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Samihas Augen und viele Wege durch Istanbul

Mevlut wird in einem kleinen Dorf geboren, 1969 zieht er zu seinem Vater nach Istanbul. Dort besucht er die Schule und versucht sich als Yoghurt-Verkäufer, später sattelt er auf den Verkauf des begehrten Boza-Getränkes um. Noch wollen viele Muslime Alkohol nicht ungeniert trinken, sie erkunden sich, ob denn im Boza wohl auch kein Alkohol sei. Boza, ein Hirsegetränk, dem ein wenig, wenig, ganz wenig Alkohol beigefügt ist, berauscht die Käufer und Käuferinnen, die viele Becher davon leeren. Nein, kein Alkohol ist in dieser Köstlichkeit! Gelegentlich rufen die Kunden Mevlut in ihre Wohnungen, früher ließen die Hausfrauen Körbe an den Stockwerken hinunter, mit dem nötigen Kleingeld darin und der brave Mevlut füllte ihre Behälter. Hunde kann der Boza-Verkäufer an sich nicht ausstehen, aber mutig umrundet er die lauernden Rudel in der Metropole Istanbul, ein bescheidener junger Mann, der von der großen Liebe träumt.

Diese Liebe hat er auf einer Hochzeit getroffen, sie ist die Schwester der Braut und Tag für Tag träumt er von ihr und schickt ihr Liebesbriefe nach Hause, nach Anatolien; er will sie entführen, er will sie zu sich nach Istanbul holen und dort mit ihr leben. Doch schließlich bekommt er Rayiha, die ältere Schwester seiner Angebeteten zur Frau. Mevlut ist traurig, melancholisch und macht das Beste aus seiner Situation: Seit fünfundzwanzig Jahren streift er durch Istanbul, bekommt zur Hochzeit eine wunderschöne Uhr geschenkt, die ihm bei dem einzigen Überfall auf ihn von zwei Räubern abgenommen wird. Die wollen es gar nicht glauben, dass Mevlut, der so fleißige Händler und Verkäufer, nicht zu den Reichgewordenen der Stadt gehört, sondern noch immer bescheiden lebt, keine Häuser besitzt und dennoch glücklich ist. Mit Mevlut und seinen Lieben verändert sich auch Istanbul. Warum schimpfen die Leute zum Fenster hinaus auf die Fußball spielenden Jugendlichen, vielleicht die studierten Enkel früherer Joghurtverkäufer. Die Häuser werden höher und hässlicher, Mavlut wird melancholisch, wenn er seine eigenen Brief zusammen mit Samiha liest und jetzt an seine Liebe zu Rayiha denkt, ja, es ist Liebe geworden zwischen den beiden.

Entscheidend war, dass Mevlut dabei nicht sentimental wurde und von dem Jungen Mann, der die Briefe geschrieben hatte, beinahe so sprach, als sei das nicht er selbst gewesen. So beging er zum einen gegenüber Reyiha keine Respektlosigkeit und schmeichelte dennoch Samihas Eitelkeit, indem er davon sprach, wie verliebt er damals in sie war.

 

Der Autor, Nobelpreisträger für Literatur (2006 – ist das schon wieder lang her!), 2005 mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet, wurde 1952 in Istanbul geboren, hat Architektur und Journalismus studiert und u. a. mit seinem realen Museum der Unschuld – gleichnamiger Roman „Das Museum der Unschuld (2008)“ – ein Juwel in Istanbul geschaffen, das die Geschichte in der Geschichte einer verzweifelten Liebe zeigt.

 

Was Sie versäumen, wenn Sie das Buch nicht lesen: Einzigartige Rundgänge durch Istanbul, die Versponnenheit eines Boza-Verkäufers, der nie reich werden wollte und so viele Menschen kennenlernte, der so intensiv lieben konnte, dass man Nachhilfe benötigt, das Gefühl, ein kleiner, lesender Teil eines großen Ganzes werden zu können, intensive Spaziergäng durch die Jahre und durch Istanbul.

 

 

Orhan Pamuk:

Diese Fremdheit in mir.

Abenteuer und Träume des Boza-Verkäufers Mevlut Karatas und seiner Freunde sowie ein aus zahlreichen perspektiven erzähltes Panorama des Istanbuler Lebens zwischen 1969 und 2012.

Aus dem Türkischen von Gerhard Meier.

München: Hanser Verlag 2016

Christina Repolust

wurde 1958 in Lienz/Osttirol geboren. Sie schloss das Studium der Germanistik und Publizistik in Salzburg ab. Seit 1992 ist sie Leiterin des Referats für Bibliotheken und Leseförderung der Erzdiözese Salzburg und unterrichtet nebenbei Deutsch als Fremdsprache. Zudem leitet sie Literaturkreise und Schreibwerkstätten für Groß und Klein. Ihre Leidenschaft zu Büchern drückt die promovierte Germanistin so aus: „Ich habe mir lesend die Welt erobert, ich habe dabei verstanden, dass nicht immer alles so bleiben muss wie es ist. So habe ich in Romanen vom großen Scheitern gelesen, von großen, mittleren und kleinen Lieben und so meine Liebe zu Außenseitern und Schelmen entwickelt.“

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