11

17

Aktuelle
Ausgabe:
Zum Shop
Reden wir über... Veränderungen Immer. Weiter. Gehen.

Die Soziologin und Kräuterbäuerin Traude Horvath im Gespräch über Veränderungen – und warum sich immer wieder etwas auftut.

Frau Horvath, was war Ihre letzte Veränderung?
Traude Horvath: Ich bin gerade in einer, es steht wieder eine an. (lacht)

Wie sieht die aus?
Mein Partner Siegi und ich bauen Kräuter an. In den letzten Jahren waren wir sehr viel unterwegs, um unsere Kräutertees zu verkaufen. Und jetzt haben wir gesagt, wir brauchen etwas vor Ort, am besten ein kleines Geschäft. Wir haben zwar hier im Haus einen Hofladen mit einem Teesalon, aber in Stilfs sind wir doch ein bisschen fernab vom Schuss. In Glurns hat sich jetzt die Chance aufgetan, in der Laubengasse in einem wunderschönen, renovierten Haus Räume zu bekommen. Dort werden wir ein Geschäft mit Teesalon eröffnen, und wir haben auch die Möglichkeit, in einem Raum daneben eine Art Kulturzentrum zu errichten, wo man alles Mögliche machen kann: Workshops, Vorträge … Das ist der nächste Schritt. Wobei er irgendwie eine Synthese aus vielen ist: Ich habe ein Literaturhaus geleitet, ein Lokal gehabt, ich habe als Soziologin gearbeitet, die Kräuter …

Da fließt jetzt alles zusammen.
Ja, zumindest habe ich den Eindruck. Schauen wir mal, wie es wird.

Geht es Ihnen gut mit dieser Veränderung?
Ja, mir gefällt das total gut. Ich habe eine Freude daran, dass immer wieder etwas Neues kommt, etwas Neues entsteht, dass es nicht zu einer Routine kommt. Das ist jetzt leicht gesagt, denn im Nachhinein kommt es einem so vor, als wenn das ein Weg wäre. Wenn man mittendrin ist, denkt man sich: „Was hat das eine mit dem anderen zu tun?“

Können Sie rückblickend erkennen, dass es ein Weg ist?
Ja. Ich meine, zumindest von den Möglichkeiten her, die ich hatte. Ich habe an einer Hotelfachschule maturiert, dann habe ich Soziologie studiert, Forschungsprojekte gemacht, das „Literaturhaus Mattersburg“ aufgebaut, dann wieder Forschungsprojekte gemacht, ein Lokal aufgebaut, und mit dem Siegi gemeinsam ist diese Kräutergeschichte gekommen.

45_016 KLEINSind Sie ein Mensch, der Veränderungen braucht?
Ja, das glaube ich schon. Zumindest schreckt es mich nicht, wenn etwas Neues kommt – solange das für mich selbst einen Sinn ergibt oder in mir stimmig ist. Wobei Veränderung nicht prinzipiell ein Thema für mich ist. Ich kann rückblickend sagen, ja, da hat sich einiges verändert, verglichen mit dem, wie es vorher war. Aber ich gehe nicht herum und denke: „Wie kann ich mich verändern?“

Wie gehen Sie mit Veränderungen um?
Ich habe den Eindruck, dass ich mich schon auf sie einlasse, aber ich habe trotzdem so etwas wie ein Sicherheitsnetz eingebaut. Für andere mag es nach „Die macht das einfach“ klingen. Aber für mich selbst weiß ich, dass irgendwo ein internes Sicherheitsnetz gespannt ist. Sonst würde ich mich, glaube ich, auch nicht trauen.

Wie sieht dieses Sicherheitsnetz aus?
Ich muss eine innere Sicherheit haben, dann kann ich etwas angehen. Wenn ich sie nicht habe, dann ist es besser, ich mache es nicht. Es gibt natürlich Situationen, in denen man ein bisschen schwimmt und zuerst so tut, als ob es geht, aber man hat ein unsicheres Gefühl dabei.

Und macht’s dann trotzdem?
Ja, das gibt’s auch. Zum Beispiel früher beim Reisen. Mit 18 bin ich nach Venezuela gereist, um eine Schulfreundin zu besuchen. Da habe ich zum Teil nicht gewusst, wie das gehen wird und wie ich das machen werde. Aber ich glaube, diese Übungen, gerade beim Reisen, sich auf etwas einzulassen, von dem man nicht genau weiß …, die sind gut, da muss man durch.

Also erweitert das Sichhineinwagen den Horizont?
Ja, schon, auf alle Fälle.

Führt ein Sichverschließen gegenüber Veränderungen zu Erstarrung?
Ich denke, da muss jeder für sich einen Weg finden. Man kann ja nicht sagen: „Du musst dich verändern.“ Das ist ein inneres Gefühl, wie weit man gehen kann. Und da sind die Grenzen bei jedem anders gesteckt.

Wie wäre es für Sie, ein Leben ohne Veränderungen zu leben?
Ich weiß es nicht. Es kann genauso gut sein. Es ist ja nicht so, dass ich sage: „Veränderung muss jetzt unbedingt sein.“ Aber wenn ich es mir so anschaue, hat sich das eine aus dem anderen entwickelt.

Bedeutet eine Veränderung immer eine Weiterentwicklung?
Ich weiß nicht, Weiterentwicklung … Es ist einfach Entwicklung. Weil man dann neue Dinge auslotet oder in andere Situationen hineinkommt. Von manchem weiß man ja gar nicht, ob man es kann oder nicht.

Kündigen sich Veränderungen an?
Ich habe den Eindruck, wenn man darauf wartet, dass eine Veränderung kommt, also quasi auf ein Zeichen, eine Erscheinung, dann kommt nichts. Und in dem Moment, in dem man sagt: „Okay, mach ich einfach mal“, geht es auf einmal Schlag auf Schlag und man ist in einer ganz neuen Situation. Vorher habe ich quasi gewartet, dass ich irgendwo etwas sehe, aber es ist nicht ersichtlich gewesen. Und plötzlich ist etwas da, an das keiner gedacht hat.

Wo hätten Sie gerne, dass sich etwas ändert?
Ich kann das gar nicht provozieren oder sagen, dass ich Wünsche habe. Ich glaube, das kommt von selbst. Aus meiner Erfahrung habe ich die Sicherheit, dass, wenn etwas zu Ende geht, sich etwas anderes auftut.

Traude Horvath,

geboren 1961 in Eisenstadt, studierte Soziologie und Politikwissenschaft an der Universität Wien. Die promovierte Soziologin arbeitete mehrere Jahre in der Forschung und Erwachsenenbildung, ehe sie 1992 das „Literaturhaus Mattersburg“ aufbaute und bis 1996 leitete. Von 1999 bis 2007 betrieb Traude Horvath das Gasthaus „Horvath“ in Wien. Seit Juni 2010 widmet sie sich gemeinsam mit ihrem Partner ganz den „Stilfser Bergkräutern“ in Stilfs (Südtirol). Traude Horvath hat an mehreren Publikationen mitgewirkt und wurde 1994 gemeinsam mit Gerda Neyer von der Dr.-Maria-Schaumayer-Stiftung für das Forschungsprojekt „Auswanderungen aus Österreich“ ausgezeichnet. 

Erschienen in „Welt der Frau“ 10/2015 – von Alexandra Graf