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Auf einmal sind sie schwach und zerbrechlich. Und die Angehörigen beginnen zu ahnen: Die, die viele Jahre lang sie beschützt haben und für sie da waren, werden zunehmend mehr Fürsorge und Pflege brauchen.

Zuerst sind die Anzeichen kaum zu bemerken. Die Veränderungen kommen schleichend. Die Anrufe werden häufiger. Das Einkaufen und die Gartenarbeit beschwerlicher. Namen zu vergessen, kann doch jedem passieren. Ein langer Mittagsschlaf tut jedem gut. Bis sich die erwachsenen Kinder eingestehen müssen: Mutter und Vater haben sich verändert. Lebt einer von ihnen alleine, sagt er oder sie oft nichts von den Problemen, um die eigene Unabhängigkeit und Autonomie zu wahren. Nur wenige Eltern bitten um konkrete Unterstützung, wenn sie nicht mehr zurechtkommen, andere Eltern fordern oder klagen. Die Sorgen beginnen: Sind die verschiedenen Medikamente richtig dosiert? Ist der Herd tatsächlich abgedreht? Zum ersten Mal fragt sich die engste Umgebung: Wie wird das wohl weitergehen. Das ist keine Phase, die vorübergeht. Für die alten Eltern und ihre erwachsenen Kinder hat ein neuer Lebensabschnitt begonnen. Was nun tun für Mutter und Vater? Sie sollen nicht im Stich gelassen werden.

VERANTWORTUNG UND VERPFLICHTUNG
Nicht immer tritt die Hilfsbedürftigkeit der Eltern langsam ein, sondern plötzlich durch eine akute Erkrankung, einen Sturz oder einen Schlaganfall. Dann muss rasch entschieden werden, was weiter geschehen soll. In diesen Fällen haben die erwachsenen Kinder keine Chance, sich darauf einzustellen. Da heißt es zu helfen, ohne überlegen zu können, worauf sie sich damit einlassen.
Nicht selten entsteht daraus eine Dauersituation. Wie viel in Österreich pro Tag von pflegenden Personen hingebracht und abgeholt, telefoniert, gewaschen, bekocht, gekämmt, sauber gemacht, gelagert, getröstet, gestreichelt und gehalten wird, lässt sich daran ermessen, dass rund 80 Prozent der Betreuungs- und Pflegearbeit privat zu Hause geleistet wird. Mehrheitlich von Ehefrauen, Töchtern und Schwiegertöchtern, mit mehr oder weniger familiärer Unterstützung und professioneller Hilfe an ihrer Seite.
Margit Scholta, Fachfrau für Alterswissenschaften, spricht von einem “ Heer von pflegenden Angehörigen“, das diese unbezahlbare Arbeit für die Gesellschaft leistet. Anerkennung findet ihrer Meinung nach diese wertvolle Arbeit nur in Worten. „Die Gesellschaft ist froh, dass die Angehörigen funktionieren.“ Immer noch wird ihrer Meinung nach Betreuungs- und Pflegearbeit daheim als selbstverständlich angesehen, obwohl es die Großfamilie schon lange nicht mehr gibt. Doch nach wie vor wünschen sich Menschen für ihren Lebensabend nichts mehr, als innerhalb der eigenen Familie oder von nahestehenden Verwandten liebevoll begleitet und versorgt zu werden, sagen Umfragen. „Pflege ist deshalb so herausfordernd, weil wir keine neuen, wirklich erprobten Modelle kennen“, sagt Margit Scholta. Noch nie gab es so viele alte Menschen. Noch nie waren so viele Frauen berufstätig. Noch nie gab es so vielfältige Lebensmöglichkeiten. „Kaum eine Familie setzt sich rechtzeitig mit diesem Thema – was tun mit Eltern und Schwiegereltern, wenn es so weit ist – auseinander.“ Angehörige gehen mit bestem Willen und besten Vorsätzen an die Pflege heran. Doch abhängig vom Gesundheitszustand verändert sich das Ausmaß der Hilfsbedürftigkeit. Viele Pflegende geraten im Lauf der Jahre massiv unter Druck. Durchschnittlich dauert eine Pflege acht Jahre.

