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Satz für Satz der Sprachlosigkeit der Kindheit entkommen
Annemarie Regensburger: Gewachsen im Schatten.

Die 1948 in Stams/Tirol geborene Autorin Annemarie Regensburger hat sich bereits als kleines Mädchen Gedichte gut gemerkt, hat manche Zeilen besonders eigenwillig betont und sich immer viele Gedanken gemacht. Wörter habe sie aufgegabelt, so erinnert sie sich in ihrem aktuellen Buch „Gewachsen im Schatten“ an Episoden ihrer Kindheit. Die Mutter hat immer für zwei arbeiten müssen, war doch der Vater, der Tate, körperlich und psychisch schwer angeschlagen. Er spürt, dass er große Schuld auf sich geladen hat, bricht in der Kirche weinend zusammen, krümmt sich im Bett zusammen, will es als seinen sicheren Ort nicht mehr verlassen.

Dazu kommen seine Wutanfälle, die Unberechenbarkeit, die in der Familie Angst auslöst, dabei verlieren sie aus den Augen, wie viel sich die Mutter auflädt. Viel Arbeit, wenig Anerkennung: So begegnet man der Mutter, die nicht genug für den hochbegabten und belesenen Bauern zu sein scheint. Dann aber doch die richtige wird.

Im Juni 1951 wird Annemarie Regensburgers Vater in die Landesheil- und –pflegeanstalt Hall eingewiesen, die Diagnose lautet „Schizophrenie“. Daheim werkt die Mutter weiter, wird geächtet, findet ihren Humor wieder, lacht, pfeift und erzählt Witze. Sie rackert weit über ihre Kräfte hinaus. Nur an so manchem Sonntagnachmittag legt sie sich ins  Bett und genießt es, Liebesromane zu lesen.

Lesen wird auch die große Leidenschaft der Tochter, die davon träumt, einmal Lehrerin zu werden. Die Mama ist die allerbeste Köchin, das Mädchen will auch eine allerbeste Köchin werden und Lehrerin, das auch. Am Hohen Frauentag, 15. August, kocht die Mama noch einmal so richtig auf, am nächsten Morgen weckt sie ihre Mädchen, zum letzten Mal um sieben Uhr in der Früh. Um halb acht läutet die Sterbeglocke. Nun ist sie ihren Verwandten ausgeliefert, die Cousine nimmt die Kleine zu sich, der Ton ist harsch, die Haltung ein einziger Vorwurf ans Leben und die Angst wird siebenmal stärker.

Krieg, Nationalsozialismus, Gefühlskälte und Faschismus im Großen wie im Kleinen beeinflussen die Mitwelt, lassen das Mädchen schreckliche Sachen, stets im Dialekt geschrieben, hören. Das Mädchen wird Köchin und das auch gern. Als Erwachsene reflektiert sie früh ihre Familiengeschichte, die Krankengeschichte von Vater und Schwester.

Das Erste, das sie wahrnimmt, sind die Wörter: begutachten – arbeiten – essen – behandeln – verwahren – töten – erziehen – verschicken. Acht Verben, eine unendliche Geschichte von Schicksalen, der Tate (Vater) eines von ihnen.

Obwohl Annemarie Regensburger von ihrer Familie nicht erlaubt oder ermöglicht worden ist, Lehrerin für Deutsch und Geschichte zu werden, ist sie genau das heute als Schriftstellerin. Sie erzählt und liest vor Schulklassen und öffnet Ohren, Augen und Herzen dabei. Ihre Lyrik begeisterte damals schon H. C. Artmann, die Übersetzung des Klassikers „Der kleine Prinz“ ins Tirolerische ein Gewinn und Genuss.

Annemarie Regensburger: Gewachsen im Schatten. Geschichte einer Befreiung.
Innsbruck: Tyrolia 2014.
ISBN 978-3-7022-3301-3.

 

Tipp: Schauen Sie sich um im vor 10 Jahren u. a. von Annemarie Regensburger mitbegründeten Wortraum. www.wortraum-oberland.at

Christina Repolust

wurde 1958 in Lienz/Osttirol geboren. Sie schloss das Studium der Germanistik und Publizistik in Salzburg ab. Seit 1992 ist sie Leiterin des Referats für Bibliotheken und Leseförderung der Erzdiözese Salzburg und unterrichtet nebenbei Deutsch als Fremdsprache. Zudem leitet sie Literaturkreise und Schreibwerkstätten für Groß und Klein. Ihre Leidenschaft zu Büchern drückt die promovierte Germanistin so aus: „Ich habe mir lesend die Welt erobert, ich habe dabei verstanden, dass nicht immer alles so bleiben muss wie es ist. So habe ich in Romanen vom großen Scheitern gelesen, von großen, mittleren und kleinen Lieben und so meine Liebe zu Außenseitern und Schelmen entwickelt.“

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