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Ungarn: Musik als Fenster zur Welt
„Welt der Frau“-Leserin Judit Vásárhelyi (55) lebt als Profigeigerin und Musiklehrerin in Sorokpolány (Ungarn).

Für mich wäre ein Leben ohne Musik und ohne Kinder, die ich zum Musizieren bringen kann, nicht vollständig“, schreibt Judit Vásárhelyi. Ihr Deutsch ist fehlerfrei, dabei hat sie die Sprache erst mit 33 Jahren gelernt. Die Ungarin spielt als Violinistin im Savaria Symphonieorchester Szombathely und unterrichtet in einer Grundschule für Musik und Künste. Als neunjähriges Mädchen begann sie, Geige zu lernen. Es war eine günstige Fügung, dass zu diesem Zeitpunkt in Balassagyarmat, zehn Kilometer von ihrer Heimatstadt Mohora (nördlich von Budapest) entfernt, eine Musikschule eröffnet wurde – „dafür wurden Kinder aus verschiedenen Volksschulen ausgesucht“. Ihre MusiklehrerInnen entdeckten bald ihr Talent, und auch ihre Eltern unterstützten und förderten sie sehr. „Es war ein wenig riskant, ein 14-jähriges Mädchen aus einem kleinen Dorf allein nach Budapest zulassen. Das Vertrauen lohnte sich aber, und ich habe Glück gehabt.“ Judit Vásárhelyi nahm erfolgreich an zahlreichen Wettbewerben teil, und später studierte sie an der Musikhochschule. Um sich das Studium finanzieren zu können, arbeitete sie damals bereits Teilzeit als Musiklehrerin.

Die Musik beschreibt sie als „Fenster zur Welt“. So lernte sie als Chorsängerin ihre österreichische Freundin Lotte Meers-Stangl kennen, die in Belgien lebt (siehe „Post aus Belgien“, 01/13). Die Freundschaft spornte sie an, Deutsch zu lernen, und durch sie entdeckte sie auch „Welt der Frau“. Das Abo bekommt sie von Lotte Meers-Stangl nun jedes Jahr zum Geburtstag geschenkt.

Neben Musik und Literatur ist Judit Vásárhelyi auch die Natur sehr wichtig. Sie wohnt in einem 100 Jahre alten originalen Bauernhaus in dem Dorf Sorokpolány, 20 Kilometer von der österreichisch-ungarischen Grenze entfernt. In der Gartenarbeit findet sie einen Ausgleich zum oft stressigen Berufsalltag, wo dauerndes Üben und Unterwegssein dazugehört. Die Musikerin schätzt das frische Obst aus ihrem Garten – Äpfel, Birnen, Zwetschken, Marillen, Brombeeren, Kirschen und Pfirsiche – und die Bioeierihrer eigenen Hühner. Außerdem leben am Hof noch eine Katze und ein Hund.

Die 15 Kilometer von ihrem Wohnort zu ihrem Arbeitsplatz in Szombathely legt sie gerne mit dem Fahrrad zurück, sie verzichtet hier auf das Auto. „Das macht mich fit und hält mich gesund. Leider gibt es aber noch immer Wegstrecken, auf denen es von Lkws wimmelt. In Österreich sind die Fahrradwege besser ausgebaut“, so die 55-Jährige, deren Lebensmotto lautet: „Das Schicksal stellt auf die eine Waagschale unerwartetes Glück, um das Negative auf der anderen Seite auszugleichen. Man muss das nur wahrnehmen können, um zufrieden zu leben.“

 

Judit in Ungarn

  • Teilzeitarbeit für Familien mit Kindern ist in Ungarn finanziell schwer möglich.
  • Das Lohnniveau in Ungarn ist deutlich niedriger als in Österreich. Das monatliche Durchschnittsgehalt liegt bei umgerechnet rund 550,00 Euro netto.
  • Die Rolle der Frau in Ungarn ist noch immer sehr traditionell geprägt, auch wenn diese Familie und Beruf unter einen Hut bringen muss.

 


Erschienen in „Welt der Frau“ 4/2013 – von Julia Langeneder