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Reden wir über Hoffnung...<br>Alles wird recht.
Die Theologin Sissy Kamptner im Gespräch über Hoffnung – und wie sich diese von Vertrauen unterscheidet.

Frau Kamptner, worauf haben Sie zuletzt gehofft?
Sissy Kamptner: Das kann ich gar nicht so sagen. Mir ist aufgefallen, dass ich das Wort „Hoffnung“ eigentlich wenig gebrauche oder thematisiere, ich aber viel Hoffnung habe. Ich habe das Gefühl, ich lebe in dieser Haltung. Aber ich nehme eher das Wort „Vertrauen“.

Wie unterscheiden Sie „Hoffnung“ und „Vertrauen“?
Hoffen ist offener. Vertrauen, das hat noch mehr. Bei Paulus gibt es den Satz: „Glauben ist fest stehen in dem, was man erhofft, überzeugt sein von Dingen, die man nicht sieht.“ Irgendwie hängt das zusammen, Vertrauen und Hoffnung, und ist trotzdem was anderes.
Ich habe zum Beispiel eine große, tiefe Hoffnung – aber da könnte man natürlich auch Vertrauen sagen – was die Veränderung in der Kirche betrifft. Und das ist etwas, das ist in mir. Diese Hoffnung kann mir niemand nehmen. Die ist schon so gewachsen. Und das ist eigentlich meine Stärke. Viele glauben nämlich nicht daran, dass sich da was ändern kann. Aber ich lebe wirklich aus der Hoffnung „Bei Gott ist nichts unmöglich“. Auch wenn manchmal alle realistischen Kriterien dagegensprechen.

Das klingt nach einer tiefen Basis …
… ja, einer tiefen Basis und eigentlich einer großen Kraft – aber gemessen an der Realität, sie ist keine Illusion. Dieses „Bei Gott ist nichts unmöglich“, das kommt mir in vielen schwierigen Situationen oder Konflikten zugute. Und ich habe überhaupt nicht das Gefühl, die Hoffnung zu verlieren, sondern im Gegenteil, je mehr ich aus diesem Glauben lebe, umso mehr wächst sie. Und ich habe das Gefühl, zumindest jetzt, auch wenn sich in der Kirche nichts mehr ändert, bin ich nicht frustriert.

Hat ihre Hoffnung auch etwas damit zu tun, dass Sie auf etwas vertrauen können?
Ja genau. Weil ich mein Vertrauen auf Gott setze, wird diese Hoffnung stärker. Und das ist etwas, was wirklich in mir geschieht. Es ist so real, dass es mich oft wundert, was das für Früchte trägt, denn mitbekommen habe ich das von daheim nicht. (lacht) Und wenn Leute in der Pfarre meinen: „Wie du immer sagst, alles wird recht“, dann finde ich es schön, dass sie mich so erleben. Dann denke ich mir, da ist in mir viel gewachsen.

KLEIN_45_Hausrugger_SissyKamptner_MG_9357_RZ kopierenSie haben also eine Entwicklung durchgemacht?
Ja, sehr, gerade auch, was das Vertrauen betrifft. Die Hoffnung, dass es anders werden kann, habe ich schon in jungen Jahren gehabt. Aber das Vertrauen hatte ich noch nicht, das ist sehr gewachsen. Meine Eltern waren dagegen, dass ich Theologie studiere. Aber die Hoffnung, diesen Weg wirklich beschreiten zu können, die war eigentlich immer da, sonst hätte ich es nicht getan. Denn die Widerstände waren wirklich groß.

Gibt es etwas, von dem Sie schon länger hoffen, dass es sich bewegt, aber nichts weitergeht?
Ja, das gibt es schon. Aber ich kann anders damit umgehen als früher – da hat mich manches viel mehr aufgeregt. Und auch jetzt gibt es noch manchmal so Punkte, an denen es mich sehr aufregt. Also ich habe das mit dem Vertrauen und der Hoffnung auch nicht gepachtet. Ich muss mich auch immer wieder in diese Haltung einstimmen.

Was bewirkt Hoffnung für Sie?
Sie bewirkt die Gelassenheit, auch mit Situationen, die wirklich nicht gut sind, zu leben und gut umzugehen. Und immer offen zu halten: Es kann sich auch was zum Guten verändern. Weil sonst kämen wir in eine Haltung hinein, so quasi „Das kannst du eh vergessen“. Hoffnung bewirkt eigentlich, trotzdem zu schauen, wie kann ich in der Liebe bleiben, wie kann ich gut und liebevoll mit Menschen oder Situationen umgehen?

Gibt Hoffnung auch Kraft?
Ja sicher! In Situationen, wo andere sich vielleicht denken würden; „Das kannst du eh vergessen“, habe ich ein Gefühl, das ist wie so eine innere Quelle: Da kommt wieder was nach.

Geht Ihnen die Hoffnung nie aus?
Nein, aber das ist ja nicht etwas, was ich mache. Ich sehe das schon als Geschenk Gottes, dass die Quelle stetig sprudelt. Freilich gibt es das manchmal, dass man sie nicht so spürt. Aber grundsätzlich aus dieser Gewissheit zu leben, das habe ich schon. Ich glaube trotzdem, dass ich nicht gefeit bin vor hoffnungslosen Phasen. Obwohl ich es schon lange nicht mehr erlebt habe.

Gab es hoffnungslose Phasen in Ihrem Leben?
Es gab Wüstenzeiten, in denen es mir schlecht gegangen ist und ich nicht gewusst habe, wie es weitergehen
soll. Aber trotzdem habe ich von dieser inneren Hoffnung oder von
diesem kleinen Lichtschein oder von der Glut, die unter der Asche ist, gelebt.

Ist Hoffnung etwas, was man fördern oder sich aneignen oder erwerben kann?
Also erwerben geht sicher nicht. Aber wenn man in dieser inneren Erwartung lebt, so auf Gott hin, da wird die Hoffnung sicher mehr. Dieses Gefühl der Hoffnung hat man nie gepachtet. Das ist ein Geschenk, wenn man es hat – und wenn es immer wieder so nachfließt. Aber man hat kein Recht darauf. Und man kann es sich schon gar nicht verdienen oder es erwerben.
Übrigens habe ich nachgeschaut, was die Wörter bedeuten: „Hoffen“ geht vom Deutschen her auf das Hoppen, Hüpfen zurück, in Erwartung, in unruhiger Erwartung springen. Das finde ich irgendwie schön. Und Vertrauen kommt von „treu“. Da merkt man schon die Gewichtung: Das Hoffen und Hüpfen ist noch viel unruhiger. Und das Vertrauen, das ist schon beständiger. 

 

Sissy Kamptner

wurde 1957 in Vöcklabruck geboren und wuchs in Schwanenstadt auf. Nach dem Theologiestudium in Salzburg arbeitete sie als Pastoralassistentin in Traun und Steyr-Ennsleite. Es folgten etliche Jahre als Hausfrau, bevor die Mutter von zwei mittlerweile erwachsenen Töchtern als Krankenhausseelsorgerin wieder in den Beruf einstieg. Seit 2004 ist Sissy Kamptner Pfarrassistentin in Steyr-Christkindl, seit 2011 Vorsitzende der Frauenkommission der Diözese Linz. Sie lebt mit ihrer Familie in Garsten.

Erschienen in „Welt der Frau“ 9/14 – von Alexandra Graf