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Berlin: Direkt, frech und herzlich
Bamikale Shonubi aus Berlin hat schon als kleines Mädchen „Welt der Frau“ gelesen – sogar in Nigeria.

Wenn es Mai wird in Berlin, ist Bamikale Shonubi auf diversen Märkten der Millionen-stadt anzutreffen. Entweder durchstöbert sie jene nach Kunst oder sie kauft ihre Lebensmittel frisch von dort. Zu ihrem Freiluft-Berlin gehört auch das Flair der vielen Straßencafés. „Berlin ist eine spannende, sehr multikulturelle Stadt. Lebendig, aber nicht hektisch.“ Die gebürtige Wienerin lebt seit 1985 in Deutschlands Bundeshauptstadt. Bevor sie nach Berlin kam, hatte sie bereits eine lange Reise hinter sich. Mit sechs Jahren zog sie mit ihren Eltern – die Mutter Österreicherin, der Vater Afrikaner – und ihren vier Geschwistern nach Nigeria. „Darüber wurde in ‚Welt der Frau‘ berichtet. Diese Zeitschrift hat unsere Familie übrigens bis nach Afrika und jetzt auch nach Berlin begleitet.“ Als sie 16 Jahre alt war, kehrte sie alleine nach Wien zurück und machte die Ausbildung zur Kindergartenpädagogin. Dann lief ihr der Vater ihrer inzwischen zwei erwachsenen Söhne über den Weg, und sie folgte ihm nach Deutschland. Was die 49-Jährige inzwischen von ihren Freundinnen in Österreich sehr unterscheidet, ist ihre „Berliner Schnauze“. „Der Berliner ist sehr direkt, etwas frech, trotzdem herzlich. Wenn du hier auf der Straße hinfällst, kann es dir schon passieren, dass dich ein Berliner fragt: „Haste wat jefunden?“, schildert Bamikale Shonubi mit einem herzhaften Lachen.

Als Kindergartenpädagogin arbeitet sie nicht mehr, sondern in einem Schulhort. Als Erzieherin ist sie täglich mit dem Problem konfrontiert, das nicht wenige Familien in Berlin haben – Armut. „Viele können sich für die Jause ihrer Kinder nicht einmal frisches Obst oder Gemüse leisten.“ Auch zum Stadtbild gehören immer öfter jene Menschen, die die Obdachlosenzeitung verkaufen.

Dass die 49-Jährige den Fall der Mauer und die Entwicklung danach hat miterleben dürfen und darf, sieht sie als großes Privileg. „Wenn solch eine Mauer weg ist, wird einem erst bewusst, was das für eine Stadt bedeutet. Berlin ist im wahrsten Sinne des Wortes offener, weiter geworden. Wir genießen es, Ausflüge in das östliche Umland zu machen. Inzwischen sind die Orte nicht mehr trist, sondern vieles wurde renoviert und restauriert. Die Leute haben gelernt, umzudenken und den Tourismus als gute Einnahmequelle zu sehen.“

Ihre Freizeit gehört seit 2006 dem Improvisationstheater. Was sie in Berlin wiedergefunden hat, ist ihr Glaube. „Ich gehe seit ein paar Jahren in eine Gospel-kirche, wo ein afroamerikanischer Pfarrer predigt – ohne erhobenen Zeigefinger, wie ich es oft in katholischen Kirchen erleben musste.“

 

Bamikales Berlin

  • … ist weit, offen, lebendig, aber nicht hektisch.
  • … ist grün und hat viele Gewässer, die für Wassersport genutzt werden. Meine beiden Söhne segeln.
  • … hat gelernt, umzudenken. Den West-Ost-Konflikt gibt es nur noch in manchen Köpfen. Das ist eher eine Jahrgangsfrage.

 


Erschienen in „Welt der Frau“ 5/2012 – von Andrea Mann