11

17

Aktuelle
Ausgabe:
Zum Shop
Raus aus der Tabuzone!
Jede dritte Österreicherin erlebt Übergriffe in Form von ­psychischer, verbaler, körperlicher und/oder sexueller Gewalt. Manche durch Fremde, andere durch Familienmitglieder wie etwa den Partner. Das breite Spektrum erfordert eine Sensibilisierung und Bewusstseinsschärfung für Grenzverletzungen – und Tipps zum Selbstschutz.

Übergriffe kennen wir doch alle!‘, höre ich Frauen oft sagen. Viele haben sich daran gewöhnt. Besonders sichtbar wurden diese Verharmlosungstendenzen, als die Einführung des sogenannten Po-Grapsch-Paragrafen diskutiert und nicht nur von Männern belächelt wurde“, sagt Elisabeth Cinatl, Geschäftsleiterin der Frauenberatungsstelle „wendepunkt“. Doch so cool Frauen oft klängen, Grenzverletzungen schmerzten: „Gewalt hat viele Gesichter. Sie reicht von Belästigungen im Job oder auf der Straße über Stalking, Diffamierung, Nötigung, Isolierung und Kontrolle bis hin zu sexuellem Missbrauch, Zwangsprostitution und Tötung in der Ehe. Immer zerstört sie die Selbstachtung, Integrität und den Widerstand der Frau.“

Dass Beschwichtigungen häufig vorkommen, ist kein Zufall. Das Gesetz und „Bürgerliche Familienrecht“ legitimierten häusliche Gewalt lange Zeit. Bis 1975 waren Frauen in Österreich zu ehelichem Beischlaf verpflichtet. Der Mann galt als „Oberhaupt der Familie“ und durfte bis 1978 den Wohnsitz bestimmen, das Vermögen der Frau verwalten und ihr Erwerbsarbeit verbieten. Erst seit 1989 werden „Vergewaltigung in der Ehe“ und „Züchtigung von Kindern“ bestraft. Erst 1997 trat ein Schutzgesetz gegen Gewalt in der Familie in Kraft, das Frauen ermöglicht, den Täter aus der gemeinsamen Wohnung wegweisen zu lassen. Und erst seit 2009 ist der Opferschutz so weit ausgebaut, dass Betretungsverbote auf 14 Tage verlängert und per „einstweiliger Verfügung“ auf sechs Monate erhöht werden können.

NEUER TREND
Mittlerweile greife das Gewaltschutzgesetz gut, sagt Cinatl. Die derzeitige Gesetzeslage erlaube, bei häuslicher Gewalt die Polizei zu rufen. Bei sichtbaren Verletzungen drohe dem Täter eine Freiheitsstrafe – bei „Körperverletzung, gefährlicher Drohung oder Kindesentziehung“ mit einer Dauer von bis zu einem Jahr, bei „geschlechtlicher Nötigung“ bis zu fünf, bei „Vergewaltigung“ bis zu zehn Jahren. „Dafür nimmt psychische Gewalt seither auffallend zu. Ohne Schrammen und blaue Flecken tut sich die Exekutive schon schwerer“, so die Expertin.

Umso wichtiger sei es, dass Mädchen und Frauen ihre Achtsamkeit für Übergriffe erhöhen. Denn häusliche Gewalt betreffe alle Schichten, Bildungsgrad und Alter seien unerheblich. Seit der soziale Druck durch Wirtschaftskrisen und Arbeitslosigkeit steige, eskalierten auch Beziehungsprobleme: „Weltweit ist es für 16- bis 45-jährige Frauen wahrscheinlicher, vom Partner verletzt oder getötet zu werden als durch Kriege und Terrorismus.“ Zu diesem Ergebnis kommt auch eine aktuelle Studie der „FRA-Agentur der Europäischen Union für Grundrechte“, die in allen EU-Mitgliedsländern durchgeführt wurde. Von den 42.000 interviewten Europäerinnen hatten 33 Prozent seit ihrem 15. Lebensjahr körperliche und/oder sexuelle Gewalt erlebt, acht Prozent allein in den letzten zwölf Monaten vor der Befragung, 22 Prozent in bestehenden oder früheren Partnerschaften. Zu den Spitzenreitern zählen Litauen, Dänemark, Finnland, Schweden, Frankreich und die Niederlande. Als Ursache wird in der Studie die „Gleichstellung der Geschlechter“ vermutet, die zu Wut bei Männern und daher zu einer höheren Gewaltbereitschaft gegen Frauen führe. Auch ein Zusammenhang mit Alkoholkonsum bestehe. Zudem ergab die Studie, dass 43 Prozent der Frauen „psychische Misshandlungen und ökonomische Gewalt“ durch den Partner erleben, 42 Prozent sogar während der Schwangerschaft. Ein Viertel der Frauen verschweigt aber vor der Polizei solche Vorfälle aus Angst und Scham.

