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Rosalie auf der Leiter

Rosalie Schneitler war ein unruhiger Geist und ständig in Bewegung. Stille und Stillstand ängstigten sie. Beim Zirkus begriff sie, dass man beides braucht – Ruhe und Unruhe –, um im Leben Halt zu finden.

Jeder Mensch trägt viel mehr Potenzial in sich, als ihm bewusst ist. Auch ich lebte nur jene Persönlichkeitsaspekte, die sich sicher anfühlten. Doch Krisen und Zäsuren im Leben zwingen uns, auch beängstigende, verborgene Seiten anzunehmen, die darauf warten, geweckt zu werden“, sagt Rosalie Schneitler (31) und klettert grazil auf ihre Leiter. Der Sprossenturm ist die Meisterdisziplin der Artistin und hat Symbolkraft: Er spiegelt ihre Wesensart wider.

58_IND3995_KLEINViele Jahre war Schneitler auf Achse. Ruhe machte sie nervös. Immer musste etwas los sein, etwas Abwechslungsreiches passieren. Logisch also, dass sich die Oberösterreicherin bei der Turngerätauswahl in der Zirkusschule eine Aluleiter schnappte. Das Ausloten von Grenzen, das Erleben von Aufstieg und Fall faszinierten sie. Der leichte Transport und die flexible Einsatzbarkeit der Leiter kamen ihr ebenso gelegen: Bis auf einen geraden, festen Boden und eine gewisse Raumhöhe ist sie bei ihrer Kunst auf nichts angewiesen. Und auch die erforderliche Geisteskraft beim Turnen sprach sie an: „Ich muss permanent meine Kräfte austarieren, damit ich in Balance bleibe.“ So wie ihre Leiter nie stillsteht, stehe auch sie nie still, kichert sie, hüpft hin und her und erzählt von der Schwangerschaft mit ihrer heute zweijährigen Tochter Valerie. 

ENTSCHLEUNIGUNG
Noch mit Fünfmonatsbauch trainierte Schneitler acht Stunden täglich. Bis sie ihr Körper zum Leisertreten zwang. Eine Herausforderung. Das Ruhig-sein-Müssen zu akzeptieren und in der Stille Kräfte zu sammeln, war für sie einer der „ärgsten Momente“. Es brauchte Zeit, um der neuen Gangart etwas Positives abgewinnen zu können. Aber genau hinter der Angst vor der Langsamkeit und dem Innehalten befand sich auch eine Erkenntnis: „Seither fühle ich mich voller, runder und zentrierter. Ein Segen, dass ich diesem Impuls gefolgt bin!“

In Wahrheit tat Rosalie Schneitler das nicht zum ersten Mal. Nur diesmal war es ihr bewusst. Schon als die Sozialarbeiterin aus Zwettl an der Rodl 2009 entschied, nach Italien auszuwandern, um es als Artistin zu versuchen, war in ihr „ein Teil ihres Selbst aufgegangen“. Bereits als Kind hielt sie Langeweile kaum aus. In solchen Spannen verlor sie regelrecht die Freude. Ähnlich erging es ihr, als sie später in einem Frauenhaus arbeitete und dort ihren Handlungsfreiraum durch politische Entscheidungen und die Abhängigkeit von öffentlichen Geldern gestört sah. Doch nichts nervte mehr als das Fremdbestimmtsein. 

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Im Spätherbst mieten Rosalie, ihr Freund Giorgio und Tochter Valerie ein Haus in der Toskana. Doch ihr Nomadenleben im Wohnmobil bleibt.

VERHUNZTER BUA
Als ihre Stelle gestrichen wurde und sie fortan SchülerInnen mit Migrationshintergrund beim sozialen Lernen begleitete, entdeckte sie, „dass eine emotionale Annäherung ohne viel Worte oft konstruktiver abläuft als durch gutes Zureden“. Der Wunsch, durch Tun statt durch Worte zu wirken, packte sie immer mehr, und bald war klar, dass der Beruf als Sozialarbeiterin nicht mehr stimmig war. Anstatt sich mit Existenzängsten zu plagen – „Ich komme mit wenig Geld aus“ –, begann sie intuitiv mit Hobbytheater.

Eine Begegnung mit einem Berliner Straßenkünstler brachte den nächsten Stein ins Rollen. „Er erzählte mir von der Artistenschule, die er besuchte. Das berührte mich im Herzen.“ Dann erfuhr Schneitlers damaliger Freund, ein Fotograf und Stelzengeher, von einem Talente-Casting einer Turiner Zirkusschule, und die beiden reisten spontan nach Italien.

