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Perspektiven für Rumäniens Roma
Ruth Zenkert geht dahin, wo die Not am größten ist. Gemeinsam mit dem Jesuitenpater Georg Sporschill kümmert sie sich um Roma-Kinder im rumänischen Siebenbürgen.

Es ist eines der alten Bauernhäuser an der nicht asphaltierten Straße in Hosman, das Haus von Angela und ihrer Mutter. Neugierige kleine Köpfe strecken sich durch den leicht geöffneten Bretterverschlag, der als Zaun dient, im Grasstreifen vor dem Eingang liegt eine benützte Windel. Im Hof hat sich der Lehm an einigen feuchten Stellen in zähen Matsch verwandelt, die kleineren Kinder spielen halb nackt darin.
Angela W. ist 16 und hat vier Kinder. Sie sei vor ihrem gewalttätigen Ehemann  geflüchtet und ins Haus ihrer Mutter gezogen, wo auch ihre kleineren Geschwister wohnen, erklärt Ruth Zenkert. Die Kinder drängen uns ins Innere des kleinen Häuschens. Im größeren Raum stehen als einzige Möbelstücke zwei Betten und ein winziger, verdreckter Herd. Auf einem Bett liegt auf schmutziger Wäsche ein
Kleinkind, auf dem Herd stehen zwei alte Emailtöpfe. Sonst sind die Räume
leer. „Wie sollen die Kinder hier Hausaufgaben machen? Wo werden ihre Dokumente aufgehoben und was bekommen sie täglich zu essen?“, fragt Zenkert mehr rhetorisch. Schulpflicht sei so theoretisch wie Familienbeihilfe, erklärt sie dann, und dass staatliche Dokumente in den meisten Haushalten verloren gingen. Sich um Kopien zu bemühen, sei eine wichtige Aufgabe.

KEINE VORRÄTE
„Wir gehen dorthin, wo die Not am größten ist.“ Dieses Wort des heiligen Ignatius von Loyola hat die Religionspädagogin und langjährige Sozialarbeiterin Ruth Zenkert zusammen mit dem Jesuitenpater Georg Sporschill 2012 nach Siebenbürgen in Rumänien zur Volksgruppe der Roma geführt.
In Rumänien ist der Anteil der Roma an der Gesamtbevölkerung relativ hoch. Ihre Geschichte ist geprägt von Zwangsansiedlung und Zwangsassimilation, von Vertreibung bis zur systematischen Ermordung während der NS-Zeit. Bis heute, so erzählt Zenkert, würden die Roma diskriminiert. Langfristiges Planen und unternehmerisches Handeln wurde untergraben, stellt sie fest: „Die Roma haben nie gelernt, Vorräte anzulegen. Wenn heute zum Beispiel ein Tagelöhner das Fleisch eines Zickleins geschenkt bekommt, dann macht er noch am Abend ein großes Fest und lädt alle dazu ein. Wo sollte er das Fleisch denn auch aufbewahren, wenn er in seiner Hütte keinen Strom und daher auch keinen Kühlschrank hat?“
Ruth Zenkert und Georg Sporschill möchten den Roma eine Perspektive aufzeigen. Im Rahmen ihres Projektes „Elijah“ – benannt nach dem biblischen Propheten – haben sie Sozialzentren aufgebaut, in denen die Kinder Hausaufgaben machen können und eine warme Mahlzeit bekommen, sie haben Lehrwerkstätten für Jugendliche, Frauenprojekte, Brunnenhäuser und das Bildungshaus „Stella Matutina“ gegründet.

Lesen Sie weiter in der Printausgabe.

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Ruth Zenkert (links) und Jesuitenpater Georg Sporschill (Mitte) geben Roma-Familien Rückhalt und neue Perspektiven.

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Im Gemeinschaftsgarten lernen auch die Kinder, wie man selbst Gemüse zieht.

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Moise, einer von Zenkers Schützlingen aus Bukarest, ist in Hosman mit dabei.

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In der Musikschule musizieren nicht nur Kinder, es geht auch um Gemeinschaft für die Eltern.

Erschienen in „Welt der Frau“ 12/16 – von Maria Harmer