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dem Irak: An die Gefahr gewöhnt
Michaela Al-Bermany (52) lebt seit 20 Jahren im Irak – neue Herausforderungen sind für sie die Würze des Lebens.

Was veranlasst eine junge Frau mit drei kleinen Kindern (5, 3 und 1 Jahr alt) in den Irak zu ziehen? Ein Land, das damals gerade von zwei Golfkriegen erschüttert worden war und wo Terroranschläge zum Alltag gehören? „Ich wollte es einfach versuchen“, meint Michaela Al-Bermany. „Aus welchen Gründen auch immer, aus Liebe zu meinem Mann, aus Abenteuerlust oder weil ich nie ein normales 08/15-Leben führen wollte.“

Bereits mit 16 Jahren lernte sie ihren späteren Mann kennen, der in Linz an der Kunstuniversität studierte. Nach zehn Jahren „Auf und Ab“ war für die Volksschullehrerin trotz aller Widerstände aus ihrem Umfeld klar, „dass wir zusammengehören“. Sie heirateten, und nach einigen Jahren in Österreich fiel die Entscheidung, in den Irak zu gehen.

Die erste Zeit war für die Oberösterreicherin sehr schwierig. Sie musste die Sprache erst lernen, viele Tage ohne Strom auskommen, sich an die Hocktoiletten gewöhnen und an Tagestemperaturen über 50 Grad. Auch die Großfamilie, die bei allem zu berücksichtigen war, bedeutete eine große Umstellung. Besonders schwer fiel ihr, dass sie nicht spazieren gehen konnte – weil es für Frauen so üblich war, dass sie sich nur im Familienkreis bewegten, und auch aus Sicherheitsgründen.

Anfangs lebte Michaela Al-Bermany in Hilla, dem Heimatort ihres Mannes, 100 Kilometer südlich von Bagdad – die ersten Monate mit dessen Eltern, Brüdern, deren Frauen und jeweils sieben Kindern unter einem Dach, später in einem eigenen Heim. Ihr Mann handelte mit Gebrauchtwaren und Möbeln – „alles, was sich in Krisenzeiten zum Geldverdienen anbot“ – und er führte ein Restaurant.

Rückblickend betrachtet es Michaela Al-Bermany-Stifter als glückliche Fügung, dass sie 2002 ausreisen musste, weil ihre Aufenthaltsgenehmigung nicht verlängert wurde. So verbrachte sie mit ihrer Familie das Kriegsjahr 2002/03 (dritter Golfkrieg) in Jordanien. Nach dem Krieg kehrte die Familie   zurück, seit Herbst 2012 ist Erbil im Nordirak der neue Lebensmittelpunkt, weil die Lage im Norden sicherer ist. „Das Leben hier bedeutet für mich Freiheit, ich kann gehen, wohin ich will und ohne Kopftuch.“ Seit einem Jahr arbeitet Michaela Al-Bermany als Deutschlehrerin in einem Sprachinstitut, ihr Mann führt das Restaurant.

Gefährdet fühlt sich Michaela Al-Bermany nicht. Angst machte ihr nur, als sie auf der Ausreise von Jordanien von einem Auto verfolgt wurden und als eine Bombe in drei Kilometer Entfernung niederging und eine befreundete Familie ums Leben kam. „Vielleicht gewöhnt man sich auch an die Gefahr.“

Michaela im Irak

  • In Erbil gibt es sowohl den modernen Westen mit erstklassigen Restaurants, Cafés und Modegeschäften als auch den arabischen Basar.
  • Einreise und Aufenthalt im Nordirak sind streng kontrolliert. Mein Mann aus dem Südirak muss um eine Aufenthaltsgenehmigung ansuchen, es gibt sozusagen eine Grenze im eigenen Land.

 

Erschienen in „Welt der Frau“ 04/14 – von Julia Langeneder