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Neuseeland: Juni im November
»Welt der Frau«-Leserin Alexandra Ganglmair-Wooliscroft lebt und arbeitet seit 1999 in Neuseeland.

Wenn im neuseeländischen Dunedin der Südwind weht, dann ist das kein laues Lüftchen, sondern eher eine kühle Brise – denn am anderen Ende der Erdkugel ist die Welt etwas auf den Kopf gestellt. »Die Südseite des Hauses ist kalt und schattig, und unser Föhnwind kommt von Nordwesten. Ich finde das noch immer zum Schmunzeln«, schildert die 39-Jährige. »Sanna«, wie sie von den NeuseeländerInnen kurz und bündig genannt wird, lebt seit 13 Jahren 360 Kilometer südlich von Christchurch. Wenn sie überlegt, was so anders ist als in ihrer alten Heimat Österreich, so sind es nicht die Kultur oder das tägliche Leben, sondern vor allem die Jahreszeiten. »Das ist nach wie vor gewöhnungsbedürftig. Weihnachten ist ein fröhliches Sommerfest, Ostern liegt im Herbst, und der Juni ist oft wie ein November in Wien.« Im Winter wird es spürbar, dass die Häuser schlecht isoliert sind. »Wir heizen mit einem Holzofen. Komme ich nach der Arbeit nach Hause, wird zuerst eingeheizt, ein dicker Pulli angezogen, die Hausarbeit erledigt. Zum Hinsetzen und Entspannen ist es vorerst zu kalt. Meine Regel lautet: Wohnzimmertemperatur = Außentemperatur + 10 Grad.«

Dunedin hat 90.000 EinwohnerInnen, es leben 20.000 StudentInnen hier – und rundherum gibt es Farmland und viel, viel Landschaft. »Trotz der Einwohnerzahl fühlt sich die Stadt kleiner an als eine vergleichbare in Österreich, da es weniger Geschäfte gibt.« Dunedin wurde von schottischen SiedlerInnen gegründet und heißt »Edinburgh« auf Gälisch. Die Innenstadt von Dunedin entspricht dem Stadtplan von Edinburgh und hat die gleichen Straßennamen. »Wir haben sogar einen städtischen Dudelsackspieler.« Die 39-Jährige unterrichtet an der University of Otago. Sie wird von ihren StudentInnen »Alexandra« genannt. »Die Umgangsformen sind hier sehr unkompliziert, alle Leute sprechen sich mit Vornamen an. Sogar der Prime Minister wird in Interviews mit ‚John‘ angesprochen. Akademische Titel gibt es im täglichen Leben überhaupt nicht.« Sie bezeichnet die NeuseeländerInnen als optimistisch, aber zurückhaltend in ihren Emotionen. »Beim Begrüßen gibt es kein Händeschütteln. Fragst du einen Neuseeländer: ‚Wie geht’s?‘, kommt nur ‚Not bad!‘ (nicht schlecht) zurück.«

Was die Rolle der Frau in Neuseeland angeht, ist dies eine sehr fortschrittliche – im Beruf und auch in der Freizeit. »Männer helfen im Haushalt mit, Frauen spielen hier Fußball und Rugby. Gleichzeitig wird von Frauen erwartet, dass sie zupacken. Meine 72-jährige Schwiegermutter hackt ihr Feuerholz selbst. Das ist selbstverständlich.«

 

Alexandras Neuseeland

  • Einkauf ist täglich von 8.00 bis 22.00 Uhr möglich, nimmt aber der Woche einen gewissen Rhythmus.
  • Die Tradition des »Ausfluges« gibt es wegen der großen Entfernungen nicht. Viele NeuseeländerInnen widmen sich an den Wochenenden ihrem Garten und dem Sport.
  • Landwirtschaft ist sehr wichtig. Im Hauptabendprogramm laufen Werbungen für Traktoren, Schaf-Entwurmungsmittel oder Grasdünger.

 

Erschienen in „Welt der Frau“ 3/2012 – von Andrea Mann