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Selbstversuch: Leben ohne Fernbedienung
Jeden Abend erschöpft vorm Fernseher zu landen – das kann doch nicht alles gewesen sein. Ich bin dann einmal auf Fernsehentzug und halte mich tapfer.

Ohne Energie für große Abenteuer saß ich allabendlich auf der gemütlichen Couch vor dem Fernseher. Mein letzter Kraftakt galt dem Zappen – von Sender zu ­Sender, von Krimi zu Krimi. Denn diese beherrschten das Angebot der gefühlten 100 Sender, die mir zur Verfügung standen. Gemeuchel und Gemetzel am Abend? Ich regte mich jedes Mal mordsmäßig auf.

Irgendwann fasste ich den Entschluss. Der Fernseher kommt weg! Weniger Ärger und täglich zwei, drei, vier Stunden mehr abendliche Freizeit waren verlockend genug. Gesagt, getan. Um nur ja nicht in Versuchung zu kommen, verbannte ich das Fernsehgerät in den Abstellraum. Ich notierte – einen Plan brauchte ich dann doch – neue abendliche ­Beschäftigungen: Lesen, Schaumbäder, für meine Ausbildung lernen, Körperübungen und Meditation, Hausarbeit, ins Kino und Kaffee­haus gehen. Mein Abendprogramm ohne Fernbedienung war festgelegt.

Klingt gut, ist es auch. Aber die Entzugserscheinungen, man kann das wirklich nicht anders benennen, waren anfangs nicht ohne. Wobei ich wusste: Das geht vorbei. Diese Erfahrung hatte ich 15 Jahre zuvor bereits gemacht, als ich meinen ersten Fernsehentzug erfolgreich durchzog. Ich war also ambitioniert: ein gemütliches Wochentags-Schaumbad, dann mit einem Buch ins Bett. Die Verabredung auf ein Glas Wein, ganz ohne Grund. Endlich genug Zeit für Küche und Wäsche. Am Ende eines ­Tages eine Sequenz des Sitzens in Stille. Alles gut. Ich fühlte mich herrlich. Am ersten Samstag kamen die Nervosität und ein doch recht seltsames Gefühl von Leere. Beidem hielt ich einen langen Spaziergang entgegen. Sein Effekt war wohlige ­Müdigkeit, den Rest erledigten Ent­spannungsbad und Buch. Der Schlaf war tief und lang. Am ersten fernsehlosen Sonntag trickste ich mich mit einem Kinobesuch am späten Nachmittag aus. Ich bin bei Tag zwölf der fernsehfreien Zeit. Als Ersatzdroge blinzelt mich der Laptop mit seinem DVD-Laufwerk an. Ich widerstehe. Denn so gut habe ich lange nicht geschlafen. Ruhiger fühle ich mich auch. Drei Bücher – ein Krimi war auch dabei – habe ich fertig gelesen. So viele Möglichkeiten ohne Flachbildschirm! Ein bisschen stolz bin ich auch. Endlich nicht
nur ­gejammert.

FEINES ERSATZPROGRAMM
Wie verlockend, den Abend am wohlverdienten Feierabend als Couchkartoffel vor dem Fernseher zu verbringen. Aber schaut so wirklich ein „Feierabend“ aus? Einen Versuch ist es wert, das Kastl aus dem Leben zu verbannen. Da gibt es plötzlich so viel Zeit für andere Dinge. Manchmal ist es auch ein bisschen leer. Aber das entspanntere Sein mit gutem Schlaf, viel Radiohören und noch mehr Büchern ist fein.

Erschienen in „Welt der Frau“ 02/17 – von Carola Malzner