sie sich entsprechend ab.

GIBT ES EIN »ZU SPÄT«?

Charly Chaplin erlebte bekanntlich mit 73 noch einmal Vaterfreuden, Woody Allen ebenso. Es scheint, als würde die biologische Uhr bei Männern nicht ticken ? doch der Schein trügt. Studien legen nahe, dass es einen Zusammenhang zwischen erhöhtem Krankheitsrisiko des Kindes und hohem Alter des Vaters geben könnte, allen voran für psychische Störungen wie Depressionen, Autismus und Schizophrenie. Eine australische Studie weist sogar nach, dass Sprösslinge älterer Väter bei Intelligenztests durchschnittlich schlechter abschneiden. Vermutet wird, dass die Ursache in der Spermienqualität liegt. Dieses Risiko ist aber nicht der einzige Wermutstropfen der späten Vaterschaft. Ältere Väter haben zum Teil nicht mehr die Energie, mit ihren Kindern körperbetont zu spielen oder Sport zu treiben, und vor allem während der Pubertät kommt es häufig zu Konflikten und Missverständnissen, da die Diskrepanzen zwischen den Generationen größer sind.

RISIKO DES FRÜHEN VERLUSTS.

Späte Vaterschaft beeinflusst aber nicht nur die Beziehung zwischen Vater und Kind, sondern die gesamte Familienstruktur. Die Kinder wachsen insgesamt mit einer älteren Verwandtschaft auf, verlieren in der Regel die Großeltern väterlicherseits früher als andere. Das Risiko, den Vater in relativ jungen Jahren zu verlieren, ist natürlich ebenfalls stark erhöht. »Ich sehe das schon sehr realistisch«, so Petra Winter, Matteos Mutter. 30 Jahre Altersunterschied zu ihrem Lebensgefährten Francesco sind keine Kleinigkeit ? er ist sogar älter als ihr Vater. »Es kann schon sein, dass ich einmal sehr viel Verantwortung allein tragen werde. Aber wir versuchen einfach, uns fit zu halten und ganz im Augenblick zu leben, die Zeit im Hier und Jetzt zu genießen. Francesco ist in Pension, ich in Karenz ? wir haben den Luxus, beide ganz viel Zeit mit Matteo verbringen zu können.« Dieser Umstand bietet natürlich auch genug Reibungsflächen, verrät die 41-Jährige: »Francesco ist viel harmoniebedürftiger als ich. Er möchte, dass Matteo alles bekommt, scheut Konflikte mit ihm. Ich bin da viel konsequenter und nehme auch mal einen Aufstand in Kauf.«

IST DAS DEIN OPA?

Dass sie für die Großväter ihrer Kinder gehalten werden könnten, ist für keinen der drei späten Väter ein Thema. »Ich kann mir aber schon vorstellen, dass es für Filip ein Problem sein könnte, wenn er einmal draufkommt, dass sein Vater viel älter ist als die Väter seiner Altersgenossen.« Vor allem in der Pubertät sei das vielen Kindern peinlich, heißt es in »Facetten der Vaterschaft«. Später legt sich diese kritische Haltung jedoch wieder ? als Erwachsene geben die meisten sogar an, die Beziehung zu den Eltern habe sich besser entwickelt als bei Freunden mit jüngeren Eltern.


Erhard Reichsthaler, 58 Jahre, mit Tochter Larissa, 2 Jahre.

»Über das Alter denke ich natürlich schon manchmal nach ? Larissa wird ihren Vater 30 Jahre weniger lang haben, als das für ihre älteste Schwester, meine erste Tochter, der Fall sein wird. Andererseits ? das ist das Leben! Im Gegensatz zu allen Vorstellungen, die gar nicht stimmen müssen. Ich sehe es als Vorteil, dass ich die Zeit mit Larissa bewusster erleben kann als damals mit meinen ersten drei Kindern. Und dass ich meine Vaterrolle viel mehr als ?stärkend? denn als ?erziehend? ausfüllen kann.«

 

 

BUCHTIPP:
Uly Foerster: »Alte Väter ? Vom Glück der späten Vaterschaft« Fackelträger-Verlag, 192 Seiten, ? 4,99

 


Erschienen in „Welt der Frau“ 2/ 2012 – von Kirsten Commenda