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Frankreich: Mittwoch ist "Kindertag"
„Welt der Frau“-Leserin Ulrike Gruber (37) lebt seit elf Jahren in Frankreich und schätzt besonders die gute Vereinbarkeit von Beruf und Familie.

Dass sie einmal in Couëron landen würde, dachte sich Ulrike Gruber nicht, als sie nach Frankreich ging, um ein Jahr lang im Rahmen des Erasmus-Programms Betriebswirtschaft zu studieren. Doch sie verliebte sich und blieb.

Mit ihrem Partner und den zwei Kindern (Sofia, 4,5 Jahre, und Mathieu, 2 Jahre) lebt die Direktionsassistentin in einer 20.000-EinwohnerInnen-Stadt in der Nähe von Nantes im Westen Frankreichs. Im Vergleich zu Österreich sind die Lebenshaltungskosten bei geringerem Einkommensniveau in vielen Bereichen zwar höher, die Vereinbarkeit von Beruf und Familie ist in Frankreich jedoch wesentlich einfacher. „Es gibt ein ausreichendes Angebot an Tagesmüttern – in Frankreich ist das ein richtiger Beruf, der durch Gesetze geregelt ist – und Kinderkrippenplätzen, es gibt einkommensabhängige Beihilfen, die monatlich überwiesen werden, und vom aufgewendeten Betrag abzüglich der direkten Beihilfen kann man sich etwa die Hälfte direkt von der Einkommenssteuer abziehen.“

Ulrike Grubers Tagesablauf ist sehr durchorganisiert: Um halb acht in der Früh bringt ihr Partner die Kinder zur Tagesmutter. Diese bringt Tochter Sofia um 9.00 Uhr in die Vorschule, die in Frankreich fast alle Kinder ab drei Jahren besuchen, aber nicht verpflichtend ist. Um halb fünf holt die Tagesmutter das Mädchen wieder ab, Mathieu verbringt den ganzen Tag bei der Tati, wie die Tagesmutter oft genannt wird, und gegen 18.00 Uhr holt Ulrike Gruber beide Kinder wieder ab (außer am Freitag, da arbeitet sie nur bis Mittag). Der Abend gehört der Familie, und das gemeinsame Abendessen ist sehr wichtig.

Am Mittwoch ist für die Kinder bis 12 Jahre schulfrei, auch Ulrike Gruber arbeitet an diesem Tag nicht. „Ich genieße den Mittwoch mit meinen Kindern, und es ist ein sehr guter ‚Arbeitswochenteiler‘. Wir besuchen zum Beispiel die ‚Ludotheque‘ – es ist wie eine Bibliothek, aber anstelle von Büchern leiht man sich Spiele aus.“ Weiters wird der Mittwoch auch für privat organisierten Religionsunterricht genützt, denn in Frankreich gibt es keinen Religionsunterricht in öffentlichen Schulen.

„Das französische System entspricht mir sehr gut, da ich sehr gerne arbeiten gehe“, sagt Ulrike Gruber. „Beide Kinder waren schon im Alter von unter drei Monaten bei der Tagesmutter, und es hat weder ihnen noch meinem Partner oder mir Probleme bereitet. Fragen in Österreich wie ‚Warum hat man eigentlich Kinder, wenn sie dann ohnehin bei der Tagesmutter oder in der Kinderkrippe sind?‘ bringen mich eigentlich nur zum Schmunzeln. Ich war und bin für meine Kinder immer die Mama und die wichtigste Bezugsperson.“
Zu ihrer Herkunftsfamilie in Österreich und einigen Freunden hat Ulrike Gruber noch viel Kontakt, zweimal im Jahr kommt sie mit ihrer Familie nach Österreich. „Es liegt mir viel daran, deshalb wachsen meine Kinder auch zweisprachig auf.“

 

Ulrike in Frankreich

  • Die österreichische Tradition von Kaffee und Kuchen am Nachmittag gibt es hier nicht, dafür ist der Aperitif sehr wichtig.
  • Das Auto ist in Frankreich als Statussymbol nicht so bedeutend wie in Österreich.
  • In Frankreich wird der Christbaum schon in der Adventszeit geschmückt. An Weihnachten werden die Geschenke erst zu Mitternacht ausgepackt.

 


Erschienen in „Welt der Frau“ 12/2012 – von Julia Langeneder