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Raum und Zeit  ab 4 Jahren

Antje Damm ist eigentlich Architektin. Seit ich das weiß, schaue ich ihre Bilderbücher anders an. Vor über einem Jahr war sie in der STUBE in Wien zu Gast. Mit großen Ohren hab ich ihr zugehört, wie sie von ihrer Lebensphase mit ihren damals noch kleinen Kindern erzählt hat. Zuvor konnte sie selbstständig größere Projekte betreuen. In Teilzeit war das unmöglich, und so hat sie, anfangs nur für ihre beiden ersten Kinder, Bilderbücher gemacht. Glücklicherweise. Denn daraus ist ihr jetziger Beruf der Kinderbuchautorin und Illustratorin entstanden. Und sie ist eine der besten, die wir in unserer Zeit haben.

Sich in Geduld zu üben ist für kleine neugierige Welterforscher*innen etwas vom Schwersten. Bär, der Held im neuen Bilderbuch von Antje Damm, wartet an der Bushaltestelle auf seinen allerbesten Freund Goliath. Er ist sich dessen so sicher, dass er ganz mühelos geduldig sein kann. Ein ganzes Jahr, unglaublich lang. Vom Vorfrühling – noch liegen Konfetti des letzten Faschings auf dem Gehsteig – bis in den nächsten Frühling reicht seine Geduld. Die Stärke seiner Freundschaft ist wirklich beeindruckend. Auch als das Warten beinah sinnlos erscheint, weil fast nie ein Bus kommt, harrt Bär weiter auf seinem Posten aus. Und als endlich einmal ein Bus auftaucht und hält, steigt niemand aus. Wirklich absurd. Denn natürlich erwartet man, dass einer der Fahrgäste Goliath sein wird. Aber nein, der Bus fährt weiter. Ein Rotkehlchen bietet Bär ein wenig Unterhaltung, bis es im Herbst gemeinsam mit den flügge gewordenen Jungen Richtung Süden zieht.

Und eine Spinne, die mit feinem Geduldsfaden ihr Netz webt, begleitet ihn stumm durch den Sommer. Auch sie lässt Bär zurück und verschwindet geheimnisvoll von der Bildfläche – eine Einladung zum Suchspiel, wo ist sie hin?

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Unbeirrt vom Rotkehlchen, das zwischendurch stichelt und Zweifel sät, vertraut Bär bis zuletzt fest darauf, dass sein Freund kommt. Sogar nachdem der Bus wieder abgefahren ist und sich die Spannung ins beinah Unerträgliche steigert, bleibt er standhaft. Das Wunder des ersten Schnees lässt Bär kurz vergessen, dass er eigentlich wartet. Dann wird er müde und hält direkt unter der Bank seinen Winterschlaf.

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Als er wieder aufwacht, ist es wärmer geworden. Mit einem Mal hört er ein leises Geräusch. Nun trifft Goliath tatsächlich ein! Die beiden verlassen die Haltestelle. Zum Schluss geht unser Blick mit den Freunden unter Bäumen und zwischen Häusern hindurch. Ein städtischer Raum öffnet sich, der Weg führt einem verheißungsvollen Morgenrot entgegen. Gemeinsam mit Bär und Goliath erreichen wir einen Park oder Garten am Stadtrand. Das Warten hat sich gelohnt!

 

Für ihre beiden letzten Bilderbücher hat die Architektin Antje Damm Räume aus Karton und Papier aufgebaut, sie dann beleuchtet und fotografiert. Im vorangehenden Buch „Der Besuch“ waren es Modelle von Innenräumen, im neuen „Warten auf Goliath“ zeigt sie uns Außenräume, erfüllt von Farbe, Licht und Leben: Eine Straßenszenerie mit einer Bank an einer Bushaltestelle – der ideale Ort zum Warten. Darum herum stellt sie einem Baum und Gebüsch. Die Perspektive bleibt beinah gleich, nur Pflanzen und Beleuchtung wandeln sich. Der Umgang mit dem Licht macht die Räume so gut spürbar, dass ich Lust bekomme, selbst Pappräume wie Puppenhäuser zu bauen. Mein Spieltrieb ist erwacht!

Antje Damm inspiriert uns, mit Schere, Papier, Karton, Kleber und Buntstiften eine eigene Welt aufzubauen. Dazu braucht es nichts, was nicht in jedem Haushalt vorhanden ist. Nur ausreichend Zeit und Geduld. So lässt sich auch manche Wartezeit mühelos überbrücken.

 

Antje Damm zu Besuch in der STUBE in Wien:
http://www.stube.at/tagebuch/Fragen_Damm_15.html

 

 

Antje Damm

Warten auf Goliath

Ab 4 Jahren

Moritz Verlag 2016

ISBN 978-3-89565-332-2

 

 

Meine Bewunderung für Antje Damms Werk verbindet mich mit meiner besten Buchhändler-Freundin. Ich dank dir ganz herzlich, liebe Judith, dass du mir so lebhaft von deinen Lektüreerfahrungen mit Goliath und deinen beiden Töchtern Susannah (fast 5) und Esther (gerade 3) erzählt hast!

Veronika Mayer-Miedl

wurde 1971 geboren und lebt als Buchhändlerin in Ottensheim (OÖ). Als Mitarbeiterin des „Kleinen Buchladens“ sieht sie sich als Vermittlerin – als Leseanimateurin für Kinder besucht sie Bibliotheken und Kindergärten. Ein Fernkurs für Kinderliteratur an der „STUBE Wien“ während ihrer dritten Karenz war ein Glücksfall. Begegnungen bei Seminaren im „Kinderbuchhaus“ gaben neue Ausrichtung und inspirierten zu Referententätigkeit übers Bilderbuch. Mit ihrer schauspielenden Freundin teilt sie neuerdings die Leidenschaft für das japanische Erzähltheater „Kamishibai“ und tritt fallweise als Grille oder sogar Meerjungfrau auf.

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