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Reden wir über Rituale ... <br>Sich selbst begegnen dürfen.
Die Kräuterpädagogin Susanne Türtscher im Gespräch über Rituale – und warum sie einen auch durch Zeiten des Umbruchs tragen.

Frau Türtscher, haben Sie ein Lieblingsritual?
(lacht) Ja, da fällt mir natürlich eines ein. Mein allerwichtigstes Ritual ist, dass ich am Morgen, vor Sonnenaufgang, hinaus in die Natur gehe, am liebsten in die Dämmerung hinein und wenn alle noch schlafen. Ich verbringe schon seit langer Zeit jedes Jahr eine Woche im Kloster in Münsterschwarzach, und was mich da zutiefst berührt, sind die Horen, in denen die Stunden besungen werden.
Da geht es nicht um die genaue Uhrzeit, sondern es wird der jeweiligen Zeitqualität nachgespürt. Es heißt, die Hore sei wie die Qualität eines Engels, der einem eine Botschaft bringt. In diesem Verständnis, also ohne dass ich mich groß darauf vorbereite, gehe ich bei meinem Ritual in diese ganz besondere Qualität des Morgens – und vielleicht, aber vielleicht auch nicht, begegnet mir eine Engelsbotschaft.

Das klingt nach einem schönen Start in den Tag.
Mit dem Ritual am Morgen ist der Tag für mich wie – ich will jetzt nicht sagen „wie gerettet“, aber er ist anders. Er beginnt schon ganz anders. Als wäre ich anders geerdet, oft auch schon erfüllt von, ja wirklich, von einer Botschaft. Wenn ich noch irgendetwas vom vergangenen Tag mitschleppe oder auch etwas, was ich an diesem Tag in Angriff nehmen sollte, entsteht im Gehen oft schon die Lösung oder die Antwort. Wie das geschieht, das weiß ich nicht, das ist oft eine große Gnade.

Machen Sie dieses Ritual täglich?
Ich mache es schon viele, viele Jahre, ich mache es nicht jeden Tag, aber es gibt Zeiten in meinem Leben, da mache ich es tagtäglich. Als ich mit dem Ritual begann, habe ich es als meinen „Treueweg“ bezeichnet, also dass ich ihm die Treue halten möchte. Dann ging ich durch eine sehr, sehr schwierige Zeit in meinem Leben, in der ich am Morgen manchmal lieber liegen geblieben wäre. Und da habe ich ihn umgetauft in meinen „Überlebensweg“. Manchmal habe ich mich gezwungen aufzustehen und manchmal ist auch nicht viel passiert, aber dieses Aufstehen und Mich-auf-den-Weg-Machen war einfach wichtig.

Auch auf den Weg machen zu sich selbst?
Ja, natürlich. Ich denke, das ist in jedem Ritual so: Alles, was wir im Außen machen, machen wir im Tiefsten, im Innen. Ich gehe auf meinem Morgengang durch die Natur, und für mich ist sie wie ein Spiegel meiner Innerlichkeit, ein Spiegel meiner Seele. Womit ich da draußen in Resonanz komme – das können Sterne, der Mond, ein starker Wind oder der Schnee, der vom Himmel fällt, sein –, geht in Resonanz mit der inneren Natur und mit inneren Zeichen.

Ist dieses Ritual für Sie mehr ein Alltagsritual oder ein feierliches Ritual?
Es ist für mich ein Alltagsritual, aber im klösterlichen Verständnis: Es gehört einfach zur Tagesstruktur, ist manchmal feierlicher und dann ist es wieder ganz, ganz normal. Aber ich bezeichne es schon als Alltagsritual.

Nimmt die Intensität eines Rituals zu, wenn wir es häufig machen?
Nein, das glaube ich nicht. Ich denke, dass ein Ritual, wenn wir es zu häufig machen, eher von dem ersten „Aaah“, also dem Großartigen, das wir uns ja immer auch ein bisschen erwarten, verliert. Ich denke, was an meinem Ritual wirklich die höchste Qualität hat, ist die Treue zu diesem Morgengang. Und mir die Erlaubnis zu geben, dass gar nichts geschehen braucht, dass ich einfach gehe und die Erwartungshaltung zurückstelle.

Wie wichtig sind für Sie Rituale, die Sie alleine machen, und wie wichtig gemeinsame?
Dieses Ritual alleine, das stärkt mich in meiner Tiefe. Da kann ich für mich, vor allem wenn ich Tagebuch schreibe, einen roten Faden finden: Ich sehe, in welche Richtung sich etwas bewegt, also ein Anliegen oder ein Schmerz oder eine Grundhaltung oder etwas, was neu geboren werden möchte oder wohin mich eine Lebensphase führt. Wenn wir ein Ritual in der Gruppe feiern, dann hat das etwas sehr Verbindendes. Das erleben wir ja auch bei den althergebrachten Ritualen, die wir im Jahreskreis feiern und die einem als Familie ganz, ganz wichtig sind.

Rituale müssen kein Spektakel sein.

In Südfrankreich gibt es den schönen Brauch – und das ist ja auch ein Ritual –, sich nach der Osternacht im Dorfbrunnen die Augen zu waschen. Damit man hinter die Dinge sehen kann, also das sieht, was unsere profane Welt übersteigt. Ich denke, darum geht es in jedem Ritual: dass wir erwachen. Dass wir anders sehen. Die Welt um einen verändert sich nicht, und auch eine tragische Situation verändert sich noch überhaupt nicht, wenn wir eine Kerze anzünden. Aber vielleicht verändert sich mein Blick oder meine innere Wahrnehmung.

Macht es einen Unterschied, welchen Ursprung ein Ritual hat?
Wenn es um solche Rituale wie eine Visionssuche geht, dann bin ich ganz dankbar um die uralte Herkunft. So ein Ritual muss immer wieder neu gedeutet werden, und ich gebe es natürlich in meiner Person und mit meiner Geschichte weiter, aber mir ist ganz wichtig, dass die Grundhaltung dieselbe bleibt.

Wenn es um kleinere Rituale geht, dann macht es überhaupt keinen Unterschied, wie alt oder von woher: dann ist es das Kreuzchen, das eine Mama ihrem Kind beim Verlassen des Hauses auf die Stirn macht oder auch beim Zubettbringen. Ich denke, alle rituellen Sachen, die durchs Herz fließen, erreichen die Wirkung. Und ein Ritual lebt natürlich von der Wiederholung. Das ist wichtig. 

Susanne Türtscher

Jahrgang 1963, geboren und aufgewachsen in Lustenau, absolvierte eine Ausbildung zur Floristin und war einige Jahre selbstständig. 1986 heiratete sie und zog ins Große Walsertal – dort arbeitet die Mutter von fünf erwachsenen Töchtern auch als Kräuterpädagogin und Visionssuchebegleiterin. Susanne Türtscher ist Gründerin und Projektleiterin der Kräuterinitiative „Alchemilla“ sowie Leiterin der Kräuterwerkstatt „Crescenda“. Ihr Buch (gemeinsam mit Anselm Grün) „Die Heilkraft der Natur“ ist im Vier-Türme-Verlag, 17,40 Euro, erschienen.

Erschienen in „Welt der Frau“ 7_8/14 – von Alexandra Graf

Foto: www.buero-magma.at