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Sag’ mir wo die Blumen sind...

Mein immer runder werdender Bauch ist erstaunlich kompatibel mit meiner Sitzposition während ich Gitarre spiele. Wie ein Magnet dockt meine Bauchdecke am Rücken meiner Western-Gitarre an. Mein Bauchraum fungiert als erweiterter Klangkörper, wenn ich meine Lieblingslieder – selbstverständlich inbrünstig stimmlich begleitet – zum Besten gebe, zur Freude meiner Nachbarn. Ich stelle mir vor, dass das dem kleinem Menschen, mit dem ich mir im Moment einen Körper teile, gefallen könnte.

Ich erinnere mich so gerne an die schönen Momente, oder besser gesagt die verrückten Minuten, in denen meine Mutter mir in einer ohrenbetäubenden Lautstärke auf unserer alten Stereoanlage ihre Lieblingslieder vorspielte. Sie hat lauthals zu den Jackson 5, Bettina Wegner und sonstigen Hippie-Klängen mitgesungen und mit sehr speziellen, tranceartigen Zuckungen mein Erstaunen hervorgerufen. Ich liebte diese wunderbaren Ausbrüche aus dem Alltag. Mich hat das als Mädchen immer an unsere Katze Minna erinnert, ein behäbiges, faules Tierchen, außer wenn sie ihre „närrischen fünf Minuten“ hatte. Im rasanten Tempo, wie von einem Flo gebissen, von einer Zimmerseite zur nächsten, auf das Sofa, unter den Tisch im Zick-Zack-Kurs. So ist mir meine Mama auch vorgekommen bei ihren spontan einberufenen Musiksessions.

Ich will meinem Sohn auch das tiefgründige, atemberaubende und begeisternde an der Musik näherbringen, ich will ihn zu Tränen rühren, vor Vergnügen glucksen lassen und seine Mama für vielleicht etwas durchgeknallt halten, wenn sie mit ihrer Gitarre leidenschaftlich die alten Klassiker von sich gibt. Wer weiß, vielleicht erinnert er sich später an die Klänge der nächtlichen Jam-Sessions während der Schwangerschaft, in denen mein Mann und ich zwischen Pathos und Klamauk zum tausendsten Mal „Sag’ mir wo die Blumen sind“ und „Jolene“ zum Besten gaben.

Vorgestern hat mein Mann zum ersten Mal eine Bewegung unseres Sohnes spüren können. Er hat sein Ohr auf meinen Bauch gelegt, wie er es schon seit Wochen jeden Tag macht, um die glucksenden, klopfenden Geräusche zu hören, als plötzlich ein dumpfer Tritt zu spüren war. Dieser Tritt war so deutlich, dass ich nur annehmen kann, dass unser Schatz das mit Absicht gemacht hat um seinem Papa ein Lebenszeichen zu morsen. Wir werden wohl nie verstehen, was das Bewusstsein eines Babys im Bauch definiert, wie viel Wahrnehmung bereits stattfindet und was auf irgendeine Weise erinnert wird. Die Vorstellung allerdings, dass unsere gemeinsame Geschichte als jüngste, kleine Familie bereits begonnen hat, versetzt meinem Herz jedenfalls einen Sprung.

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