„Bis dahin war Zirkus eine Kindheitserinnerung. Ich war begeistert, wenn mal einer mit drei Tauben und zwei Ponys in unser Dorf kam“, memoriert Schneitler. Vor allem das Nomadenleben der KünstlerInnen imponierte ihr. Als Jugendliche empfand sie Zirkus wiederum bieder, tier- und geschlechterfeindlich. „Die halbnackten Frauen in den glitzernden Trikots und die muskelgestählten Machomänner fand ich total abstoßend. Ich war eben ein verhunzter Bua! Hasste es, wenn meine Schwester Rita mir die Haare kämmte. Sie liebte es, sich zu schminken und tolle Kleider anzuziehen. Die hätte sie auch mir gerne übergestülpt. Aber ich wollte lieber im Wald umherteufeln.“

GELEBTE EMOTION
Als Schneitler im Herbst 2009 in Italien das Konzept des zeitgenössischen Zirkus kennenlernte, veränderte sich ihr Blick noch einmal. Plötzlich bestand die Attraktion der Manege nicht mehr aus Sensation und Tricks, sondern war individueller Ausdruck von Emotion. Genau dieser Sehnsucht war sie gefolgt! Zu ihrem Erstaunen brillierte sie bei der Aufnahmeprüfung. Ihr Freund erhielt eine Absage. Schneitler nahm ihre Möglichkeit dennoch wahr. Es hätte nichts gebracht, ihm zuliebe zu verzichten, sagt sie. Anfangs führten die beiden eine Distanzbeziehung, doch bald war klar, dass es nicht mehr ging. „Alles war verstrickt, weil ich lebte, was er leben wollte. Ich fühlte mich eingeengt, wollte es nicht mehr tragen.“

An ihre Seite gesellte sich Aurelia, eine Bekannte aus Graz, die ebenfalls in der Zirkusschule anheuerte. Mit ihr gründete Rosalie eine WG, und sie tritt noch heute mit ihr auf. Nach Beendigung der Ausbildung hängte Schneitler bei der Konkurrenzschule „Flic“ ein Aufbaujahr dran, um ihre Ausdruckskraft zu optimieren. Endlich konnte sie ihren „Grant auf die versprachlichte Gesellschaft“ ablegen und mittels Mimik, Gestik und Bewegung ihr Inneres verdeutlichen. Jenen Teil des Menschseins erschließen, „der zu wenig gefördert wird“. 

MAL GETRENNT, MAL GEMEINSAM
Just als sie sich mit der neuen Fähigkeit vertraut machte, stolperte Clown Giorgio in ihr Leben. Sofort begann „ein großes Spiel“ zwischen ihnen. Eine Beziehung mit viel Komik und ohne wortgewaltige Kommunikation. Das körperliche Bekenntnis zueinander war unmissverständlich, und schon nach fünf Monaten war Nachwuchs unterwegs. Trotzdem tingelten Rosalie und Giorgio mit ihren Kompanien umher. Mal gemeinsam, mal getrennt. So ist das bis heute. „Wir haben keine Homebase, leben im Wohnmobil und Kleinbus und sind in unterschiedlichen Ländern unterwegs“, erzählt die Globetrotterin.

Als Giorgio kürzlich wochenlang in Tschechien seine Zelte aufschlug, nutzte Rosalie die Zeit für eine Stippvisite bei ihren Eltern im Mühlviertel. Ist sie wiederum mit zirkuspädagogischen Projekten in Deutschland beschäftigt, reist ihr Gefährte mit Tochter Valerie zu seinen Eltern nach Italien, wo die Kleine auch einmal ohne ihre Eltern bleibt. 

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Artistin Rosalie bewegt sich am liebsten hoch über dem Boden. Als Zirkusfrau lebt sie hauptsächlich im Wohnwagen.

IM WOHNMOBIL
Und was sagt die Familie zu ihrer Wanderschaft? „Meine Mama, sie ist Ärztin, findet super, dass ich mache, was ich will. Mein Vater, ebenfalls Arzt, sieht die Berufswahl ,Zirkusartistin‘ zwar weniger gelassen, steht aber hinter mir. Er versuchte immer, uns Kindern das Leben zu ermöglichen, das wir selbst wählten“, bekennt Schneitler. Manchmal habe sie das Gefühl, dass er sich auf eine liebende Art über ihre Pläne amüsiert. So wie beim letzten Heimbesuch, als Rosalie den Lkw-Führerschein mit Anhänger absolvierte. Diese Qualifikation war notwendig, damit sie künftig die Leitung von Kursen und Festivals übernehmen kann.

Rosalies Zirkus geht also weiter. Für ihre Schwiegereltern sei „la famiglia“ zwar oberstes Gebot, andererseits nähmen sie das Leben, wie es sei. Diese Mentalität färbt auch auf die kleine Tochter Valerie ab. Überall findet sie sich zurecht. „Langsam bemerke ich aber ihr Bedürfnis nach Kindergruppen. Wenn sie schulpflichtig ist, müssen wir eh sesshaft werden“, sagt Schneitler. Wehmut klingt nicht mit. Im Gegenteil. Auch in ihr meldet sich die Sehnsucht nach einem Stützpunkt, an dem sie sein kann, wenn sie nicht reist. Im Spätherbst wird Rosalie Schneitler ein Mietshaus in der Toskana beziehen. Gemeinsam mit ihrer Familie und einem befreundeten Zirkuspaar mit Kind. Das Grundstück nahe Pisa sei auch groß genug für ­Giorgios Zelt und diverses Equipment.Auf die Möglichkeit, im Haus zu duschen und zu kochen, freut sich Rosalie schon. Wohnen möchte die umtriebige Oberösterreicherin aber dennoch lieber im Wohnmobil im Garten. Für ihre Leiter ist da wie dort Platz.

Erschienen in „Welt der Frau“ 09/15 – von Petra Klikovits