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Belgien: Nicht ohne Grießnockerl
„Welt der Frau“-Leserin Lotte Meers-Stangl lebt seit mehr als 50 Jahren glücklich in Belgien.

Als ich vor vielen Jahren unter 30.000 Menschen aus allen Ländern am Welttreffen der Katholischen Jugend in Rom teilnahm, hätte ich nicht gedacht, dass ich drei Jahre später einen Belgier heiraten und nach Belgien übersiedeln würde“, schreibt Lotte Meers-Stangl. Mittlerweile lebt sie schon seit mehr als einem halben Jahrhundert in Maasmechelen in Flandern – 50 Kilometer von Aachen und 15 Kilometer vom holländischen Maastricht entfernt. „Niederländisch ist hier Landessprache, aber in den Schulen lernen die Kinder sehr schnell auch Französisch, Englisch und ein kleines bisschen Deutsch“, so die langjährige „Welt der Frau“-Leserin, deren Hochzeitsfoto damals sogar in der Vorgänger-Zeitschrift „Licht des Lebens“ abgedruckt war.

In Österreich arbeitete Lotte Meers-Stangl als Volksschullehrerin. In Belgien war sie zehn Jahre lang Hausfrau und Mutter eines Dreimäderlhauses. Die Prüfung zur Gleichstellung des Diploms machte sie erst später. Eine Zeit lang arbeitete sie auch als Niederländisch-Deutsch-Übersetzerin und im Oberlandesgericht in Tongern als Dolmetscherin. Weil sie die Landessprache schnell lernte, fiel der Österreicherin die Integration nicht schwer. In einem Chor und durch das Engagement in der Pfarre in der Krankenfürsorge und als Organistin konnte sie viele Kontakte knüpfen.

Ihr Mann arbeitete in der Computerabteilung eines Steinkohlebergwerks, später bei den Ford-Werken. „Die Bergwerksverwaltung vermietete ihren Angestellten günstig nette Einfamilienhäuser in einer Gartensiedlung, Cité genannt. Mehr als 20 Nationalitäten wohnten in der Cité friedlich nebeneinander. Weil man die Häuser nicht kaufen konnte, erwarben wir nach einigen Jahren doch ein eigenes Haus.“

In der Pension wandert und radelt Lotte Meers-Stangl viel mit ihrem Mann Arie, auch Lesen, Gartenarbeit, Kultur und Weiterbildung füllen die Freizeit. Vorrang vor allen Hobbys haben jedoch die vier Enkel. Durch wiederkehrende Rituale bringen die Großeltern den Enkelkindern Österreich nahe – dazu gehört auch das gemeinsame Kochen von Marillenknödeln und Apfelstrudel. „Die 5-jährige Merel vergewissert sich schon im Vorhinein telefonisch: Mach aber bitte wieder die weißen Knödi, die Grießnockerl heißen!“

Belgien ist ein Konglomerat dreier politischer und sprachlicher Gemeinschaften. „Durch die komplizierte Zusammensetzung des Landes und auch aus historischen Gründen entsteht kein Nationalitäts-, aber auch kein Heimatgefühl, wie das in Österreich so stark ausgeprägt ist. Das Wort ‚Heimat‘ kommt nicht vor im Sprachschatz, aber man hält besonders in Flandern sehr viel auf die eigene Familie und ein eigenes Haus. Im Volksmund sagt man, jeder Flame habe einen Backsteinziegel im Magen“, so Lotte Meers-Stangl. Für sie ist Heimat dort, „wo liebe Menschen sind, bei denen ich sein kann, wie ich bin“. Und das hat sie in Belgien gefunden.

 

Lotte in Belgien:

  • Als Frau behält man in Belgien seinen Mädchennamen. Die Kinder erhalten, wenn nicht anders festgelegt, den Familiennamen des Vaters, auch Doppelnamen sind möglich.
  • FlamInnen sind im Allgemeinen Familienmenschen, die Väter helfen vielfach mit im Haushalt.
  • In Belgien verdient man gut, aber es gibt auch die höchsten Steuern Europas, etwa 50 Prozent.

 


Erschienen in „Welt der Frau“ 1/2013 – von Julia Langeneder