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Post aus Damaskus. Leben mit der Angst

Weshalb Sandra Awad (38) mit ihrer Familie im vom Krieg erschütterten Syrien geblieben ist.

Die Nachricht rührte sie zu Tränen: Sandra Awad sollte bekannt geben, wie viele Familienmitglieder an der Erstkommunion ihrer Tochter teilnähmen. Bisher hatte sie es vermieden, die Zahl der Verwandten zu zählen, die noch in Syrien leben. Nun sollte sie es also tun.

Sandra Awad hat drei Schwestern, und alle bis auf eine, die mit einem Griechen verheiratet ist und zwischen Athen und Damaskus pendelt, haben das Land verlassen. Auch die Brüder ihres Mannes sind längst mit ihren Familien vor dem Krieg geflohen. Insgesamt gäbe es 180 einzuladende Familienangehörige, tatsächlich nahmen zwölf an dem Fest teil, Sandras Mann Naji Sargi, ihre neun Jahre alte Tochter Marissa und ihren vier Jahre alten Sohn Maurice mit eingerechnet.

Sandra Awad ist in Damaskus geboren, sie hat Jus studiert und zehn Jahre auf der kanadischen Botschaft gearbeitet, bis diese geschlossen wurde. Abgesehen von einem 15-tägigen Aufenthalt in Kanada hat sie immer in Syrien gelebt. Hier hat sie ihre Wurzeln. Oft wird sie gefragt, weshalb sie in dem Land geblieben ist, in dem seit vier Jahren ein furchtbarer Bürgerkrieg tobt. Medien berichten von mehr als 240.000 Toten und vier Millionen Menschen, die ins Ausland geflohen sind. 

Warum ist sie also geblieben? Sandra Awad hat ein Video auf YouTube gestellt, in dem sie auf diese Frage antwortet. Darin gibt die Kommunikationschefin der Caritas Syrien Einblick in ihre Arbeit, die neben dem Kontakt mit in- und ausländischen Organisationen auch darin besteht, die Menschen mit Gütern des täglichen Bedarfs zu versorgen und ein offenes Ohr für ihre Nöte zu haben. Über diese Tätigkeit hinaus hat Sandra Awad vor drei Jahren, als es zu gefährlich wurde, die Kinder draußen spielen zu lassen, im Keller des Hauses ihres Onkels eine Kindertagesstätte gegründet. Dort spielen die Kleinen bevorzugt mit Lego-Bausteinen. Anstatt jedoch Häuser oder Dörfer zu bauen, machten sie Maschinengewehre und Panzer. Das zeige, wie sehr der Krieg das Leben der Kinder prägt und auch irgendwie zur Normalität geworden ist.

Auch die kriegsbedingten Einschränkungen seien längst normal, berichtet Sandra Awad. Dass es oft keinen Strom gibt, kein Gas, kein fließendes Wasser und dass es an Lebensmitteln und Medikamenten mangelt. Fast täglich erschüttern Granaten die Straßen von Damaskus. Dann kommt wieder die verdrängte Angst hoch. Um die Angst zu ertragen, spannt Sandra Awad dann in Gedanken einen Regenschirm auf, der sie und ihre Familie beschützt. An den Schirm klammert sie sich, wenn sie ihre Kinder zum Schulbus bringt und darauf hofft, dass sie wieder gesund zurückkehren.

Sandra in Syrien

„Trotz des Krieges versuche ich meinen Kindern Normalität zu vermitteln. Im Auto drehe ich Weihnachtslieder auf, damit die Kinder nicht ständig die Panzer rollen hören. Wir gehen in die Mette und haben einen Christbaum, auch wenn die Beleuchtung immer wieder ausfällt.“

Hier geht’s zum Video von Sandra: VIDEO

Erschienen in „Welt der Frau“ 12/15 – von Julia Langeneder