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Sie ist einfach die Beste!

Freundinnen sind Netz, Stütze und wesentliche Gesprächspartnerinnen in allen Lebenslagen – auch wenn wir nicht immer so viel Zeit für sie haben, wie wir uns wünschen würden. Dass sie uns ähnlich sind, ist dabei gar nicht so wichtig wie etwas anderes: Vertrautheit.

Es ist ein Donnerstagabend kurz vor dem Internationalen Frauentag in einer ebenerdigen Eckhausgalerie in Neubau, dem siebten Wiener Gemeindebezirk. Die Bezirksvertretung der „Grünen“ hat zur Ausstellungseröffnung der Fotografin Aleksandra Pawloff geladen. Die Schau trägt den Titel „Freundinnen“. Langsam füllen sich die beiden Galerieräume, Weingläser klirren leise, man steht in kleinen Gruppen zusammen und plaudert. Die Atmosphäre ist heiter und ungezwungen, viele kennen einander. Die Schauspielerin Anne Bennent, eine der „Freundinnen“ auf Pawloffs Bildern, hält eine kurze, leicht trunkene Rede. An den Wänden hängen groß- und kleinformatige Fotografien, lauter Porträts: eine Frau, die mit angezogenen Beinen auf ihrem Bett sitzt, ein Brot isst und dabei ins Leere schaut. Anne Bennent selbst, die sich vor dem Spiegel die Haare hochsteckt. Eine Frau, die ihr Kaffeehäferl in der Hand hält, wieder eine andere an ihrem Schreibtisch. Badezimmerszenen, Unterhemden, ungemachte Betten. Eine verdichtete, gänzlich unvoyeuristische Intimität liegt über den Szenen und Gesichtern auf diesen Fotos.

Der Freundschaft von Edith Lahner (links) und Michaela Hirsch haben die jahrelangen Auslandsaufenthalte von Michaela nichts anhaben können. Im Gegenteil – Frequenz innig!

BEI SICH BLEIBEN
Seit fast 20 Jahren, erzählt Aleksandra Pawloff, fotografiere sie nun ihre Freundinnen. Makellosigkeit habe sie dabei nie interessiert, sagt sie, sondern jene Momente sichtbar zu machen, in denen sich Menschen öffnen. Deshalb hat sie ihre Freundinnen gebeten, dabei sein und fotografieren zu dürfen, wenn diese am Morgen allein mit sich sind. „Es erfordert viel Mut, so bei sich zu bleiben, dass ich auf dem Bild als Beobachterin nicht spürbar bin“, sagt Pawloff. Ohne Freundschaft, Vertrauen und Vertrautheit hätte das nicht funktionieren können.

In großer Vertrautheit bei sich bleiben können: Damit formuliert die Fotografin einen zentralen Punkt, den Frauen immer wieder betonen, wenn sie nach ihren engen Freundinnen gefragt werden und danach, was sie an der Freundschaft mit ihnen so schätzen. Das „Nicht-verstellen-Müssen“ nennen es die beiden langjährigen Freundinnen Martina Kohnhauser und Barbara Eisl. 

AUFGEHOBEN SEIN
Wenn eine Frauenfreundschaft gelingt, dann ist es genau „dieses Gefühl des Aufgehobenseins, das einen trägt“, hat auch Erika Alleweldt festgestellt. Alleweldt ist Soziologin an der Berliner Humboldt-Universität, hat eine Studie zu Freundschaften von Frauen aus verschiedenen sozialen Milieus durchgeführt und dazu auch ein Buch geschrieben („Die differenzierten Welten der Frauenfreundschaften“, Velbrück Verlag, 30,80 Euro). Alleweldt wollte wissen: Wie sieht die Realität von Frauenfreundschaften heute aus? Wie pflegt man sie zwischen Karriere, Kind und Kegel, was macht sie tragfähig und: Was lässt sie scheitern? Auch mit Stereotypen hat sich Alleweldt beschäftigt. Sie hat dabei versucht, sehr genau zwischen gesellschaftlichen Zuschreibungen und Erwartungen und tatsächlich gelebter Freundschafts­praxis zu unterscheiden.

