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Richtig oder falsch?
Edith, 78, war eine erfolgreiche Unternehmerin, 53 Jahre verheiratet und Mutter von fünf Kindern. Wofür hat sie auf ihr Liebesglück verzichtet?

Mein ganzes Leben lang genoss ich, mir mit dem Geld, das ich mit Ehrgeiz und 18-Stunden-Arbeitstagen verdient hatte, all das zu kaufen, was mein Herz begehrte. Vererbt oder geschenkt hatte ich nie etwas bekommen. Ich habe meinen ganzen Besitz selbst erarbeitet. Und konnte immer sehr großzügig für die Familie, die FreundInnen und alle KundInnen da sein.

Als strahlender Mittelpunkt unseres Unternehmens hatte ich alles im Griff. Zuerst gemeinsam mit ihm, damals, vor 53 Jahren, als wir geheiratet hatten. Als junges, zielstrebiges Paar bauten wir unseren Betrieb auf. Wir ergänzten uns mit unseren unterschiedlichen Talenten in der Arbeit sehr gut. Bis ich erfahren musste, was der ganze Ort schon lange vor mir gewusst hatte: Dass es da eine andere gab, die mit Wohnung, Auto und unserem Geld verwöhnt wurde. Das war vor 35 Jahren. Wie ein scharfes Messer fuhr diese Nachricht in mein Herz. Die fast unerträglichen körperlichen Schmerzen in der Folge hätten mich fast getötet. Sie ruinierten alle meine Gefühle für den Ehemann. Bis heute verzeihe ich diesen Betrug nicht. Ob es dann noch andere Frauen gegeben hatte? Es ließ mich kalt.

Mein Leben lang war ich von Verehrern verwöhnt worden. Doch nie hatte ich mich einem von ihnen hingegeben. Ein Seitensprung kam für mich nicht infrage. Ich wollte das Bild von einer glücklichen und erfolgreichen Familie nach außen hin um jeden Preis aufrechterhalten. Treu zu sein war eine anerzogene Auflage, die ich als Frau unwidersprochen erfüllte – obwohl ich die Liebe meines Lebens kennenlernte.

Ich denke jeden Tag an ihn. Seit fast 30 Jahren. Er war die Liebe meines Lebens.

Ein Kunde von uns. Gebildet, kultiviert, zuvorkommend, sehr attraktiv und voller Liebe zu mir. Doch mein Mann weigerte sich, die Scheidungspapiere zu unterzeichnen. Bis heute bereue ich zutiefst, dass ich nicht auf mein Herz gehört habe. Die Kinder waren damals so gut wie erwachsen. Die Frage, warum ich auf diese Liebe verzichtet habe, quält mich bis heute. Waren mein ehrgeiziges Streben nach noch mehr Erfolg und Besitz und mein gesellschaftliches Ansehen der Grund? Ich wollte auf keinen Fall „zur Frau von“ werden. Doch ist seither kein Tag vergangen, an dem ich nicht an ihn denken musste. Eine zweite Chance gab es nicht. Er starb vor einigen Jahren.

Mein Ehemann hatte sich in seinen letzten Lebensjahren sehr an mich geklammert. Ich war Tag und Nacht mit ihm. Jeden hatte ich ausgelacht, der mir sagen wollte, wie sehr die Pflege eines demenzkranken Menschen an die Substanz und über die Grenzen des Erträglichen gehen kann. Ich brauchte keine Hilfe. Schließlich hatte ich immer alles alleine geschafft in meinem Leben. Doch hundertmal am Tag die gleichen Fragen, sein schwindendes Erinnerungsvermögen, seine hartnäckige Weigerung, Windeln zu tragen. Nicht nur mein Geruchssinn litt schwer. Es waren ausschließlich mein Pflichtgefühl und die geübte Selbstdisziplin, die mich diese Jahre überstehen ließen.

Seit seinem Tod kehren langsam meine Kräfte zurück. Ich spüre meine Sehnsucht nach Liebe. Die ist mit dem Alter nicht weniger geworden. Wie gerne würde ich an der Seite eines Mannes die Lust am Leben wieder neu entdecken. 78 Jahre ist doch kein Alter. Oder? 

 

Erschienen in „Welt der Frau“ 01/14 – von Michaela Herzog