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Sie kann nicht mehr zurück

Manche Personen erscheinen so träge, dass man ihnen sofort einen Kaffee kochen möchte. Doch bei genauerem Studium ihrer Bewegungsabläufe, ihrer Mimik merkt man, dass sie sehr präsent sind, nicht im Hier und Jetzt, sondern in ihren Träumen und in jenem Leben, in das sie aufzubrechen sie sich stetig vorbereiten.

So auch Pauline, eine junge Frau und Mutter zweier Töchter, ein wenig gelangweilt im Ferienhaus und noch gelangweilter im Kontakt mit ihren Schwiegereltern; ihr Mann, ein begnadeter Mathematiklehrer, hingegen genießt diese Trägheit, die Tage am Strand an der Ostküste von Vancouver Island. Es ist Pauline, die jede freie Sekunde genießt, nutzt, um sich auf ihren Bühnenauftritt vorzubereiten. „Ach, nur eine kleine Sache!“, macht sie ihre Rolle runter, lächelt bescheiden und doch auch wieder hintergründig. Auch mittelgroße Lieben enden manchmal auf Parkplätzen, werden von Telefonhäuschen aus beendet, in jenen Zeiten, in denen das Handy noch keine Gelassenheit verschenken konnte. Da musste man in der Öffentlichkeit sagen, wo man war und warum man nie, nie mehr zurückkommt. Ja, es sei schon ein anderer Mann im Spiel und nein, der allein habe nicht den Ausschlag gegeben.

Sie besaß keine Möbel mehr. Sie hatte sich abgeschnitten von all den großen, soliden Anschaffungen wie der Waschmaschine und dem Trockner und dem Eichentisch und auf dem aufgearbeiteten Schrank und dem Kronleuchter, der eine Kopie eines Lüsters auf einem Bild von Vermeer war…. Sogar ihre Schuhe konnte sie verloren haben. Sogar ihre Kleidung. (S. 89)

Spitzen auf die Biederkeit lässt Munro auch in der ersten Erzählung dieses Sammelbandes los: Alle jungen Frauen am Strand heißen irgendwie Monica, sind laut, üppig und im Mummy-Modus. Nur die zwei anderen, die ehemaligen Kolleginnen der Stadtbücherei, sind anders, lesen andere Bücher und gehen anders mit dem Baby um: Hier wird gestillt, um bald wieder eine gute Figur zu haben und es soll auch nicht schaden, gelegentlich eine Zigarette dabei zu genießen. Hier spielt Politik eine Rolle, Sonje ist mit einem linken Journalisten verheiratet und Kath liebt den gutbürgerlichen Kent, der sich über die Linken und deren Geplauder lustig macht.

Für ihr Gefühl ging das Leben nach dem Schulabschluss als eine Reihe fortgesetzter Prüfungen weiter, die bestanden werden mussten. Die Erste war, zu heiraten. Wenn eine Frau das nicht mit spätestens fünfundzwanzig getan hatte, dann war diese Prüfung im Grunde nicht bestanden worden. (S. 13)

 

 

Was Sie versäumen, wenn Sie diesen Erzählband nicht lesen: Meerstimmung, Trägheit, die Geschichte hinter dem Vordergründigen, Sekunden-Glück, Träume hinter biederen Fassaden, nicht gelebte Träume, die aufbegehren.

 

Die Autorin, 1931 in Wingham, Ontario geboren, erhielt 2013 den Nobelpreis für Literatur, sie ist eine der wichtigsten Schriftstellerin der Gegenwart: Frauen, die mehr vom Leben und auch von der Liebe wollen, sind ein Hauptmotiv ihrer Erzählungen. Sie hat auch tatsächlich in der Bibliothek von Vancouver gearbeitet.

Heidi Zerning, 1940 in Berlin geboren, arbeitet seit 1990 hauptberuflich als Übersetzerin, sie übersetzt neben Alice Munro auch Virginia Woolf, Truman Capote und Steve Tesich.

 

 

Alice Munro:
Ferne Verabredungen.
Die schönsten Erzählungen.
Aus dem Englischen von Heidi Zernig.
Frankfurt a. Main: Fischer Verlag 2016.
441 Seiten.

Christina Repolust

wurde 1958 in Lienz/Osttirol geboren. Sie schloss das Studium der Germanistik und Publizistik in Salzburg ab. Seit 1992 ist sie Leiterin des Referats für Bibliotheken und Leseförderung der Erzdiözese Salzburg und unterrichtet nebenbei Deutsch als Fremdsprache. Zudem leitet sie Literaturkreise und Schreibwerkstätten für Groß und Klein. Ihre Leidenschaft zu Büchern drückt die promovierte Germanistin so aus: „Ich habe mir lesend die Welt erobert, ich habe dabei verstanden, dass nicht immer alles so bleiben muss wie es ist. So habe ich in Romanen vom großen Scheitern gelesen, von großen, mittleren und kleinen Lieben und so meine Liebe zu Außenseitern und Schelmen entwickelt.“

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