11

17

Aktuelle
Ausgabe:
Zum Shop
Rotweinrisotto mit Pilzen
Vor 13 Jahren hat Anna, heute 56, begonnen, aufs Essen zu vergessen. Bis sie vor fünf Jahren ihre große Liebe kennenlernte.

Zwei Scheiben Knäckebrot, aber nur am Wochenende. Einen halben Apfel als Ration auf meinen bis zu 14 Stunden dauernden einsamen Wanderungen. Wie viel Macht habe ich über meinen Körper? Ich wollte wissen, was ich aushalte.

Meine Tochter war zum Studieren weggezogen, meinen Vater brachte man als schwersten Pflegefall vom Spital nach Hause. Der Trennungsschmerz von den wichtigsten Personen in meinem Leben wollte mich zerreißen. Neben Fulltimejob, Hausarbeit, Haus und Garten habe ich die Betreuung des Vaters in der Nacht übernommen und dabei regelrecht auf das Essen vergessen. Nach drei bis vier Monaten war ich um 15 Kilos leichter. 30 Kilos bei einer Körpergröße von 1,50 m. Ich fühlte mich so leicht, fast schwebend. Was bedeuten schon extreme Magenschmerzen? Ich begann exzessiv zu joggen und Berge zu besteigen. Mein Körper schüttete das Glückshormon Endorphin aus. Ich war voller Power, fast hyperaktiv. Schlafen konnte ich nur im Sitzen, manchmal habe ich in der Nacht nur zwei Stunden dahingedöst. Meine hervorstehenden Hüftknochen, von den Jeans blutig gerieben, habe ich verklebt.

Nach einem halben Jahr zeigte die Waage 27 Kilos. Im Badezimmerspiegel stand mir eine traurige Frau mit einem ausgemergelten Körper und tiefen Furchen im Gesicht gegenüber. Ich sah das blanke Entsetzen in den Augen der Menschen bei meinem Anblick. Doch niemand hat nachgefragt. Alle zu feige, meine ArbeitskollegInnen, die Bekannten und FreundInnen.

Zugewandtheit heißt auch, mit einem Menschen ein Essen genießen zu können.

Nein, sterben wollte ich nicht, sondern gerade genug für mein glückloses Leben auf Sparflamme haben. Um die Funktionen des Körpers aufrechtzuerhalten. Das Leiden meiner Seele wollte ich nicht wahrhaben.

Meine Tochter hat nur mehr geweint, wenn sie an den Wochenenden nach Hause kam. Ich wusste keine Antwort auf ihr Warum.

Heute denke ich, dass mich meine linke Hüfte, die ich mir bei einem Sturz zerschmettert hatte, gerettet hat. Neun Wochen ohne Sport im Spital zu liegen, bedeutete Erholung pur für meinen Körper. Doch auch im Rehazentrum habe ich jedes psychologische Gespräch abgelehnt, mein Essen an die TischnachbarInnen verteilt. Dort habe ich Mario kennengelernt. Der 16-Jährige war der Erste, der mir die Wahrheit ins Gesicht schrie, als er mich im Badeanzug vor sich stehen sah: „Hey Anna, spinnst du, iss endlich was, du bist wie ein lebendes Skelett, irre schiach!“ Sein Mut, es auszusprechen, hat mich zum Nachdenken gebracht. Habe ich darauf gewartet, dass mich endlich jemand auf meine Wirklichkeit anspricht? Warum bin ich so hart geworden? Meinem Körper gegenüber? Was macht es so schwer für mich, Hilfe anzunehmen?

„Anna, darf ich für dich kochen, wie wäre es mit Rotweinrisotto mit Pilzen?“ Kühn, für eine Frau mit extremen Essstörungen kochen zu wollen. Ich habe die Einladung des Mannes angenommen, damals vor fünf Jahren. Mit ihm kam das Glück in mein Leben. Und der neue Wille, langsam wieder essen zu lernen. Dieser mutige Mann begleitet mich seither durch meine Höhen und Tiefen.

Ich weiß wieder, wie ein lustvolles Leben schmecken kann. Ich hatte einfach vergessen, wie sich Liebe anfühlt.


Erschienen in „Welt der Frau“ 2/2013 – von Michaela Herzog