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Reden wir über ... WissenErfahren in der Erfahrung sein.
Die Heilpraktikerin Margret Madejsky im Gespräch über Wissen – und warum ihr eigene Erfahrungen so wichtig sind.

Frau Madejsky, es heißt „Wissen ist Macht“. Was ist Wissen für Sie?
Margret Madejsky: Für mich ist Wissen ein weiter Begriff. Vor allem ist es für mich keine statische Größe. Was ich heute weiß, sollte ich immer wieder überprüfen. Das Schlimmste ist, zu meinen, man wüsste. Aber klar ist Wissen Macht.

KLEIN_45_ET_1598_RZ KopieUnd was ist Unwissen?
Alles, was außerhalb der Zone des totalen Wissens und der absoluten Gewissheit liegt. Es gibt viele Wahrheiten, und ich gerate in Streit mit Leuten, die meinen, sie hätten die endgültige Wahrheit gefunden. Wenn ich es nicht ganz genau weiß, kann ich sagen: „Ich glaube“, „Ich ahne“, aber die absolute Gewissheit ist selten.

Woher nehmen Sie Ihr Wissen?
Mein Wissen baut auf vielen Pfeilern auf. Einer ist wissenschaftliche Erkenntnis, das Buchwissen. Aber das allein ist mir zu wenig. Um das Gelesene auf ein Fundament zu stellen, versuche ich, alles im Selbstversuch zu überprüfen. Bei dem, was ich nicht an mir ausprobieren kann, helfen mir andere. Der Austausch mit erfahrenen Kolleginnen sehr wichtig.

Kann man erst auf der Basis von Wissen etwas sehen, erkennen, deuten?
Je mehr ich weiß, umso geschulter kann auch mein Blick sein, und ich erkenne und deute leichter. Paracelsus sagte: „Die Erfahrung ist die Kenntnis von dem, was mit Wissen erprobt wird.“ Und: „Der Arzt soll erfahren in der Erfahrung sein.“ Es genügt also nicht, eine Erfahrung zu machen, sondern ich muss sie auch einordnen können – ob sie positiv ist, eine gute Erfahrung ist. Und es ist wichtig, sagen zu können, ich sehe oder weiß das jetzt noch nicht, damit muss ich mich erst auseinandersetzen.

Wie wichtig ist kollektives Wissen?
Wahnsinnig wichtig! Was am Wegrand wächst, wird leider zu wenig in der Schule gelehrt. Dabei wäre das wichtig. Kollektives Wissen ist gemeinsame Sozialisation, gemeinsame Geschichte. Volksmedizinisches Wissen gehört wieder aufgenommen in das kollektive Gedankengut.

KLEIN_45_ET_1632_RZ KopieGerade Frauen wurden lange kurz gehalten, wenn es um Bildung, um Wissen ging. Wie wichtig ist Wissen für Frauen?
Sehr, sehr wichtig. Aber auch das Fühlen und dem eigenen Gefühl zu trauen ist wichtig. Zum Thema „Frauen und Wissen“ fällt mir ein Erlebnis ein: Eine Freundin und ich waren auf der Suche nach einem Bioerdbeerfeld. Wir wussten nur grob, wo es sein sollte, und fragten uns durch. Die Männer antworteten ganz konkret, zum Beispiel: „Drei Kilometer geradeaus, dann links, dann rechts.“ Das Ergebnis: weit und breit kein Bioerdbeerfeld. Die Frauen antworteten: Ich kann’s nicht genau sagen, ich sag lieber nichts. Das ist ganz typisch. Die Männer hätten uns siegessicher in den Abgrund geschickt – Frauen sind viel zurückhaltender. Sie trauen sich ihr Wissen gar nicht zu. Dabei ist viel weniger wichtig, was ich weiß, als das, was ich weiß, zu festigen und selbstbewusst zu sein!