Lesen Sie weiter in „Welt der Frau“ 11/16.

„Stärken Sie den Selbstwert Ihrer Kinder!“

48_cinatl_0002-klein

In ihrer privaten Psychotherapie­praxis begleitet Diplomsozial­arbeiterin Elisabeth Cinatl ­Frauen, die nach Gewaltbeziehungen Angst vor Intimität und ­Bindungen haben. © Friedrich Jansenberger

Laut FRA-Studie machten 30 Prozent aller Frauen, die sexuelle Gewalt in einer Beziehung erleben, bereits als Kinder Erfahrungen mit sexuell konnotierten Übergriffen. Eine Erkenntnis, die Frauenberaterin Elisabeth Cinatl teilt: „Oft weicht ein Kind vor Fremden oder dem ‚guten Onkel‘ instinktiv zurück. Aber weil solche Reaktionen als unhöflich gelten, wird es dazu angehalten, seine Gefühle zugunsten der gesellschaftlichen Spielregeln zu übergehen. Nicht selten sind es die Eltern, die meinen: ‚Gib doch ein Bussi‘ oder ‚Lass dich auf den Schoß nehmen‘“. In der Folge beginne das Kind seinen Wahrnehmungen zu misstrauen und Grenzverletzungen zuzulassen. „Besser wäre es, das Kind selbst entscheiden zu lassen, wem es näher kommen möchte und wem nicht“, sagt Cinatl. Die Entwicklung eines guten Körpergefühls sei essenziell: „Buben dürfen demonstrativ an Bäume pinkeln, doch die Vulva wird mit Kosenamen verniedlicht oder mit Hilfsausdrücken wie ‚da unten‘ tabuisiert.“ Hinzu komme die Fortsetzung alter Rollentraditionen. „Wir sollten Mädchen nicht zur Anpassung erziehen, sonst schweigen sie auch, wenn ihnen Unrecht widerfährt. Flucht und Verteidigung schützen das Leben.“

 

 

Harmlose Vorfälle?

„Die gewaltlose Schutzmethode ‚Drehungen‘ baut auf Selbstbewusstsein, Selbstbehauptung und Selbstverteidigung“, sagt Trainerin Melanie Zeller. Beispiele, Analysen und Tipps.
49_1_wahl_zeller__5875-klein

Melanie Zeller rät: „Entscheidend ist, dass man seinen Empfindungen traut und Grenzen setzt, auch wenn Situationen harmlos wirken.“ © praxis-zeller.at

Szene 1
Eine Frau wird von einem Migranten angesprochen. Er rückt ihr, für ihr Gefühl, zu nahe. Sie fühlt sich unwohl, denkt aber: „Man darf doch niemanden zurückweisen“ – und erstarrt.
Zellers Tipp: Die Frau geht davon aus, dass ihr Gegenüber die hiesigen Gesellschaftsregeln kennt und die Intimsphäre wahrt. Da dies nicht geschieht, kann sie sich ihre Wahrnehmung bewusst machen, Haltung zeigen, ihre Hände schützend vor sich strecken und laut und bestimmt artikulieren, was gerade passiert und was ihr Gegenüber tun soll: „Stopp! Sie kommen mir zu nah. Gehen Sie zurück!“ Sein Inneres nach außen zu kommunizieren kostet Überwindung, ist aber wichtig, um ZeugInnen einzubinden. Schließlich kann sie Drehungen, Wende-, Abwehr-, Befreiungs- und Hebeltechniken anwenden, die im Stehen, Gehen, Sitzen und Liegen funktionieren.

 

Weitere Szenen in „Welt der Frau“ 11/16.

