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Siebenbürgen: Ein "Servus" aus Sibiu
Seit 1994 bekommt Gerhild Rudolf (48) aus Siebenbürgen jährlich von ihrer Freundin Hedwig aus dem Mostviertel „Welt der Frau“ geschenkt.

Auf dem sonntäglichen Frühstückstisch in ihrer Wohnung in Hermannstadt (rum. Sibiu) steht jede Woche das grün geflammte Gmundner Geschirr. „Das macht gute Laune und erinnert uns an unsere Freunde in Österreich“, sagt Gerhild Rudolf. Sie wurde in Kronstadt (Brasov) geboren. Wörter aus Österreich, wie „servus“, „grüß Gott“, „Karfiol“ und „Polster“, sind nach wie vor in ihrem Sprachgebrauch veranker    at. „Leider werden solche Austriazismen langsam vergessen, da sich unsere Schulbücher nach dem Sprachgebrauch in Deutschland orientieren.“ Die 48-Jährige ist Leiterin des Kultur- und Begegnungszentrums „Friedrich Teutsch“ im Herzen von Hermannstadt. 170.000 EinwohnerInnen leben in der ehemaligen europäischen Kulturhauptstadt (2007), die in der historischen Region Siebenbürgen, im Nordwesten von Rumänien, liegt. Ihr Ahne väterlicherseits war 1848 aus Warnsdorf (heute Tschechien) nach Siebenbürgen gekommen. Maria Peschke, ihre Großmutter mütterlicherseits, war Wienerin. „Sie hatte sich in Siebenbürgen so gut eingelebt, dass sie auch als Witwe nicht mehr wegwollte.“ Obwohl nach dem Fall des Eisernen Vorhanges die deutsche Minderheit Rumänien massenhaft verlassen hat. „Es blieben nur zehn Prozent im Land und versuchten, das Gemeinschaftsleben aufrechtzuerhalten. Die Deutschen in Rumänien haben nach wie vor einen guten Ruf, gelten als korrekt und tüchtig.“ Auch Gerhild Rudolf könnte sich schwer vorstellen, wegzuziehen. „Landschaftlich ist Rumänien wunderschön. Es ist ein Land der Berge und Flüsse samt warmer Schwarzmeerküste.“

Den Alltag in Hermannstadt bezeichnet die vierfache Mutter als „sehr gut“. „Es ist ein Mosaik aus den verschiedensten Kulturen – der rumänischen, ungarischen, jüdischen, deutschen und der Kultur der Roma.“ Trotz großer Armut gibt es verhältnismäßig wenig Obdachlose. „Die Verwandtschaft unterstützt sich mit großer Hingabe gegenseitig. Das ist typisch für Rumänien.“ Und auch notwendig. Denn die niedrigen Gehälter führen dazu, dass zwei Millionen rumänische StaatsbürgerInnen im Ausland arbeiten. Erdbeeren in Spanien pflücken, Rund-um-die-Uhr-Altenpflege in Deutschland, Österreich oder Italien. Tausende ÄrztInnen arbeiten mit Verträgen in westlichen Ländern. Vor Ort fehlen dann die Fachkräfte. „Menschen, die im Ausland arbeiten, verlassen sich darauf, dass die Großfamilie für die Kinder sorgt. Es gibt sehr viele ‚EU-Migrationswaisen‘.“ Unerwartetes steht auch auf der Tagesordnung. Denn es ist möglich, dass von einem Tag auf den anderen die Gehälter der BeamtInnen um 25 Prozent gekürzt und die Mehrwertsteuer um fünf Prozent erhöht wird. Heizen ist teuer, die Lebensmittel verschlingen einen Großteil des Einkommens. „Man muss hier sehr flexibel sein.“

 

Mein Siebenbürgen

  • Brot ist das beliebteste Lebensmittel. Es darf bei keinem Essen fehlen, selbst wenn es panierte Schnitzel gibt.
  • Am Sonntag geht es ins Grüne – Picknick und grillen -, manchmal auch zu den Salzseen in Salzburg (rum. Ocna Sibiului).
  • Das Umweltbewusstsein ist nicht sehr groß – noch landet viel Müll in der Natur.

 


Erschienen in „Welt der Frau“ 10/2012 – von Andrea Mann