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Reden wir über ... TräumeSich selbst auf die Spur kommen.
Die Psychotherapeutin Ortrud Grön im Gespräch über Träume – und warum es für sie so wichtig ist, dass Denken und Fühlen in Harmonie sind.

Frau Grön, viele Menschen tun ihre Träume ab. Wie wichtig ist es, sich die eigenen Träume bewusst zu machen?
Ortrud Grön: Also für mich gibt es keine Frage, dass der Traum der liebevollste, tiefste und klarste Befreier ist, wenn ich selbst mit meinem Leben noch nicht gut genug umgehe. Jeder Traum hilft mir, den nächsten Schritt zu erkennen, den ich verbessern kann. Träume sind einfach die Liebe zu meinem Leben. Und das Leben soll ja in uns blühen und nicht darniederliegen.

Also spielt es eine ganz wesentliche Rolle, den Traum zu entschlüsseln?
Ja, ich muss erlernen, mir die Bilder in ihrer Gleichniskraft bewusst zu machen. Der Traum spricht ja in Bildern. Und Bilder sind Gleichnisse.

Wie viel haben Träume mit Wünschen und Sehnsüchten zu tun? Und wie viel mit der Realität?
Das kann man gar nicht trennen. Die Realität ist ja, dass wir leben wollen. Dass wir uns entfalten und glücklich werden wollen. Und dazu brauchen wir Wünsche. Wenn wir keine Wünsche haben, sind wir trocken wie ein Kaktus. Wenn der Kaktus aber Wasser kriegt, dann blüht er über und über. Und wenn wir unsere Gefühle dem zuwenden, was wir uns wünschen, dann blühen auch wir. Dann blühen unsere Wünsche auf.

Wie wichtig ist es, seinen Träumen auf die Spur zu kommen?
Der Traum zeigt mir, wie ich mich weiterentwickeln kann.

Und wenn ich das Wort „Traum“ nicht mit dem nächtlichen Traum gleichsetze, sondern mit Wunsch oder Sehnsucht nach etwas? Wie wichtig ist es da, dass man dem auf die Spur kommt?
Eigentlich ist es der Inhalt des Lebens, dass ich meine Individualität entdecke, indem ich meine Wünsche entdecke und meine Bedürfnisse wahrnehme. Wenn ich die nicht wahrnehme, dann entwickle ich auch nicht meine Individualität.

Denken Sie, dass es unsere Lebens­aufgabe ist …
… unsere Lebensaufgabe ist es, uns als Persönlichkeit zu entwickeln, und zwar wirklich als Persönlichkeit. Das heißt, jeder hat seinen eigenen Weg zu gehen. Jeder drückt seine eigenen Lebenskräfte aus, seine Begabungen, seine Sehnsüchte, zu gestalten. Das ist ja das Wesentliche. Wir haben zwei große Aufgaben: Wir wollen uns frei fühlen. Und wir wollen kreativ sein. Das sind die beiden großen Kräfte, die wir brauchen, um unser Leben lieben zu können. Wenn ich das Leben nicht lieben kann, indem ich dafür sorge, dass ich mich frei fühle und kreativ sein kann, dann macht das Leben keine Freude und dann erfülle ich auch nicht den Sinn des Lebens, nämlich leben zu lernen.

Welche Rolle spielt dabei Geduld?
(lacht) Ach, Geduld brauche ich, so glaube ich, zu den meisten Wünschen, die ich habe.
Die meisten Wünsche, wenn sie viel Kreativität verlangen, brauchen ja ein Durchdenken, Durchfühlen, Infragestellen. Wenn meine Gefühle und meine Gedanken nicht übereinstimmen, weiß ich, ich bin noch nicht auf dem richtigen Weg. Gefühle und Gedanken müssen sich immer einig werden, damit man spürt, dass man auf dem richtigen Weg ist und sich nicht täuscht.

Wenn ich spüre, dass Gefühle und Gedanken eins sind, kann ich mich also darüber freuen, dass ich mich auf dem richtigen Weg befinde?
Das stimmt. Doch, das ist ein Lebensgesetz, das viele noch nicht richtig zu leben verstehen. Dabei ist es so was Wunderbares.
Für mich ist es der Ariadnefaden aus dem Labyrinth. Ich habe immer wieder und immer wieder die Erfahrung gemacht, dass, wenn die beiden übereinstimmen, ich dann ganz ruhig sein kann und mich freuen kann, auf dem Weg zu sein, den ich mir eigentlich ersehne.

Kann man dann auch sicher sein, dass es noch nicht so ganz stimmig ist, wenn man noch grübelt oder noch hadert oder sich bei etwas nicht gut fühlt?
Ja sicher. In dem Augenblick, wo ich innerlich im Zwiespalt bin, weiß ich, dass ich eigentlich nichts anderes tun kann, als daran zu arbeiten, den Zwiespalt aufzulösen. Nur viele bleiben in dem hängen. Und wenn man in dem Zwiespalt hängen bleibt, weil man nicht weiß, wie man da rauskommen kann, dann verliert man die Freude am Leben. Das Ziel von Leben ist aber, glücklich werden zu wollen. Dadurch können wir überhaupt nur das Leben begreifen lernen – was Leben eigentlich in seiner Fülle ist.

Und vielleicht auch begreifen lernen, wofür wir da sind?
Richtig, ja. Ich habe in meiner langjährigen Forschung festgestellt, dass die Natur mit all ihren Kräften genau spiegelt, wie unser Leben zur Fülle werden kann. Wenn ich zum Beispiel einen Apfelbaum sehe und der blüht auf, das ist dasselbe, wie wenn in mir die Wünsche aufblühen. Dann muss die Biene kommen und sie befruchten. Ich muss die Biene sein, die sich um diese aufgeblühten Wünsche in mir bemüht, und sie befruchtet durch meine Gedanken, die ich dazu entwickle. Und dann, wenn ich sie liebevoll pflege, einen ganzen Sommer über reifen lasse und wirklich diesen Wünschen immer Nahrung gebe, wird da letzten Endes die Frucht draus.

Sind Ihre Lebensträume in Erfüllung gegangen?
Ja, das kann man wohl sagen! (lacht) Das hat sich so entwickelt, wie man es sich glücklicher eigentlich nicht vorstellen kann. Mit allen Schwierigkeiten, mit allen Tränen, die auch damit verbunden waren. Aber wenn ich wirklich getreulich gewartet habe, bis Denken und Fühlen in Harmonie waren, habe ich immer den richtigen Schritt gefunden und bin weitergegangen. Ich habe mich ganz an diese Führung gehalten.

Ortrud Grön,

geboren 1925 in Berlin, hat sich nach einer schweren seelischen Krise anhand der eigenen Träume auf den Weg gemacht und in den 1960er-Jahren die Herz-Kreislauf-Klinik Lauterbacher Mühle in Oberbayern gegründet. Auf Basis ihrer psychotherapeutischen Ausbildung sowie der ständigen Auseinandersetzung mit Träumen entwickelte sie das Konzept der „Traum-arbeit nach Ortrud Grön“. 2002 gründete sie die „Bayerische Akademie für Gesundheit Lauterbacher Mühle Osterseen e. V.“. Sie hat zahlreiche Bücher veröffentlicht, wie „Ich habe einen Traum“ (Ludwig Verlag) und „Leben ist eine Kuh, die dauernd ihr Euter füllt“ sowie das Lehrbuch „Pflück dir den Traum vom Baum der Erkenntnis“ (beide EHP Verlag).

 

Erschienen in „Welt der Frau“ 5/2014 – von Alexandra Graf