„80 Prozent der Täter lassen bei Gegenwehr ab“

„Selbstverteidigung ist eine Lebenseinstellung“, sagt Ruth Preining. Die diplomierte Trainerin der Polizei-Sportvereinigung Wien lehrt Frauen „Krav Maga Allround“ – basierend auf israelischen Militärkampftechniken.
50_foto_046-klein

„Wir trainieren mit Schlagpölstern und Handpratzen“, erklärt Ruth Preining. © psv-kma.at

Prävention: 65 Prozent der Botschaften, die wir aussenden und empfangen, werden von der Körpersprache, 25 Prozent von der Tonlage und nur zehn Prozent von der Wortwahl bestimmt. Treten Sie also sicher auf: schulterbreiter Stand, aufrechter Gang, leicht nach hinten gezogene Schultern. Nehmen Sie Raum ein! Tragen Sie keine Kopfhörer, beobachten Sie lieber Ihre Umgebung. Fühlen Sie sich verfolgt, drehen Sie sich um und checken Sie die Lage. Wechseln Sie die Straßenseite, tun Sie so, als ob Sie telefonierten und jemanden erwarteten, und flüchten Sie zu anderen Menschen. Lassen Sie beim Ausgehen ihr Getränk nie unbeaufsichtigt (K.-o.-Tropfen). Und verwenden Sie statt Pfefferspray, der auch gegen Sie verwendet werden könnte, lieber Ihre Tasche als Waffe. Fest ins Gesicht des Angreifers schnalzen!

Nächster Workshop:
13. November, 10.00–15.00 Uhr, Volksschule, Engerthstraße 78–80, 1200 Wien, www.psv-kma.at

Servicestellen

24-Stunden-Frauenhelpline: 0800 22 25 55

Notruf für vergewaltigte Frauen: 01 523 22 22

Notruf Frauenhäuser Wien: 05 77 22

Familiäre Gewalt: www.gewaltschutzzentrum.at, www.interventionsstelle-wien.at

Österreichische Frauenhäuser: www.aoef.at, www.frauenhaeuser-zoef.at

Frauenberatungsstellen: www.netzwerk-frauenberatung.at, www.orientexpress-wien.com

Opferhilfe „Weißer Ring“: www.weisser-ring.at 

„Sexuelle Gewalt ist Thema aller Frauen“

Merisa Karaduz (30) ist Klinische Psychologin in Wien. Beim „Islamischen Beratungsnetzwerk für Jugend und Familie“ berät sie Frauen in Beziehungsfragen.
Merisa Karaduz berät in Deutsch, Englisch, Kroatisch, Bosnisch und Serbisch. Ihr Schwerpunkt: Aggressions- und Konfliktmanagement.

Merisa Karaduz berät in Deutsch, Englisch, Kroatisch, Bosnisch und Serbisch. Ihr Schwerpunkt: Aggressions- und Konfliktmanagement. © privat

Seit der Zuwanderung von Männern aus dem Nahen Osten häufen sich sexuelle Attacken auf Frauen und Minderjährige in Europa. Welche Schlüsse ziehen Sie daraus?
Merisa Karaduz: Diese Kriminalakte einzelner Zuwanderer sollten nicht mit unschuldigen Menschen, die selbst vor Gewalt fliehen, in Zusammenhang gebracht werden. Sexuelle Gewalt an Frauen wird oft instrumentalisiert – in diesem Fall von Parteien gegen Flüchtlinge und Migranten. Gewalt an Frauen besteht weltweit und seit Langem, rückt aber leider nur dann in den medialen Fokus, wenn man einen übersimplifizierten, gut ausnutzbaren Sündenbock gefunden hat.

Welche Übergriffe erleben Musliminnen im Alltag?
Gewalt kennt keine ethnischen, kulturellen, religiösen oder nationalen Grenzen. Sexuelle Gewalt ist das Thema aller Frauen. Musliminnen berichten über die gleichen Mechanismen wie Nichtmusliminnen. Gesellschaften mit ungünstigen ökonomischen Verhältnissen und wenig Bildungszugang dokumentieren aber mehr häusliche Gewalt.

Welche Rechte haben Frauen in solchen Ländern?
Gewalt wird international als Straftat behandelt. Jedes Opfer hat Recht auf Schutz und Entschädigung. Leider nehmen Frauen diese Rechte oft nicht in Anspruch, denn in stark patriarchalen Gemeinschaften liegt der Fokus auf dem Kollektiv, nicht auf dem Individuum. Häusliche Gewalt wird meist als Privatangelegenheit behandelt. Hilfe suchen Frauen dort eher bei Verwandten oder Freundinnen. Diese Tendenzen finden sich im muslimischen Bangladesch oder Kasachstan, aber auch im nicht muslimischen China oder Indien.

Lesen Sie weiter in „Welt der Frau“ 11/16.

Erschienen in „Welt der Frau“ 11/16 – von Petra Klikovits