Wie meinen Sie das?
Bevor ich meine erste Exkursion geleitet habe, ging ich in den Wald, und plötzlich habe ich nur noch das gesehen, was ich nicht wusste oder kannte. Dann war ich auf der Exkursion eines alten Apothekers und habe mein Selbstbewusstsein wiedererlangt. Er erklärte, vor einer Eibe stehend, dieser Baum sei eine Thuja. Da wurde mir klar: Nicht vertuschen! Jeder macht Fehler. Und man kann Wissenslöcher haben und dazu stehen.

Im Mittelalter wurden Frauen aufgrund ihres Wissens verfolgt. Denken Sie, dass Frauen Wissen heute aufsaugen, um in ihre Kraft, ja zu Macht zu kommen?
Die Hexenverfolgung lebt fort: Es ist nicht erlaubt, bestimmtes Frauenwissen weiterzugeben, und es sind uns Pflanzen verboten, mit denen Frauen früher hantiert haben, wie etwa Hanf oder Schlafmohn. Mich erstaunt bei Frauenkursen: Wenn 20 Frauen ihr Wissen auspacken, sind wir komplett. Wenn wir das zusammenpacken, das ist ungeheuerlich.

Oft steht die Überinformation der Erkenntnis im Weg.

Wo könnte es hingehen, wenn sich mehr Frauen mit ihrem Wissen zusammentun?
Es gibt ja schon wieder eine breitere Basis. Vor 20 Jahren habe ich ein rohes Feld beackert. Da waren Frauen so verunsichert – wenn sie schwanger waren, haben sie es erst geglaubt, wenn es der Arzt gesagt hat. Heute wird vieles wieder unter Frauen geregelt. Und ich würde mir wünschen, dass Frauen wieder mehr Selbstbewusstsein in der Umsetzung ihres Wissens erlangen, entwickeln, üben. Man muss es wirklich üben. Üben, zum eigenen Herzenswissen zu stehen.

Woher kommt das zunehmende Interesse für altes Frauenwissen?
Das ist in meinen Augen eine Vertrauensfrage. Das alte Wissen ist Erfahrungswissen. Das ist keine Idee, nicht aus der Luft gegriffen. Eine Bäuerin sagt nicht: „Probier’s“, wenn es sich nicht bewährt hat. Erfahrungswissen ist erprobtes Wissen und damit glaubwürdiges Wissen.

Und intuitives Wissen?
Intuitives Wissen ist auch wichtig, aber es ist anders. Ich begegne vielen Menschen, die ganz intuitiv sind und damit ins Schwarze treffen. Das nehme ich sehr ernst. Paracelsus hat das intuitiv gewonnene Wissen der Hildegard von Bingen sehr gelobt. Aber intuitiv gewonnene Erkenntnisse sollten stets überprüft werden.

Was ist wichtiger: Wissen zu entdecken, zu bewahren oder weiterzugeben?
Meine Aufgabe ist es, Wissen weiterzugeben. Da versuche ich, meine Fingerfertigkeit zu schulen. Das Bewahren gehört zum Weitergeben. Unverfälschtes Weitergeben ist Bewahren. Natürlich kann ich nur Wissen weitergeben, das ich mir zuvor angeeignet habe – also ist alles gleichberechtigt.

Margret Madejsky

Jahrgang 1966, geboren und aufgewachsen in Baden-Württemberg, studierte zunächst einige Semester Physik und Meteorologie und entschied sich dann, Heilpraktikerin zu werden. Seit 1993 arbeitet Margret Madejsky in eigener Praxis mit Schwerpunkt „Naturheilkunde für Frauen“. 1994 begann sie im Rahmen von Natura Naturans (Arbeitsgemeinschaft für traditionelle Abendländische Medizin) zu unterrichten. Margret Madejsky lebt mit ihrer Familie bei München. Sie hat zahlreiche Bücher veröffentlicht, darunter „Alchemilla“ (Goldmann Verlag), „Lexikon der Frauenkräuter“ sowie „Heilmittel der Sonne“ (beide AT Verlag).

 

Erschienen in „Welt der Frau“ 03/14 – von Alexandra Graf