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Schreiben ist Geldverdienen

Nelia Fehn ist blass und vital, schutzlos im Rummel des Literaturbetriebes und so gar nicht beeindruckbar von den großen Gesten der Literaturgesellschaft in Frankfurt. Wer sich hier zu inszenieren versteht, hat kurze 15 Minuten Berühmtheit, dann ist es auch schon wieder vorbei mit dem Blitzlicht. So ist also der Buchmarkt, dabei geht es dieser Jungautorin doch ums Schreiben.

Nur wenige Stunden vor ihrem Auftritt als Autorin, deren Werk und damit auch sie es auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises geschafft haben, in Frankfurt hat sie einen anderen, einen endgültigeren überlebt: das Abschiednehmen von ihrem Großvater in der Aufbahrungshalle. Nur nichts falsch machen, das sagte sie sich vor, als sie Opi noch einmal berührte. Auch das war falsch, so spiegelt es ihr die Familie.

Marlene Streeruwitz packt in diese Episoden Kritik am System, Spiel mit dem System, Karikatur und Freude in der Wiedergabe der Widrigkeiten solcher Wettbewerbe. Da gibt es die alten Fachmänner, die genauso süffig über die Literatur quatschen wie sie eloquent den Wein beschreiben, den sie – gratis natürlich, das ist wichtig – serviert bekommen. Einen Flirt mit einer Jungautorin soll es doch noch dazu geben? Ach nein, die Nelia Fehn, aha, die soll ja eine Kratzbürste sein.

Dialog um Dialog schrumpfen die Ideale, der Literaturbetrieb sei ein nettes Freundetreffen und jedes Gespräch über Bücher auch wirklich ernst gemeint. Dann auch noch dieser Vater, der seine Tochter hier in Frankfurt treffen will. Und Nelias Sehnsucht nach ihrem Freund. Ach so, eine Frage noch: „Ist Ihre Liebesgeschichte auch politisch? Krise in Griechenland?“

„Sie hatte gedacht, sie käme durch ein literarisches Auswahlverfahren auf diese Liste. Sie hatte gedacht, die Jury las alle Bücher, die in einer Saison erschienen, und dann wurde ausgewählt. Der Gruhns hatte sie denen angetragen. Angebiedert. Ans Herz gelegt, womöglich.“

Nelia gibt ihr erstes Fernsehinterview und muss sich konzentrieren. Was bedeuten denn all diese Fragen: Wer hat ein Buch gemacht? Sie nicht, denn sie hat doch den Text geschrieben, das Buch, das hat der Verleger gemacht. Dabei könnten Texte doch die Zukunft vermitteln?

Warum gab es eigentlich die Sprache? Damit ein Text für sich steht, oder? Nelia erinnert sich in Frankfurt noch stärker als sonst an ihre verstorbene Mutter, die erfolgreiche Schriftstellerin. Frankfurt als Sammelplatz literarischer Worthülsen, unbedeutender Treffen und schriller Fotos, am besten mit Erfolgsautorinnen, am liebsten mit den Siegerinnen oder wenn es gar nicht anders geht, auch mit einer besonders wütenden Autorin. Den Wein sollte es also immer gratis geben, die Autorinnen auch ein wenig Privates äußern und dann ist auch dieser Zirkus vorbei.

Marlene Streeruwitz: Nachkommen
Roman. Frankfurt: Fischer Verlag 2014

 

Christina Repolust

wurde 1958 in Lienz/Osttirol geboren. Sie schloss das Studium der Germanistik und Publizistik in Salzburg ab. Seit 1992 ist sie Leiterin des Referats für Bibliotheken und Leseförderung der Erzdiözese Salzburg und unterrichtet nebenbei Deutsch als Fremdsprache. Zudem leitet sie Literaturkreise und Schreibwerkstätten für Groß und Klein. Ihre Leidenschaft zu Büchern drückt die promovierte Germanistin so aus: „Ich habe mir lesend die Welt erobert, ich habe dabei verstanden, dass nicht immer alles so bleiben muss wie es ist. So habe ich in Romanen vom großen Scheitern gelesen, von großen, mittleren und kleinen Lieben und so meine Liebe zu Außenseitern und Schelmen entwickelt.“

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