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Soll Prostitution verboten werden?
Das angeblich älteste Gewerbe der Welt ist für viele Frauen bitter verdientes Brot. Weil Prostituierte oft auch Opfer von Menschenhandel sind, will Alice Schwarzer ein gesetzliches Verbot in Deutschland. Sie hat damit eine heftige Debatte ausgelöst.

Hure, Hetäre, Kurtisane, Hübschlerin, Dirne, Trostfrau, Prostituierte oder ganz nüchtern Sexarbeiterin – Frauen, die Sex und ihren Körper verkaufen, haben viele Namen. Doch keiner ist wirklich ehrenwert. Für die einen sind Prostituierte Opfer einer patriarchalen Welt, einer unentrinnbaren Armut oder gewinnorientierter MenschenhändlerInnen. Für die anderen sind sie selbstbewusste Dienstleisterinnen, die nur durch die gesellschaftliche Stigmatisierung an den Rand gedrängt würden.

Braucht es Prostitution? Ist der Kauf von Geschlechtsverkehr ein notwendiges Ventil – vorwiegend männlicher Sexualität? Oder sieht man den Kauf von „Liebe“, wie es etwas euphemistisch heißt, als grundsätzlich menschenunwürdig an? Das Thema polarisiert. Und wie immer schafft die deutsche Feministin Alice Schwarzer noch einmal eine Zuspitzung. Sie will, unterstützt von mehreren Tausend, teilweise prominenten UnterstützerInnen, Prostitution generell verboten wissen. Denn, so ihre Argumente, nahezu 90 Prozent der Frauen seien nur aus Zwang oder infolge von Armut in diesem Geschäftszweig gelandet. Dieser ist noch dazu höchst lukrativ. Nur mit Waffen und Drogen lässt sich noch mehr verdienen.

Doch profitabel sei das Geschäft nicht für die betroffenen Frauen, sondern für die BesitzerInnen von Bordellen, Partytreffs und Saunaklubs, für die ZuhälterInnen und selbst ernannten BeschützerInnen. Alice Schwarzer argumentiert, die Prostitution sei in erster Linie Missbrauch der Macht von Männern über Frauen. Skandinavische Länder wie Schweden hätten dies erkannt und daher in einem breiten Konsens Prostitution für die Anbietenden und die Freier unter Strafe gestellt.

Wie Prostitution gesellschaftlich und gesetzlich zu regeln ist, hat die Kulturen schon immer beschäftigt. Die Regelungen schwankten zwischen totalem Verbot, kultischer Instrumentalisierung sowie Aufwertung und totaler Liberalisierung. So sieht es heute auch quer durch Europa aus. Litauen, Kroatien und Rumänien haben Prostitution gänzlich verboten. In Norwegen und Schweden werden Freier generell bestraft, in Irland und Frankreich werden Freier bestraft, wenn sie Frauen, die zur Prostitution gezwungen wurden, kaufen. Der Großteil der Staaten hat Prostitution nicht verboten, aber auch nicht näher geregelt. In Österreich werden Prostituierte beispielsweise nicht als Gewerbetreibende anerkannt. Wohl sind sie aber krankenversichert.

Die neue deutsche Bundesregierung hat nun angekündigt, Auswüchse der Prostitution wie den sogenannten „Flatratesex“ zu verbieten. Dabei kann ein Freier zu einem festgelegten Preis so viel Sex, wie er will, bekommen. Die Verantwortung der Männer beim Kauf der „Ware Frau“ soll stärker betont werden.

Während die Vereinten Nationen für Menschenhandel und Zuhälterei schon 1949 Bestrafung forderten, sieht Alice Schwarzer im Verkauf des eigenen Körpers einen „fundamentalen Verstoß gegen die Würde des Menschen, des weiblichen wie des männlichen“. Ihr Ansatz ist die Menschenwürde und nicht die moralische Empörung. Folgt man dieser Argumentation, bleibt die Frage, ob Verbot und Bestrafung das Problem lösen. Was machen Frauen, deren letzte Chance, Geld zu verdienen, ist, sich selbst anzubieten? Ein Verbot müsste umfassend flankiert werden. Etwa durch Ausstiegshilfen, Mindestlöhne oder ein bedingungsloses Grundeinkommen.

Natürlich ist alles zu tun, um Gewalt an Kindern zu verhindern – viele Prostituierte wurden als Kind missbraucht – und Armut weltweit zu bekämpfen. Wenn diese heile Welt aber nicht möglich ist, besteht durch ein Verbot die Gefahr, dass Prostituierte erst recht wieder kriminalisiert werden. Viele Frauen fühlen sich von der Debatte nicht angesprochen. Was hat das mit uns zu tun? Vermutlich mehr, als uns lieb ist. Wenn es stimmt, dass jeder zweite Mann mindestens einmal schon Sex gekauft hat, spielt Prostitution auch in Beziehungen hinein, wenn auch nur indirekt. Alice Schwarzer meint, das System Prostitution „degradiert Frauen zum käuflichen Geschlecht“ und „brutalisiert das Begehren“. Darüber wird im Alltag nicht geredet.

Für Alice Schwarzer ist eine Welt ohne Prostitution vorstellbar. Wie würden unsere Beziehungen ohne sie aussehen? Was könnten wir an Menschlichkeit gewinnen?

Christine Haiden meint, in der Debatte um ein Verbot der Prostitution sind viele Aspekte abzuwägen.

Prostitution, Menschenhandel

  • „Appell gegen Prostitution“ nennt Alice Schwarzer, Gründerin und Herausgeberin der Zeitschrift „EMMA“, ihre jüngste Aktion.
    Taktisch vor den deutschen Regierungsverhandlungen im Herbst 2013 positioniert, fordert sie ein komplettes Verbot der Prostitution in Deutschland.
  • Der Weg der Liberalisierung des Sexgewerbes habe den Frauen nur geschadet. Mehr denn je blühten in Deutschland Menschhandel und Zwang zur Prostitution. Daher müssten alle Gesetze rasch geändert werden, um Frauenhandel und Prostitution Einhalt zu gebieten, über die Folgen von Frauenkauf aufzuklären und die Frauenkäufer, genannt Freier, zu ächten, wenn nötig zu bestrafen.
  • Der Appell ist nachzulesen auf: www.emma.de

 

Erschienen in „Welt der Frau“ 01/14 – von Christine Haiden

Illustration: www.margit-krammer.at