15_160329-01 Sofia und Sarah-0577 RGB KLEINKLISCHEES UND VORURTEILE
Das ist nicht ganz einfach. Denn die Geschichte der Frauenfreundschaft ist vor allem auch eine lange Geschichte der Vorurteile. Das beginnt beim großen (und in vielem anderen so aufgeklärten) französischen Philosophen Michel de Montaigne, der im 16. Jahrhundert in seinem berühmten Essay „Über die Freundschaft“ Frauen die Fähigkeit zur Freundschaft rundweg absprach, und endet bei einer Reihe von Negativklischees, die sich, immer wieder auf die Schnelle dahingesagt, mit großer Hartnäckigkeit halten. Zum Beispiel: Frauenfreundschaften erschöpften sich in endlosem Beziehungsgequassel und zerbrächen bei der ersten Gelegenheit an Neid, Rivalität und Eitelkeit. Sie habe nicht feststellen können, dass Neid und Eitelkeit bei den von ihr untersuchten Frauenfreundschaften ein großes Thema sei, erzählt Erika Alleweldt. Im Konfliktfall spielten ganz andere Dinge eine Rolle, sagt sie, nämlich Vertrauensverlust oder das Gefühl, ausgenützt zu werden. Und das negativ formulierte „Gequassel“ von Frauenfreundschaften könne man auch anders betrachten und diese als „gesprächsintensiver“ beschreiben. Genau so haben die Frauen, mit denen Alleweldt für ihre Studie gesprochen hat, ihre wichtigen Frauenfreundschaften im Vergleich zu denen mit Männern nämlich bezeichnet. Das scheint der Wirklichkeit mehr zu entsprechen.

FREUNDE ALS NETZWERK
Wichtig ist auch ein anderer Befund. In der individualisierten Gesellschaft von heute wird Freundschaft oft „als dritter Weg zwischen Wohlfahrtsstaat und Familie postuliert“. Frauenfreundschaften gelten diesbezüglich als besonders bedeutsam, nicht nur, aber auch weil Frauen eine deutlich höhere Lebenserwartung haben als Männer. Jedenfalls sind sich SoziologInnen und PsychologInnen einig: Freundschaften erleben gerade eine deutliche Aufwertung, nicht zuletzt als Netzwerke für Beruf und Alter. Zum einen tun sie uns einfach gut. Wenn wir gute Freundschaften pflegen, leben wir mehr als 20 Prozent länger, das zeigen Untersuchungen. Unser Selbstbewusstsein ist besser, wir haben erheblich stabilere Liebesbeziehungen und unser Immunsystem funktioniert besser.

Lesen Sie weiter in „Welt der Frau“ 05/16.

Gegenseitige Hilfe

Martina Kohnhauser (42) und Barbara Eisl (41)
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Martina Kohnhauser (rechts) und Barbara Eisl sind innige Freundinnen und treffen sich zweimal die Woche – zum Ratschen und zum Arbeiten. Für Martinas Firma „Gugerschecken“ helfen sie oft zusammen und nähen flotte Mode- und Heimaccessoires aus Trachtenstoffen.

Nicht jede Freundschaft hat ihren Ort. Die von Martina Kohnhauser und Barbara Eisl hat einen – den Leitnerbauer-Hof von Barbara Eisls Familie über dem Wolfgangsee. Gerade sind ein paar Ziegenkitze geboren, in einer Schachtel in der Küche sitzt ein Kücken unter dem Wärmelicht, und ständig wuseln Hunde, Katzen und Kinder durch Haus, Stall und Wiesen. Barbara und Martina, die mit ihrer Familie im nahen Ischl lebt, treffen sich fast immer hier, meist zweimal in der Woche. Hier auf dem Hof gehen Ratschen, Arbeiten und Familie gut unter einen Hut. Hier können die Freundinnen plaudern und dabei gemeinsam Buffets herrichten, Brotteig ansetzen, Nudeln machen, Käse abpacken, Tiere füttern, Obst klauben oder Marmelade einkochen. Zu tun ist genug, und Martina arbeitet oft mit. „Ich bin Mädchen für alles“, lacht sie. Manchmal hilft auch Barbara bei Martinas kleinem Label „Guckerschecken“ mit, für das sie Mode- und Heim-Accessoires aus Trachtenstoffen nähen. Es ist gegenseitige Freundschaftshilfe, nicht nur in Gefühls-, sondern auch in praktischen Dingen. Für beide steht fest: Mit der besten Freundin kann man offener reden als mit dem eigenen Mann. Ehrlichkeit ist wichtig, sagen sie, und auch, sagt Barbara, dass man sich nie verstellen muss.

