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Sich dem Wandel zu stellen, gibt Hoffnung

Dieses Buch spricht Klartext, ohne Polemik zu strapazieren. Es fasst Geschehnisse zusammen, ohne besserwisserisch daherzukommen, es spricht Verschwiegenes und Ausgeblendetes an, wie etwa die rassistische Verfolgung in und aus den Ländern des Westbalkans. Danach will man den Begriff „Wirtschaftsflüchtling“ nicht mehr benutzen, zumindest nicht mehr in dem Sinne „wird zurückgeschickt, keine Bedrohung zu erkennen“. Wer sich mit Szenarien des Land Grabbings vertraut machen will, findet hier zügige Kommentare und Analysen. Ja, was genau leistet der Westen nun eigentlich, um Fluchtursachen zu bekämpfen?

Der Begriff Land Grabbing beschreibt eine fragwürdige Praxis der Landaneignung. Demnach wird Land von lokalen oder staatlichen Machthabern an Firmen oder Fonds verpachtet oder verkauft. Allerdings ohne Rücksicht auf die Menschen, die bereits seit vielen Generationen auf diesem Land leben und es bewirtschaften. Um die Tragweite dieser Geschäfte zu ermessen, müssen wir berücksichtigen, dass es nicht überall die etablierte Form des Grundbuchs gibt, wonach Eigentum an Grund und Boden verschriftlicht und nachweisbar festgehalten wird.

Worauf der westliche Wohlstand basiert, auf Ausbeutung, legt die Autorin an mehreren Beispielen dar, hier kann es wohl keinen Widerspruch geben, der eigene Fleiß, das westliche gute Wirtschaften in Ehren, aber wer will die Existenz der Textilfabriken in Bangladesch noch leugnen und kauft trotzdem gern und viel von den dort produzierten Textilien. Ja, auch die Edel-Shrimps, die niemanden wirklich satt machen, gehören zum Ocean-Grabbing und sollten einem allmählich nicht mehr schmecken. Dass sich die reichen Länder der Erde nicht angemessen an der Finanzierung der UNHCR-Camps beteiligen, verkünden die Medien seit langem: Hier noch einmal nachzulesen, gern auch für Erörterungen in Schulen zu verwenden. Kipping entwirft ein schönes Bild von liquiden Kulturen, die sich also ständig verändern und verweigert den Begriff der Leit- und Nationalkulturen: Kultureller Wandel sei Ausdruck von Reichtum und Lebendigkeit, Migration eine der wesentlichen Antriebskräfte der Menschheitsgeschichte.

Der Satz vom vollen Boot kann zudem auch von den Zahlen her nicht belegt werden.

 

Was Sie versäumen, wenn Sie das Buch nicht lesen: Klarheit, Direktheit in der Analyse der Fluchtbewegungen, Anteile des Westens an diesen Fluchtbewegungen, ein Gespür für die Ungerechtigkeiten der Weltwirtschaftsordnung, Analyse der derzeitigen Situation, interessante und originelle Rechnungen der Verteilung, viele Fragen mitten in die eigene Behaglichkeit der Betroffenheitskultur hinein.

 

Die Autorin ist seit 2005 Mitglied des Deutschen Bundestags, Parteivorsitzende der Partei DIE LINKE; sie hat Slawistik, Amerikanistik und Öffentliches Recht an der TU Dresden studiert und ist Gründungsmitglied des Instituts Solidarische Moderne. Sie lebt in Berlin und Dresden.

 

 

Katja Kipping:

Wer flüchtet schon freiwillig.

Die Verantwortung des Westens oder Warum sich unsere Gesellschaft neu erfinden muss.

Frankfurt: Westend 2015.

Christina Repolust

wurde 1958 in Lienz/Osttirol geboren. Sie schloss das Studium der Germanistik und Publizistik in Salzburg ab. Seit 1992 ist sie Leiterin des Referats für Bibliotheken und Leseförderung der Erzdiözese Salzburg und unterrichtet nebenbei Deutsch als Fremdsprache. Zudem leitet sie Literaturkreise und Schreibwerkstätten für Groß und Klein. Ihre Leidenschaft zu Büchern drückt die promovierte Germanistin so aus: „Ich habe mir lesend die Welt erobert, ich habe dabei verstanden, dass nicht immer alles so bleiben muss wie es ist. So habe ich in Romanen vom großen Scheitern gelesen, von großen, mittleren und kleinen Lieben und so meine Liebe zu Außenseitern und Schelmen entwickelt.“

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