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Reden wir über Zuversicht... Alles wird gut

Die Buchhändlerin und Autorin Petra Hartlieb im Gespräch über Zuversicht – und warum ihr diese lieber ist als Hoffnung.

Frau Hartlieb, vorhin habe ich an einem Schaufenster gelesen: „Alles wird gut. So ist das Leben.“ Ist das Zuversicht?
Petra Hartlieb: Ja, auf jeden Fall.

Sind Sie ein zuversichtlicher Mensch?
Ich bin ein zuversichtlicher Mensch! Meistens. Also bei dem, was man selbst beeinflussen kann, gehe ich davon aus, dass eigentlich alles gut wird.

Woher nehmen Sie die Zuversicht?
Vielleicht daher, dass ich noch nie so richtig auf die Schnauze gefallen bin – obwohl ich immer „arge“ Dinge gemacht habe: Ich habe mit 19 ein Kind gekriegt, irgendwelche Jobs angenommen, von denen ich nicht wusste, ob ich das überhaupt kann.
Ich habe Sachen gemacht, bei denen ich immer das Gefühl hatte: Mal schauen, es wird schon irgendwie gehen. Eigentlich ist auch immer alles gut gegangen. Und wenn nicht, dann habe ich es nie als negativ abgestuft. Ich kann mir die Dinge aber auch sehr gut schönreden.

Sie sagen, bisher ist alles gut gegangen. Denken Sie, es könnte auch mal …
Ich denke, es muss irgendwann mal was passieren. Ich könnte auch mal scheitern. Solange es eine Kleinigkeit ist, ist es auch okay. Angst habe ich vor Dingen, die ich nicht beeinflussen kann: Krankheit, Tod, tragische Dinge. Aber alles, was ich beeinflussen kann, bei dem ich das Gefühl habe, ich nehme das in die Hand und mache das, da glaube ich eigentlich, dass das schon klappt.

Hat Zuversicht etwas mit Rationalität zu tun oder ist es eher ein Gefühl?
Ich glaube, dass es wahnsinnig viel mit Gefühl zu tun hat – und dass man versucht, aus Situationen das Positive herauszuholen. Es ist eine Einstellungssache. Und ich schöpfe auch viel Zuversicht aus meinem Freundeskreis. Da ist immer jemand, den ich fragen kann, der mir aus der Patsche hilft. Wenn man nicht so einzeln ist, habe ich das Gefühl, es wird schon alles gehen.

Petra HartliebBraucht es für Zuversicht Vertrauen in sich selbst?
Das auf jeden Fall, ja. Wenn man sich selbst nichts zutraut, ist es ganz schwierig. Mein Credo war immer, mir anzuschauen: Interessiert es mich? Will ich es machen? Und gar nicht erst zu überlegen: Kann ich es machen?
Natürlich muss es in einem realistischen Rahmen bleiben. Wenn mir jemand eine Professur für Mathematik anbieten würde, müsste ich sagen, dass ich das nicht kann. Aber wenn es um Sachen geht, die irgendwie im Rahmen meiner Möglichkeiten sind, dann setzt man sich einfach auf den Hintern und macht’s.

Ist Zuversicht angeboren oder kann man sie sich aneignen?
Oh, das ist ein Therapiegespräch. Ich kann dazu nur sagen, dass ich in einem Haushalt aufgewachsen bin, in dem es Zuversicht nicht wirklich gegeben hat. Also von zu Hause habe ich das sicher nicht mitgekriegt.

Trotzdem hat sich bei Ihnen unheimlich viel ergeben. Hatten Sie immer die Zuversicht, dass schon was kommt?
Genau. Es wird schon irgendwas kommen. Meine 14-jährige Tochter hatte in der Schule gerade das Thema „Bewerbungsschreiben“. Und ich konnte ihr überhaupt nicht helfen, weil ich mich noch nie in meinem Leben irgendwo beworben habe. Ich habe aber immer Jobs gehabt, ich habe immer gearbeitet. Das ist irgendwie gelaufen, über persönliche Kontakte, über Zufälligkeiten … Und als ich wegen meines Mannes nach Hamburg gezogen bin, wo ich niemanden kannte, da habe ich es auch innerhalb eines halben Jahres geschafft, mir einen Job zu basteln.

Ist da auch viel Hoffnung dabei?
Die Hoffnung stirbt zuletzt, ja. Wobei Hoffnung fast negativ ist, nach dem Motto „Das ganze Jahr waren die Umsätze schlecht und wir hoffen total, dass es Weihnachten besser wird“. Zuversicht dagegen wäre: Es wird sich übers Jahr hin schon ausgehen. Es wird schon gut werden.

Zweifeln Sie auch mal?
Ja, immer so zwischen drei und vier in der Früh.

Und gibt es einen Punkt, an dem sich die Zweifel in Zuversicht wandeln?
Ja. Bei uns ist das meistens, wenn man eine Entscheidung getroffen hat. Man geht wochenlang mit einem flauen Gefühl im Magen herum, und in dem Augenblick, in dem die Entscheidung gefallen ist, auch wenn es vielleicht eine negative Entscheidung ist, habe ich das Gefühl, es dreht sich um und es geht wieder aufwärts.

Dann ist die Zuversicht da …
… dass es gut wird. Ich finde die Phase, bis man so ein Problem überhaupt mal festmacht für sich oder sich traut, es auszusprechen, anzusprechen, immer anstrengend. Aber in dem Augenblick, in dem man sagt: „Okay, so machen wir das jetzt, auch wenn es eine unpopuläre Entscheidung ist“, dann ist es gut.

Wo wird Zuversicht gefährlich oder waghalsig?
Wenn man das Gefühl hat, es gelingt eh alles, was man anfasst. Und dann zu schnelle Entscheidungen trifft oder solche, die nicht richtig abgesichert sind. Wenn wir anfangen würden, aus lauter Zuversicht viele Filialen unserer Buchhandlung aufmachen zu wollen, weil wir denken: „Wir sind die Hartliebs und bei uns funktioniert das alles super“, dann wäre das schwierig. Da muss man schon aufpassen.

Wie ist Ihre Erfahrung: Wird man im Laufe des Lebens eher zuversichtlicher oder realistischer oder gar verzagter?
Dadurch, dass ich wie gesagt noch nie so richtig auf die Schnauze gefallen bin – das kommt sicher noch – habe ich schon das Gefühl, dass sie sich eher steigert, die Zuversicht.

Petra Hartlieb,

geboren 1967 in München, wuchs in Oberösterreich auf. Sie studierte in Wien Psychologie und Geschichte, arbeitete danach als Pressefrau bei verschiedenen Verlagen in Wien und Hamburg und später auch als Literaturkritikerin. 2004 erwarb Petra Hartlieb aus einer Schnapsidee heraus gemeinsam mit ihrem Mann eine gerade geschlossene Buch-handlung in Wien. Seit 2013 betreiben sie eine zweite Filiale.Petra Hartlieb ist Mutter eines erwachsenen Sohnes und einer 14-jährigen Tochter. Ihr Buch „Meine wundervolle Buchhandlung“ ist bei Dumont erschienen.

 

Erschienen in „Welt der Frau“ Ausgabe 05/15 – von Alexandra Graf