„Bis ans Ende der Welt“

Michaela Hirsch (50) und Edith Lahner (63)
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Der Freundschaft von Edith Lahner (links) und Michaela Hirsch haben die jahrelangen Auslandsaufenthalte  von Michaela nichts anhaben können. Im Gegenteil – Frequenz innig!

„Ich bin recht ein Gewohnheitstier“, sagt Edith Lahner, „ich mag gern alles immer gleich, ich bin noch nie umgezogen und habe 40 Jahre im selben Büro in Wels gearbeitet.“ Ganz anders ihre beste Freundin, Michaela Hirsch, die heute nahe Gmunden wohnt. Sie zog mit ihrer Familie jahrelang durch die Welt: Burundi, Guatemala, Bhutan. Ihr Mann arbeitet in Entwicklungsprojekten. Michaela und die Kinder, als sie noch klein waren, gingen mit. Manchmal lebten sie völlig abgelegen, ohne Strom, ohne Fließwasser, nirgendwo ein Geschäft. Es dauerte manchmal Wochen, bis Briefe ankamen. „Ich konnte mir nicht vorstellen, wie die Michi dort lebt, und habe sie total bewundert“, sagt Edith. Sie besuchte ihre Freundin. Sie sagt, nach Burundi oder Guatemala wäre sie sicher nie gefahren, wenn Michaela nicht dort gewesen wäre. „Mir hat das sehr viel bedeutet, dass sie gekommen ist“, sagt Michi und strahlt: „Ich war es ihr wert, dass sie für mich ans Ende der Welt gereist ist.“ In den Wochen, in denen Edith da war, unternahmen sie viel, Edith schaute sich alles an, erzählte von daheim, und Michi merkte, wie sehr ihr der Austausch mit einer Frau, mit ihrer besten Freundin, abgegangen war. Michaela und Edith sagen, diese Erfahrungen verbänden sie bis heute. „Es hat so eine Sicherheit in unsere Freundschaft gebracht“, sagt Michi. „Es hat die Freundschaft verstärkt“, bestätigt Edith, und dann fügt sie lächelnd hinzu: „Und irgendwann warst du dann endlich wieder da.“ Wels–Gmunden ist im Vergleich dazu wirklich keine Distanz.

„Herzensfreundschaften von großer Innigkeit“

Gute Frauenfreundschaften haben eine durchschnittliche Dauer von weit über 20 Jahren. Freundschaftsberater Wolfgang Krüger erklärt, warum sie so stark sind, wo Konfliktpotenziale liegen und was Frauen- und Männerfreundschaften voneinander unterscheidet.
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Wolfgang Kru?ger ist Psychologe, Psychotherapeut und Autor mit Praxis in Berlin. Eines seiner Schwerpunktgebiete ist Freundschaftsberatung. 2015 erschien sein Buch „Freundschaft: beginnen – verbessern – gestalten“ (Books on Demand, 10,20 Euro). | © privat

Welche Erwartungen haben Frauen an ihre Freundinnen?
Sie wollen verstanden werden und suchen Unterstützung in allen Lebensfragen, vor allem in Fragen der Partnerschaft, Kindererziehung und des Umgangs mit Ängsten und Hoffnungen. Die Bedeutung der Unterstützung bei beruflichen Zielen ist meist etwas geringer als bei Männern.

Was hält Freundinnen zusammen?
Gemeinsame Themen und Gespräche, über die große Vertrautheit entsteht. Frauen haben Herzensfreundschaften von großer Innigkeit.

Hat sich das in den letzten Jahrzehnten verändert?
Ja, Freundschaften sind – auch und vor allem für Frauen – erheblich wichtiger geworden. Besonders für Frauen über 70. Sie leben länger als Männer und müssen ein gutes soziales Netzwerk pflegen, um die letzten Lebensjahre aktiv zu bewältigen.

Das gesamte Interview und weitere Porträts lesen Sie in „Welt der Frau“ 05/16.

Erschienen in „Welt der Frau“ 05/16 – von Julia Kospach