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Rituale am heiligen Ganges

Haridwar ist einer der wichtigsten Pilgerorte Indiens. Hier feiern gläubige Hindus täglich zur Morgen- und Abenddämmerung bei der „Ganga Aarti“ ihren heiligen Fluss. Es geht laut zu bei dieser Zeremonie, bunt und chaotisch – indisch eben.

Im indischen Bundesstaat Uttarakhand wird kein Alkohol ausgeschenkt, auf den Speisezetteln fehlen Fleisch und Eier. Milch gibt es dagegen schon. Aber warum keine Eier? Etwas weiter nördlich, in Chandigarh, hatten Straßenverkäufer sie noch palettenweise zu Omeletts verarbeitet. „Because this is a holy place“ („Weil dies ein heiliger Ort ist“), lautete die Antwort, als sei das Eierverbot das Natürlichste von der Welt und wir EuropäerInnen nur ein bisschen begriffsstutzig. Haridwar, der Ort, an dem der Ganges aus dem Himalaya in die Ebene tritt, war uns als besonders religiös angekündigt worden. Täglich kommen massenweise PilgerInnen, um den auf einem Berg gelegenen Tempel der Göttin Manasa Devi zu besuchen und an der „Ganga Aarti“ teilzunehmen, einer bombastischen Zeremonie, die täglich in der Morgen- und der Abenddämmerung an den Ufertreppen des Ganges stattfindet. Zudem beherbergt die Stadt unzählige Ashrams, also spirituelle Herbergen, in denen man meditieren, beten und Hindu-Riten verfolgen kann, Gurus inklusive.

KLINGELN, HUPEN, KNATTERN
Die Stadt Haridwar selbst ist nicht sehr groß, aber genauso chaotisch, wie man sich Indien eben vorstellt. Endlos aufgefaltet zieht sich das Gewürm enger Basarstraßen, in denen immer und immer wieder dasselbe angeboten wird: Tücher, Schuhe, Kleidung aller Art, Holzwaren, Devotionalien, Blütenketten, Gebetsbändchen, Farbpuder, Räucherstäbchen und Sackerl, gefüllt mit einer Art weißem Puffreis, der bei Tempelbesuchen eine wichtige Rolle spielt. Die Luft ist schlecht und die Straßen sind schmutzig und erfüllt von beständigem Klingeln, Hupen, Motorenknattern der Tuk-Tuks. Im fortdrängelnden Gewusel aus Fahrzeugen und Lebewesen scheinen nur die herumwandernden Kühe, die dösenden Hunde und die Affen auf den Dachsimsen Zeit für gelassene Posen zu haben. Europäische TouristInnen gibt es hier kaum, aber eine erstaunliche Anzahl einfacher Hotels steht für die PilgerInnen zur Verfügung, die morgens schon früh von hartem Glockenläuten und Mantra-Gesängen aus den Ashrams geweckt werden.

EINMAL ABTAUCHEN BITTE
Eigentlich verläuft der Ganges verzweigt in einer breiten Ebene außerhalb Haridwars, doch man hat einen kräftigen Teil als Kanal durch die Stadt gelegt, in dem alle InderInnen, die etwas auf sich halten, baden wollen. Stufen führen hinab ins Wasser, und als Festhaltehilfe sind Ketten ausgelegt, um nicht von der Strömung abgetrieben zu werden. Tagsüber kommen immer wieder Gruppen von Menschen, die mit Tüchern bekleidet oder auch im vollen Gewand in den Fluss steigen. Am Ufer sitzen endlos aufgereiht BettlerInnen und ausgemergelte, wild bemalte Gurus, die von Almosen leben.

Überall im Ort stehen Tempel oder Schreine mit Götterfiguren, die als Zeichen der Verehrung täglich gewaschen, bekleidet, mit Blumen geschmückt werden. Der Manasa-Devi-Tempel oberhalb der Stadt beherbergt gleich eine ganze Reihe davon. Die PilgerInnen gehen die Schreine nacheinander ab, legen Kokosnüsse, Blumen, Früchte, Räucherkerzen und Geld als Opfergabe nieder und erhalten dafür vom Priester einen farbigen Punkt auf die Stirn, einen Segen, ein Gebetsbändchen um den Arm. Ein Besuch in diesem Tempel, so heißt es, soll Wünsche in Erfüllung bringen. Weiterlesen in der Printausgabe…

Das heilige Wasser und der Ganges

Wasser ist für gläubige Hindus ein zentrales Element. Mit Wasser wird, kniend vor dem Priester, der Mund gespült, mit Wasser wird der Kopf bestrichen, ins Wasser wird bei Riten alles Mögliche hineingeworfen, Blumen, weiße Zuckerkügelchen, Göttergaben.

Und es gibt den folgenden Mythos, erzählt vom Schriftsteller Devdutt Pattanaik: „Eines Tages begann der Gott Shiva zu singen. Der Gott Vishnu war von der Melodie so gerührt, dass er dahinschmolz im wahrsten Sinne des Wortes. Brahma, der dritte im Götterbunde, fing den geschmolzenen Vishnu in einem Topf auf. Diese Flüssigkeit wurde auf die Erde geschüttet und nahm die Form des Flusses Ganges an. Im Wasser des Ganges zu baden, heißt in Gott zu baden.“

Skizze von Indien

Kein Wunder also, dass die gläubigen InderInnen den Ganges intensiv verehren. Der Fluss entspringt im Himalaya und nimmt seinen Weg quer durch den Nordosten Indiens, bis er nach 2.600 Kilometern in den Golf von Bengalen mündet. Noch ganz am Anfang seines Verlaufs tritt er bei der Stadt Haridwar zum ersten Mal aus den Bergen in die Ebene ein, weshalb hier ein wichtiger Pilgerort entstand. Das Wasser des Ganges ist noch frisch und schimmert grünlich. Im Gegensatz zu Varanasi (bekannt auch unter dem Namen Benares), wo die berühmt-berüchtigten Leichenverbrennungen am Fluss stattfinden, sind die Ganges-Zeremonien von Haridwar heller, fröhlicher und weniger todesnah.

Erschienen in „Welt der Frau“ 0708/17