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Soll mir keiner kommen und sagen, ich hätte kein Glück mit ihr: Von der tiefen Zuneigung zu einer ziemlich mickrigen Fuchsien-Pflanze.

Ich hab auch kein Glück mit meinen Fuchsien«, meinte letzthin ein Bekannter, der eingeladen war, einige meiner Topfpflanzen zu besichtigen. Sprach’s, ging vorbei und würdigte eine meiner erklärten Lieblingspflanzen keines weiteren Blicks. Wie? Was?

»A u c h  kein Glück?« Was bitte schön soll »auch« bedeuten? Er mag vielleicht kein Glück haben mit seinen Fuchsien, ich habe Fuchsien-Glück – selbst wenn sich dieser Umstand dem Auge des Ungeübten vielleicht nicht sofort erschließt! Sofort fühlte ich mich wie eine aus allen Wolken fallende entzückte Jungmutter im Endorphinrausch, der bisher alle Freunde verschwiegen hatten, dass sie ein besonders hässliches Kind hat. Ich verfiel in eine lange Brüterei über den Umstand, dass klassische Pflanzenschönheit und emotionale Bindung an eine Pflanze in krassem Widerspruch zueinander stehen können.

Die Fuchsie, um die es geht, beschäftigt mich seit Jahren. Sie war nichts als ein armseliger Setzling mit kaum einem halben Dutzend Blättern, als ich sie geschenkt bekam. Ihr Sortenname ist ziemlich plump: »Deutsche Perle«. Dafür handelt es sich um eine uralte Sorte; ein Umstand, der allein deshalb schon dazu angetan ist, mein stets sehnsuchtsvoll in die Vergangenheit blickendes Wesen zu erfreuen.

Außerdem habe ich die »Deutsche Perle« höchstpersönlich zum Hochstämmchen getrimmt. Hochstämmchen sind eine zwiespältige Angelegenheit, aber in besagtem Fall schienen Pflanze und Darbietungsform gut zueinanderzupassen. Außerdem wollte ich meine bis dato brachliegenden Pflanzentrimm-Fähigkeiten erproben. Ich hielt mich dabei streng an die einschlägige Fuchsien-Fachliteratur, die die »Perle« als prinzipiell hochstammwillig auswies: Ich stützte also die »Perle« vorschriftsgemäß mit einem Bambusstab und zwang ihr langsam verholzendes Stämmchen nach und nach vorsichtig in die Vertikale, indem ich es alle zwei Zentimeter mit Bastschleifen am Bambusstab festband. Die Blatttriebe am Stamm brach ich ab. Ich war ziemlich nervös. Die »Perle«, so kam mir vor, ächzte leise, als ihrer natürlichen Wachslust solcherart Zwang angetan wurde. Nach einer Stunde vorsichtigen Nestelns und Zupfens hatte ich mein erstes Fuchsien-Hochstämmchen. Ich war tief beeindruckt.

Die »Perle« lieferte in der Folge zwei Jahre lang eine halbherzige Blüh-Performance, ließ den einen oder anderen Ast abtrocknen, kränkelte im Winterquartier und hat jetzt – einer neuen Eingebung von mir folgend – im verglasten Zugang zum Garten Quartier bezogen. Sie ist keine strahlende Erscheinung, sie entwickelt sich eher so lala. Außer mir ist sie wohl noch niemandem weiter aufgefallen. Ich habe sie dafür ständig im Blick. Und: So vielversprechend wie in diesem Frühjahr war sie noch nie. Natürlich habe ich das bisher noch jedes Jahr gesagt. Und jedes Jahr aufs Neue geglaubt. Die »Schöne Perle« liegt mir am Herzen. Die wahre Schönheit kommender Jahre trägt sie – das spüre ich deutlich – im Tornister. Es soll mir also keiner kommen und behaupten, ich hätte kein Glück mit ihr.


Erschienen in „Welt der Frau“ 3/2012 – von Julia Kospach