11

17

Aktuelle
Ausgabe:
Zum Shop
Salat mit Pute

Mit dem Älterwerden muss man/frau sich meist auch vom adleräugigen Zustand der Sehkraft verabschieden. Aber das mit der Brille ist so eine Sache…

So sitze ich neulich mit einer Freundin im Restaurant, der Kellner reicht uns die Speisekarte und ich überfliege die angebotenen Speisen voller Vorfreude auf den zu erwartenden Genuss. Dann schaue ich auf und frage meine Freundin, und was wirst du bestellen? Da schaut sie von der Speisekarte auf – die sie die ganze Zeit über krampfhaft in den Händen gehalten hat und unkonzentriert angestarrt hat – und sagt: Ich glaube, ich bestelle einen Salat mit Putenstreifen! Aha! Den habe ich ja gar nicht auf der Speisekarte gefunden. Sag mal, wo liest du das denn? Da kommt der Nachsatz: Ach weißt du, ich habe meine Brille gerade nicht dabei, ich kann das nicht lesen. Das könnte passieren, wenn es nicht jedes Mal dieselbe Ausrede wäre!

Der Verlust der Sehkraft scheint irgendwie, vergleichbar mit Haarausfall, Verlust der Potenz oder Verlust des Gedächtnisses ein offensichtliches Zeichen für das Schwinden der Jugendlichkeit zu sein, das man/frau schamhaft zu verstecken trachtet und lieber halb blind durchs Leben geht als die (oft sehr teure ) Brille aufzusetzen! Ich habe es in diesem Fall leicht, ich habe gar keine Wahl. Mehr oder weniger selbstbewusst muss ich meine Brille zur Schau tragen, da ich sonst wirklich kaum etwas sehen würde. Und da ich sie auch schon seit meinem 10. Lebensjahr tragen muss, fällt mir das jetzt im fortgeschritteneren Alter auch nicht schwer. Da sieht man wieder, alles ist für etwas gut im Leben!

Ein kleines Gedankenspiel hinterher: Könnte es sein, dass so mancher Mann meines Alters, der eine um vieles jüngere Lebenspartnerin an seiner Seite hat, aus Eitelkeit seine Brille nicht aufgesetzt hatte und dadurch gar nicht bemerkte, wie jung seine neue Freundin oder Frau ist? Es könnte ihm dabei auch entgangen sein, dass seine erwachsene Tochter aus erster Ehe um einiges älter aussieht als seine neue Frau. Und wenn Frau das so weiterdenkt, dann ist das Weglassen der Brille auch mit schuld daran, dass sich immer mehr Männer älteren Semesters auf Kinderspielplätzen, vor Kindergärten und Schulen herumtreiben müssen, genervt von ihren quietschlebendigen Sprösslingen.

Also liebe Optikerinnen und Optiker, verstärkt die Werbekampagnen für junggebliebene Herren jenseits der 50!

Und noch etwas: Wozu müssen wir flotten Seniorinnen uns dann noch fein herausputzen, wenn ein Großteil unserer Freund/innen uns ohnehin nicht genau sieht? Und die Gastwirte könnten sich die in Zukunft erforderlichen Angaben bezüglich diverser Unverträglichkeiten für uns ältere Semester auch sparen!

Anneliese Pflügelmayr

arbeitete als Pädagogin und Mediatorin. Zuletzt war sie an der Pädagogischen Hochschule OÖ tätig, wo sie Deutschdidaktik unterrichtete und gemeinsam mit KollegInnen einen Lehrgang für Peermediation aufbaute. Seit einem einjährigen Aufenthalt als Austauschschülerin in den USA engagiert sie sich als Freiwillige für Jugendaustausch und diverse Sozialprojekte. Kommunikation und Begegnung mit Menschen sind ihr wichtig. In ihren Beiträgen wirft sie einen augenzwinkernden Blick auf das Alltagsleben als Seniorin, in dem sich vielleicht auch so manche Leserin wiederfindet.
Ihre Devise: Mit kritischer Distanz und Humor sollte sich doch das Älterwerden etwas leichter bewerkstelligen lassen!

Kommentare

One thought on “Salat mit Pute”

  1. Vera Binder sagt:

    Wie wahr!
    Kontaktlinsen sind eine gute Alternative!

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.