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Brüssel: Ein Ohr für Schubhäftlinge
Elisabeth Razesberger (41) arbeitet für den Jesuiten-Flüchtlingsdienst in Belgien und betreut MigrantInnen in Schubhaft

16 Leute in einem Raum, sie sitzen oder liegen auf ihren Stockbetten, weil sonst kein Platz ist, und sie verbringen den Tag mit Warten. Warten darauf, dass ihr Asylantrag bewilligt wird oder – wie in vielen Fällen – dass sie abgeschoben werden in ihre Heimat, die schon längst keine mehr ist und wo Krieg und Chaos herrschen.

„Migranten in Schubhaft sind keine Kriminellen, sie werden aber unter Bedingungen eingesperrt, die in allen EU-Staaten weit schlechter sind als die von Strafgefangenen“, sagt Elisabeth Razesberger. Sie arbeitet für den Jesuiten-Flüchtlingsdienst in Belgien und besucht diese Menschen. Sie bietet ihnen ein offenes Ohr und stellt Kontakte her. „Viele wissen über ihren Status und ihre Rechte nicht Bescheid und sind total traumatisiert.“ Das oft monatelange Warten ohne sinnvolle Beschäftigung ist für sie zermürbend, und es tut gut, wenn sie einfach mit jemandem reden können.

Die Menschen kommen aus der ganzen Welt. Aus dem Kaukasus, Algerien oder Ghana, aber auch aus Krisengebieten wie Afghanistan oder Somalia. Sie kommen nach Europa, weil ihr Leben bedroht ist oder weil sie ihrer Familie nachfolgen möchten. Manche Menschen haben bereits jahrelang ohne Aufenthaltsberechtigung in Europa gearbeitet, und es gibt keine Möglichkeit, ihren Arbeitsplatz „zu legalisieren“. Andere sind Asylsuchende, die festgenommen wurden, weil sie ihren Asylantrag laut EU-Regelung (Dublin-Verordnung) in einem anderen EU-Staat stellen müssen. „Eine Frau, die ich öfter besucht habe, hat mir einmal erzählt, dass ich sie wieder aufgerichtet habe“, erzählt Elisabeth Razesberger. Das freue und motiviere sie zwar, es ändere aber nichts an der menschenrechtlichen Lage in Europa, die unzureichend sei, kritisiert sie.

Für andere Länder und Kulturen hat sich Elisabeth Razesberger schon als Jugendliche interessiert. Deshalb studierte sie auch Judaistik und Politikwissenschaften. Ursprünglich wollte die Tirolerin Diplomatin werden, dann ergab sich aber die Möglichkeit, in Brüssel bei einer Institution der EU ein Praktikum zu machen. Im Zuge dessen lernte sie auf einer James- Bond-Party in Brügge ihren späteren Mann, einen Briten, kennen. Mittlerweile lebt Elisabeth Razesberger seit 17 Jahren mit ihrem Mann und den beiden Kindern (8 und 10 Jahre) in Brüssel. 15 Jahre arbeitete sie im Umfeld der EU-Institutionen. Dabei reifte die Entscheidung heran, einen neuen beruflichen Weg einzuschlagen. Seit zwei Jahren beschäftigt sie sich nun mit dem Thema „Migration“, schloss in dieser Zeit auch ein Studium der Migrationswissenschaften ab und ist überzeugt: „Das wird für viele Jahre mein Thema bleiben.“

 

Elisabeth in Brüssel

  • Die Bevölkerung ist bunt gemischt, in der Sandkiste vor unserem Haus werden oft mehr als 20 Sprachen gesprochen.
  • In Belgien gibt es 16 Wochen Mutterschutz, dann besteht die Möglichkeit, drei Monate Kinderurlaub zu nehmen, da bekommt man 350 Euro pro Monat.
  • Die meisten belgischen Frauen fangen im ersten Jahr wieder zu arbeiten an.

 


Erschienen in „Welt der Frau“ 9/2013 – von Julia Langeneder