ZWISCHEN KOPF UND HERZ
In Österreich steigt die Lebenserwartung pro Jahrzehnt im Durchschnitt um zwei Jahre. Derzeit liegt sie bei 77,7 Jahren bei Männern und 83,1 Jahren bei Frauen. Längst spricht die Wissenschaft von einer Lebensphase der Verantwortung für die alten Eltern. „Jeder von uns muss damit rechnen, dass wir bei einem durchschnittlich langen Leben fünf oder sechs Jahre davon alte Menschen betreuen werden“, sagt Sophia Palkoska von der Servicestelle „Pflegende Angehörige“ der Caritas. Jede Pflegeaufgabe ist von der individuellen Familienkonstellation, der Biografie, der Beziehung zu den Eltern und innerhalb der Geschwister und von den Besitzverhältnissen bestimmt. „Ich rate allen Betroffenen dazu, die finanzielle Situation und die Funktionen innerhalb der Familie abzuklären.“ Was haben wir zur Verfügung? Was können wir uns leisten? Wer zahlt was? Wer hilft mit? Wer nicht? „Das konkrete Wissen erleichtert und entspannt.“ In der Linzer Servicestelle „Pflegende Angehörige“ steht seit einigen Monaten eine Juristin zur Verfügung, die bei juristischen Fragestellungen, die sich durch Pflegeaufgaben ergeben, berät.

EMPATHIE UND EIGENVORSORGE
Pflege bedeutet für Angehörige, den eigenen Alltag auf die aktuellen Bedürfnisse von Vater, Mutter oder Schwiegermutter immer wieder neu anzupassen. Hilfe zuzulassen heißt einerseits für den alternden Menschen, von der Selbstbestimmung Abschied nehmen zu müssen, und andererseits für pflegende Angehörige, sich zeitgerecht Unterstützung zu holen.
Aus den Gesprächsgruppen für pflegende Angehörige weiß Sophia Palkoska von 70-jährigen Töchtern, deren Kräfte nicht nachlassen dürfen, da sie ihre 90-jährigen Mütter pflegen. Dort erfährt sie von der Angst vor sozialer Kontrolle. „Was glauben Sie, wenn ich die Schwiegermutter in Kurzzeitpflege gebe, zerreißt mich der ganze Ort.“ Sie lernt das Ringen um die Entscheidung kennen, für den Vater trotz eines Versprechens ein Zimmer in einem Altersheim zu suchen. Und sie weiß um die Kämpfe, es der Mutter nie recht machen zu können. Deshalb rät sie zu einer psychosozialen Begleitung, um zu lernen, „anstelle von Aufopferung sich zu erlauben, in Veränderungen zu denken und sich den drängenden Fragen wie ‚Kann ich noch?‘, ‚Will ich noch?‘ und ‚Fühle ich mich gezwungen?‘ zu stellen“. Aus dem Gefühl von Überforderung können im Pflegealltag sehr heikle Situationen entstehen. „Wenn ich gar nicht mehr kann, dann haue ich auch einmal zu oder sperre das Zimmer ab.“ Zum Schutz aller Betroffenen vor solchen Gefühlsausbrüchen plädiert Margit Scholta eindringlich, sich Hilfe von außen zu holen. „Das sind keine Schande und kein Sichdrücken vor Verantwortung, sondern verantwortungsvolles Handeln allen Beteiligten und der eigenen Gesundheit gegenüber.“ Doch die Nachfrage nach Beratung und Hilfe ist nicht so groß, wie die Belastungen durch Pflegearbeit erwarten ließen. „Pflegende Angehörige müssen nicht alles können und aushalten“, sagt Sophia Palkoska. Deshalb ihr Appell: „Erst wenn es mir gut geht, kann ich anderen Gutes tun.“

HERAUSFORDERUNG ALTER
Dass Pflege machbar und zu schaffen ist, davon ist Sophia Palkoska überzeugt. Sie rät „etwas provokant“ zu einem Perspektivenwechsel im Pflegealltag. Weg von der Dramatik auch bei der Pflege von dementen Angehörigen, hin zu mehr Leichtigkeit und Humor. Das Augenmerk nicht auf die Defizite legen. Die Chance wahrnehmen, mehr auf die Gefühle zu schauen. „Entweder mitfühlend dabeizubleiben, wenn es jemandem schlecht geht, weder äußerlich noch innerlich zu flüchten, oder aus Selbstsorge auf Distanz zu gehen, das stellt für mich eine Hochleistung dar.“
Es kann ziemlich wehtun, Eltern schwach und hilfsbedürftig zu sehen. Haben die erwachsenen Kinder sie für unsterblich gehalten? Dieses Bild hat Risse bekommen. Nicht zuletzt deshalb, weil die körperlichen und geistigen Veränderungen der Eltern die Konfrontation mit dem eigenen Älterwerden und der Vergänglichkeit mit sich bringen. Die Beschäftigung mit Fürsorge und Pflege bietet aber die Chance zur Auseinandersetzung mit den zentralen Grundfragen des eigenen Lebensweges.