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Norwegen: Beinahe schmerzfrei
Christine Harvold (66) arbeitet nahe Oslo als Physiotherapeutin. Die „Welt der Frau“-Leserin hat vielen SchmerzpatientInnen geholfen. Auch sich selbst.

Sie wird nie ohne Schienen gehen können!“ Diese Diagnose stellte ein Orthopäde, als Christine ein Jahr alt war. Als Baby erkrankte sie an einer Harnwegsentzündung. Durch einen Arztfehler bei der Behandlung kam es zu Lähmungserscheinungen in einem Bein. Dem unermüdlichen Engagement ihrer Mutter, mehreren Operationen und diszipliniertem Training verdankt sie es, dass sie heute gehen kann und weitgehend schmerzfrei ist.

Eigentlich wollte Christine so wie ihr Vater unterrichten und Lehrerin werden. Bei einem Vortrag erwachte ihr Interesse an Physiotherapie. Auch ihre eigene Krankengeschichte spielte herein, dass sie in den Beruf hineinschlitterte, „der für mich mein Leben bedeutet“. Reisen und Abenteuer bedeuten der Physiotherapeutin ebenfalls viel. Mit 20 Jahren schlug die gebürtige Gmundnerin eine leitende Stelle im dortigen Krankenhaus aus und ging nach Oslo. Der Norden reizte sie – ihre Großmutter kam aus Kopenhagen -, und es war ihr dringender Wunsch, einmal im Ausland zu arbeiten. Auf ihre Bewerbungen hin bekam sie prompt in einer großen Physiotherapiepraxis in Oslo eine Stelle. Ihre ersten PatientInnen behandelte sie, ohne die Sprache zu können: „Aber ich hatte ja meine Hände.“ Mittlerweile beherrscht sie die Sprache, seit 46 Jahren hat Christine – in Norwegen ist es üblich, dass man sich duzt – im hohen Norden ihre Heimat gefunden.

Ihre beiden erwachsenen Kinder leben in Berlin und New York bzw. Bangkok. Christine wohnt gemeinsam mit ihrem Mann Ulf, einem pensionierten Veterinärmediziner, in der 30.000- EinwohnerInnen-Gemeinde Lørenskog nahe Oslo. In ihrem Haus hat sie auch ihre Praxis, wo sie vorwiegend mit Laser und Kinesio-Tape arbeitet.

In den mehr als 40 Jahren, seit Christine in Norwegen lebt, hat sich der Lebensstandard enorm gesteigert. Die Löhne wurden angehoben, und es wurde viel in die Infrastruktur investiert. Dank seiner gigantischen Öleinnahmen ist Norwegen eines der reichsten Länder der Welt, der Wirtschaft geht es gut, die Arbeitslosenquote liegt bei nur 3,3 Prozent. Im IT-Bereich gehört Norwegen zu den Vorreitern. Netbanking und WLAN sind schon lange eine Selbstverständlichkeit.

In der Politik gab es im September einen Regierungswechsel. Die neue Mitte-rechts-Regierung diskutiert derzeit unter anderem über eine Abschaffung des freien Sonntags. Christine ist der Ruhetag wichtig. Apropos: Zur Ruhe will sie sich noch lange nicht setzen. Üblicherweise gehen Frauen mit 67 Jahren in Pension, Christine möchte weitermachen, bis sie 80 ist: „Es macht mir viel Spaß.“ Um schmerzfrei zu bleiben, geht es jedoch nicht ohne tägliches Training mit Radfahren und Turnübungen.

 

Christine in Norwegen

  • Zwei Stunden Fahrt für einen Kaffeebesuch sind ein Klacks.
  • Die hellen Sommernächte genieße ich sehr. Im Winter wird es erst um 8.30 Uhr hell und um 15.00 Uhr schon wieder dunkel.
  • Die NorwegerInnen unternehmen gerne Wanderungen im Wald oder Skitouren im Winter mit speziellem Proviant: Orangen und „Kvikk Lunsj“ (Keksschokolade).

 


Erschienen in „Welt der Frau“ 11/2013 – von Julia Langeneder