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Moskau: Lada versus Rolls-Royce
„Welt der Frau“-Leserin Christiane Stegfellner lebte drei Jahre lang in Moskau. So richtig warm wurde sie mit der 12-Millionen-Metropole nicht.

Keine Stadt auf der Welt ist so schizophren wie Moskau. Auf der einen Seite gibt es die Superreichen, deren schönstes Hobby es ist, die teuersten Immobilien der Welt zu erstehen. Auf der anderen Seite diejenigen, die im Winter mit dickem Mantel ins Bett gehen, weil sie sich das Heizen nicht leisten können. Pensionisten, die in der viertteuersten Stadt der Welt mit 250 Euro Rente zurechtkommen müssen. Lada versus Rolls-Royce“, fasst Christiane Stegfellner ihre Eindrücke zusammen. Nach drei Jahren mit ihrer Familie in der Hauptstadt der Russischen Föderation wollte sie zum Abschied eine Liebeserklärung machen. Doch diese mag nicht gelingen. Sie ist ihrem Ehemann Hannes, der bei einem internationalen Konzern tätig ist, samt den Kindern Kerstin (18) und Raffael (14) aus beruflichen Gründen in Europas größte Stadt gefolgt. Nun steht die Rückkehr nach Österreich bevor. „Man sagt, ein Jahr Moskau zähle für zwei. Jeder Weg hier ist länger, jede Besorgung kostet das Doppelte, jeder Behördengang das Zehnfache an Energie, die korrupten Beamten sind eine Nervensache für sich.“

Doch es gab auch Momente, in denen bei der 47-Jährigen Gefühle der Zuneigung für Moskau zu keimen begannen. Wenn nach einem langen Winter Ende April die Stadt für die Maifeierlichkeiten auf Hochglanz gebracht wurde. Der Rote Platz beeindruckte sie immer wieder, dem Anblick des märchenhaft anmutenden Kremlbezirkes mit seinen goldenen Zwiebeltürmen wohnt ein gewisser Zauber inne. „Viele beeindruckt allerdings das glamouröse Nachtleben, die Clubs auf den Dächern der Luxushotels, wo sich Moskaus Jetset trifft.“ Der krasse Gegensatz zu den perfekt renovierten Altstadtfassaden sind die heruntergekommenen Plattenbausilos in den Randbezirken. Christiane Stegfellner selbst hat mit ihrer Familie in einer eingezäunten, bewachten und gepflegten Enklave im Nordwesten der „dreckigsten Metropole Europas“ gewohnt – in privilegierter Stadtrandlage, wo die Luft noch halbwegs sauber und das Wasser aus der Leitung nicht allzu braun ist.

Mit der Mentalität der MoskauerInnen konnte nicht warm werden: „Auf der Straße schaut man in emotionslose Gesichter. Sie sind gezeichnet vom hohen Alkoholkonsum. Jeder zweite Russe trinkt sich zu Tode.“ Sie hat die Moskauer Männer als sehr aggressiv und frauenverachtend erlebt. Ein russischer Lieblingswitz lautet: „Ein Huhn ist kein Vogel, eine Frau kein Mensch.“ Bei den Russinnen konnte sie hinter der rauen Schale einen sympathischen Kern entdecken. „Sie sind impulsiv, hilfsbereit und zupackend.“

 

Christianes Moskau

  • Einkaufen – entweder bei supereleganten Luxusketten (Höchstpreise) – oder in Billigsupermärkten (nichts für schwache Mägen, da es oft an Frische mangelt).
  • Verkehrschaos – 3,5 Millionen Autos stehen täglich im Stau. Vor allem dann, wenn für die freie Fahrt der Staatschefs die Straßen großräumig abgesperrt werden.
  • Krankenhäuser – stundenlange Wartezeiten, keine Privatsphäre bei Untersuchungen. Ohne ein paar Hundert Dollar Bestechungsgeld geht meist gar nichts.

 


Erschienen in „Welt der Frau“ 78/2012 – von Andrea Mann